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Der Norden Heimleiter des umstrittenen Kinderheims in Rumänien beklagt Haftbedingungen
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Heimleiter des umstrittenen Kinderheims Maramures in Rumänien beklagt in offenem Brief Haftbedingungen

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19:00 26.10.2019
Was ist in diesem rumänischen Kinderheim wirklich passiert? Das Kinderheim in den Bergen von Maramures gibt Rätsel auf. Quelle: Jutta Rinas
Hannover

Der Leiter des umstrittenen Kinderheims Maramures in Rumänien, Bert S., beteuert in einem offenen Brief aus dem Gefängnis in Bukarest seine Unschuld und beklagt die unmenschlichen Bedingungen seiner Untersuchungshaft. „Unschuldig? Und trotzdem in Haft? Der Versuch einer Beschreibung“ ist der Brief überschrieben. Die Anwälte hätten keinen Einfluss, wüssten nicht, was geschieht, schreibt S.

Auch seine Mithäftlinge wüssten nie, wann wieder ein Antrag auf Hausarrest abgelehnt und stattdessen die Untersuchungshaft um weitere 30 Tage verlängert werde. „Die Angst ist allen anzumerken, an der Schlaflosigkeit, an den nächtlichen Angstträumen“, schreibt S. weiter: „Wohl jeder lernt hier wieder beten. Ich auch.“

Man betreue S. über die Auslandsvertretungen in Rumänien konsularisch und stehe mit dem Rechtsanwalt in Kontakt, heißt es vonseiten des Auswärtigen Amtes in Berlin. Inhaltlich äußert sich das Auswärtige Amt in solchen Fällen grundsätzlich nicht.

Verdacht des Menschenhandels und der Sklaverei

Der Heimleiter steht im Verdacht, in seinem Projekt, das schwer erziehbare deutsche Jugendliche resozialisieren soll, über Jahre hinweg Kinder und Jugendliche misshandelt zu haben. Jugendämter aus ganz Deutschland schickten Kinder zu ihm – zumeist über den niedersächsischen Jugendhilfeträger „Wildfang“.

Menschenhandel mit Minderjährigen, Ausbeutung, Sklaverei, Gewalt, wirft die rumänische Sonderstaatsanwaltschaft für die Untersuchung von organisierter Kriminalität und Terrorismus (DIICOT) jetzt S. und vier rumänischen Mitarbeitern vor. Vier Jugendliche aus dem Projekt hatten schwerwiegende Vorwürfe erhoben, sie sind derzeit in der Obhut rumänischer Kinderschutzbehörden und sollen in Kürze nach Deutschland zurückkehren. Sie stammen aus Niedersachsen, Hessen und Nordrhein-Westfalen. S. bestreitet alle Vorwürfe.

„Ohne Deckenlampe ist es dunkel“

Seit einer Razzia vor knapp zwei Monaten befinden sich Bert S. und vier rumänische Mitarbeiter in U-Haft, seine Frau steht unter Hausarrest und muss sich einmal wöchentlich bei der Polizei melden. Das Gefängnis in Bukarest sei im Keller; die Fenster ebenerdig (...), rostig, dreifach vergittert“, schreibt S. über seine 13 Quadratmeter große Zelle (inklusive Bad und Hocktoilette), in der er mit einem Mithäftling untergebracht ist. „Ohne die Deckenlampe ist es dunkel.“

Mittags um 13 Uhr würden zwei Suppen, täglich identisch, und ein Weißbrot angeboten: „Das ist die einzige Mahlzeit.“ Er dürfe mit seiner Frau „nicht schreiben, telefonieren, sie nicht sehen“, heißt es in dem Brief weiter. Die Stunde Hofgang finde in einem „geschweißten acht mal zwei Meter großen Käfig“ statt.

Die rumänische Staatsanwaltschaft DIICOT ließ eine HAZ-Anfrage zum Stand der Ermittlungen bislang unbeantwortet. Charakteristisch für den Fall Maramures ist: Viele ehemalige Heiminsassen haben sich mittlerweile über die Medien zu Wort gemeldet und vertreten extrem gegensätzliche Positionen.

Jugendhilfeexperten unterstützen Bert S.

Bemerkenswert ist allerdings auch: Immer mehr Fachleute aus der Jugendhilfe setzen sich öffentlich für Bert S. ein. Als „absurd“ bezeichneten jetzt gegenüber der HAZ der Kasseler Pädagoge Gert Kothe und sein Kollege Helmut Beutler die Anschuldigungen. Sie seien in Sorge, dass ein gutes Projekt kaputt gemacht werde, das gerade bei Jugendlichen, bei denen alle Hilfen in Deutschland gescheitert seien, Erfolge verzeichnet habe.

Beide Pädagogen sind seit mehr als zehn Jahren Supervisoren in dem rumänischen Kinderheim, und beobachten auch in Deutschland Jugendhilfeprojekte. Einmal jährlich für jeweils eine Woche lebten und arbeiteten sie in Maramures. Sie hätten, wie die Eltern, Vormünder, Jugendämter, immer mit allen Jugendlichen reden dürfen. Das Projekt habe manchen sehr gut, manchen gar nicht gefallen, nie habe aber jemand gesagt, er werde misshandelt.

Ähnlich hatte sich zuvor der Neubrandenburger Pädagogikprofessor Werner Freigang geäußert, der das Projekt evaluiert.

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Von Jutta Rinas

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