Herzmuscheln sterben in der Nordsee: Ostsee bleibt verschont
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Der Norden Darum stirbt die Herzmuschel in der Nordsee – aber nicht in der Ostsee
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Herzmuscheln sterben in der Nordsee: Ostsee bleibt verschont

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18:07 29.08.2020
In der Nordsee haben es Herzmuschel wegen Hitze und Parasiten gerade schwer.
In der Nordsee haben es Herzmuschel wegen Hitze und Parasiten gerade schwer. Quelle: Manfred Richter/pixabay/hfr
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Rostock/Cuxhaven

Die Hitzewelle der vergangenen Wochen macht offenbar der Herzmuschel zu schaffen: Im Wattenmeer der Nordsee wurden zuletzt zahlreiche tote Exemplare entdeckt. Als einen weiteren Grund für das Massensterben vermuten Experten den Befall mit Parasiten, die den geschwächten Muscheln weiter zusetzen.

In der Ostsee werden dagegen bislang keine Auffälligkeiten beobachtet, weil hier andere Bedingungen herrschen. Die Herzmuschel zählt neben der Miesmuschel zu den wichtigsten heimischen Muschelarten.

Die Sonne gibt ihnen den Rest

„Es sind nur Muscheln in Flächen befallen, die bei Ebbe längerfristig trockenfallen“, erklärt Kai Eskildsen, Ökologe bei der Nationalparkverwaltung Wattenmeer Schleswig-Holstein. „Besonders problematisch ist es, wenn das Niedrigwasser in die heiße Mittagszeit fällt.“

Herzmuscheln, die einige Zentimeter tief im Sand leben, wandern bei Wärme an die Oberfläche, weil warmes Wasser wenig Sauerstoff enthält und ihnen so die Luft ausgeht. „Und oben angekommen, gibt ihnen dann die Sonne den Rest“, erklärt Eskildsen.

Keine Herzmuscheln im Zingster Windwatt

Wattflächen finden sich an der Ostsee selten, da es hier kaum Gezeiten gibt. Zu den bekanntesten Watten zählt das Windwatt auf der Halbinsel Zingst, das je nach Windrichtung trocken oder unter Wasser liegt. „Es ist allerdings oft lange trocken, so dass dort keine Herzmuscheln leben können“, erklärt Gernot Haffner, Leiter des Nationalparkamtes Vorpommern.

Andere Windwatten fallen nur bei langanhaltenden Stürmen mit ablandigem Wind trocken, solche Wetterlagen kommen aber selten zusammen mit einer Hitzewelle vor.

Wichtige Vogelnahrung

An der Nordsee dagegen ist Watt weit verbreitet, ein großer Teil ist im Nationalpark Wattenmeer unter Schutz gestellt – und damit auch die Herzmuschel. „Sie bildet eine wichtige Nahrungsgrundlage für Vögel“, sagt Ökologe Eskildsen.

Seit Jahrzehnten darf sie im Nationalpark nicht mehr gefischt werden. „Früher wurde sie gewerbsmäßig mit Saugrüsseln aus dem Sand geholt.“ Viele Einheimische sammelten die Essbare Herzmuschel, die tatsächlich so heißt, auch von Hand. Gegessen wurde die Herzmuschel, ähnlich wie die Miesmuschel, in der Schale gekocht oder als Eintopfgericht.

Auf der ganzen Welt zu Hause

Herzmuscheln sind weltweit verbreitet und zählen zu den häufigsten Muscheln an den deutschen Küsten. Sie werden in der Regel nicht größer als fünf Zentimeter und decken ein breites Farbspektrum von weiß bis braun ab. Erkennbar sind sie an den gleich großen, quer zur Öffnung gerippten Schalenhälften und dem herzförmigen Querschnitt, dem sie ihren Namen verdanken. Sie haben einen relativ kurzen Sipho (eine Art Rüssel zur Aufnahme von Nahrung und Frischwasser) und können sich daher nur flach ins Sediment eingraben. Sie bevorzugen Sand- und Schlickböden vom flachen Watt bis in mehrere hundert Meter Wassertiefe. Fast alle Arten sind essbar, in manchen Meeresgebieten wird die Herzmuschel auch intensiv befischt. Die Schalen werden auch zur Gewinnung von Kalk genutzt.

In der Ostsee kommt die Essbare Herzmuschel etwa bis Warnemünde vor, erklärt Meeresbiologe Martin Powilleit von der Uni Rostock. „Weiter östlich findet man die Brackwasser-Herzmuschel.“ Beide Arten kämen recht häufig vor, wie auch die Miesmuschel und die Sandklaffmuschel.

Anders als in der Nordsee diene die Herzmuschel in der Ostsee vor allem bodenlebenden Fischen als Nahrung, da sie ständig von Wasser bedeckt sind und so von den meisten Wasservögeln nicht erreicht werden. „Das schaffen sie nur an wenigen, besonders flachen Stellen, etwa vor der Vogelschutzinsel Langenwerder nahe der Insel Poel.“

Der Bestand der Herzmuschel in der Ostsee ist laut Powilleit nicht gefährdet – auch wenn es besorgniserregende Entwicklungen gibt: „Muscheln sind filtrierende Organismen. Dadurch filtern sie auch immer mehr Mikroplastik aus dem Meerwasser.“ Bis zu einer gewissen Konzentration von Mikroplastik sei dies noch ungefährlich – es sei denn, der Filterapparat der Muschel werde verstopft.

Zu warm für die Islandmuschel

Das wärmer werdende Wasser an der deutschen Küste bedrohe aber eine andere Art: „Die Islandmuschel kommt in einer Tiefe ab etwa 15 Metern vor und bevorzugt kaltes Wasser“, erklärt der Meeresbiologe. „In der Nordsee geht der Bestand bereits zurück, in der westlichen Ostsee bislang noch nicht.“ Hier wird die Islandmuschel bis zu 50 Jahre alt. In ihrem Hauptverbreitungsgebiet, dem Nordatlantik, lebt sie sogar bis zu 500 Jahre lang.

Als Ursache für das aktuelle Herzmuschelsterben hat Wattenmeer-Ökologe Eskildsen auch Parasiten im Verdacht. In vielen toten Exemplaren wurden mikroskopisch kleine Saugwürmer entdeckt. Allerdings sei es schwer, deren Rolle zu ermitteln: „Muscheln haben oft Parasiten. Und wir haben keine Vergleichszahlen, weil bislang keine Untersuchungen in nicht so warmen Sommern gemacht wurden.“

Von Axel Büssem