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Der Norden Im Trommelfeuer: „Blechtrommel“-Lesung im Schauspielhaus
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Im Trommelfeuer: „Blechtrommel“-Lesung im Schauspielhaus

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18:53 21.11.2019
Manchmal jedenfalls brennt die Bühne: Lesung „Die Blechtrommel“ mit Clemens von Ramin, Ulrike Folkerts und Stefan Weinzierl (von links) auf einem Probenfoto. Quelle: Martin Lukas Kim
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Hannover

Irgendwie war ja der ganze Mittwoch schon ein bisschen müde, oder? Grau und tranig. Wie kann der Abend da anders sein. Die Zuschauerreihen im Schauspielhaus löchrig zu nennen, ist die höfliche Variante. Dabei ist es unter anderem eine waschechte und hochberühmte „Tatort“-Kommissarin, Ulrike Folkerts nämlich, die hier auftritt: Lesung. Genauer: Konzertlesung. Ulrike Folkerts mit Clemens von Ramin an den Mikros lesen Auszüge aus der „Blechtrommel“ von Günter Grass, Stefan Weinzierl ist der Sidekick am Schlagwerk.

Nur: Irgendwas funktioniert nicht (mit einer Ausnahme). Ulrike Folkerts, die im Fernsehen gerne mal rotzig rüberkommt, klingt sogar ganz weich, aber auch belegt oder näselnd, was vermutlich Schuld der Tonanlage ist. Von Ramin, der in sonstigen Programmen oder Hörbüchern alles liest von Casanova bis Ringelnatz, kann natürlich auch Grass, sonor, professionell – aber so kommt es auch rüber, leider: professionell. Herz ist nicht dabei.

O-Ton Grass

Interessanterweise hört man gar nicht so sehr bei von Ramin, sondern in Ulrike Folkerts’ Stimme den schnarrenden, seehundbartgekämmten Orginalton von Grass durch. Inklusive des rechthaberischen Timbres der unbedingten politisch-moralischen Aufrichtigkeit, die er von der ganzen Republik einforderte, nur nicht von sich selbst.

Die Sprecher erzählen von dem an der Glühbirne flatternden Nachtfalter, den Quengelkind Oskar Matzerath nach seiner Geburt als erste Trommelei deutet, sie folgen Oskar durch die Episoden des Glaszersingens und des Versuchs, einer Jesusstatue einen Trommelwirbel zu entlocken. Und sie gehen bis zur Selbstentleibung des jüdischen Spielwarenhändlers Sigismund Markus, als ihm die braun-brutalen Dummbeutel das Schaufenster eintreten, und bis zur Boshaftigkeit, den ungeliebten Vater an seinem Parteiabzeichen ersticken zu lassen, als die Russen kommen.

Von wegen Sidekick

Was fehlt, ist der Grund, warum wir uns das anhören sollen. Weil Ulrike Folkerts liest? Weil die „Blechtrommel“ vor 60 Jahren erschienen ist? Wenn Joachim Król Camus liest, wenn Claudia Michelsen Dorothy Parker auferstehen lässt, wenn Sophie Rois sich Joseph Roth vorknöpft, stellt sich nie die Frage, warum das sein muss. Es muss einfach sein. Grass muss vielleicht nicht mehr sein.

Die Ausnahme: Stefan Weinzierl, bayerischer Schlagzeugmeister. Von wegen Sidekick. Er zerhackt die Luft mit seinen Trommeln. Er lässt das Vibrafon singen, er streichelt es mit einem Bassbogen, bis es heult, er tackert Synkopen in die Resonanzröhren seiner Marimba, und er schickt Loops in den Saal, wo sie sich auf den leeren Sitzen ausbreiten. In der zweiten Hälfte bricht er nur mit einer Spielmannszugsnaredrum vor dem Bauch in den Text ein, dass es danach gar keines Textes mehr bedurft hätte. Wirbel. Taktlosigkeiten. Prügel. Die Bühne brennt. Nirgendwo Blech, aber wir hören es überall.

Das ist das Einzige an diesem Abend, was zwingend ist. Aber dafür hat es sich gelohnt.

Nächste Lesung im Schauspiel: Burg-Schauspielerin Caroline Peters liest am Mittwoch, 4. Dezember, 19.30 Uhr, aus Ingeborg Bachmanns Roman „Malina“.

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