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Der Norden „Masern-Partys sind unverantwortlich“
Nachrichten Der Norden „Masern-Partys sind unverantwortlich“
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00:19 11.03.2019
Professor Matthias Stoll, Infektologe an der MHH Quelle: Karin Kaiser /MHH
Hannover

An einer Gesamtschule in Hildesheim wird dieser Freitag sicher in Erinnerung bleiben: Mitarbeiter des Gesundheitsamtes überprüften die Impfpässe aller 26 Klassen und auch die der Lehrer, weil zwei Schüler an Masern erkrankt sind. Der Landkreis will so verhindern, dass sich die Krankheit ausbreitet. Alle, die nicht ausreichend geschützt sind, dürfen die Schule vorerst nicht betreten. Wir haben mit Prof. Matthias Stoll, Infektologe an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH), gesprochen.

Herr Prof. Stoll, sind Kinderkrankheiten wie Masern wirklich gefährlich?

Viele halten gerade die Masern zu Unrecht für eine harmlose Erkrankung, die nur mit ein paar Hautflecken und ein bisschen Fieber einhergeht. Tatsächlich können die hochansteckenden Viren aber schwere Lungenentzündungen, Hirn- oder Hirnhautentzündungen hervorrufen.

Daraus können dauerhafte Lähmungen, Sprechstörungen und andere gefährliche Defekte entstehen. Bei Erwachsenen sind die Folgen oft schwerer, das bekommen wir hier leider immer wieder zu sehen. Ein ausreichender Impfschutz könnte all das verhindern.

Viele Eltern verzichten trotzdem darauf, ihre Kinder impfen zu lassen. Lieber veranstalten sie Masern-Partys, damit sich die Kleinen anstecken und dadurch immun werden.

Masern-Partys sind unverantwortlich. Viele Eltern haben eine romantische Sicht auf die Kinderkrankheiten, die sie selbst gut überstanden haben. Einige der nach 1970 Geborenen, als schon geimpft wurde, wissen nicht, dass nur die Impfung auch ihre Kinder schützt. Man erinnert sich nicht mehr an die Opfer von Masernepidemien. Angeblich wissenschaftliche Studien, wie die von Andrew Wakefield. behaupteten immense Impfrisiken und kursieren bis heute. Wenn sie nach Jahren widerlegt werden, nimmt das kaum jemand wahr. Ein größeres Problem als die Impfgegnerschaft ist aber die Impfmüdigkeit. Da gibt es die Eltern, die ihrem Kind alles Unbehagliche ersparen wollen. Tochter oder Sohn fühlen sich vielleicht an einem Tag gerade unwohl, die Impfung wird unnötigerweise verschoben und dann leicht vergessen. Es kann aber auch während einer Erkältung geimpft werden, wenn kein Fieber dabei ist. Impfschutz dient dem Eigenschutz und ist gelebte Verantwortung, denn die Impfung schützt auch vor den gefürchteten Ausbrüchen der Erkrankung.

"Impfpflicht würde zu viele Widerstände hervorrufen" 

Da spricht doch manches für eine Impfpflicht?

Eine Impfpflicht würde aus meiner Sicht zu viele Widerstände hervorrufen. Wichtig sind dagegen Einsicht und Information. Zur Immunisierung gegen Masern ist zum Beispiel eine zweite Impfung nötig. Erinnerungsbriefe vom Kinderarzt können dabei helfen, den Termin nicht zu verpassen. Allerdings werden Ärzte häufig gewechselt. Oft geht auch der Impfpass verloren, viele wissen deshalb gar nicht, ob sie ausreichend geschützt sind. Eltern sollten das Thema auch bei schon erwachsenen Kindern ansprechen und sie auf notwendige Auffrischimpfungen hinweisen.

Auch andere Infektionskrankheiten wie die Tuberkulose, die schon ausgerottet schienen, breiten sich hierzulande neu aus. Müssen wir uns Sorgen machen?

Wir bekommen es mit neuen Infektionskrankheiten zu tun. Einige ansteckende Krankheiten wie die Tuberkulose bringen Migranten aus armen Ländern zuweilen mit. Andere wie die Malaria schleppen wir Euroäper aktiv ein, indem wir in Gegenden mit Krankheitserregern reisen, denen wir sonst nicht ausgesetzt wären.

Von Gabriele Schulte

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