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Der Norden Wie Andree Bock im Einklang mit der Natur gärtnert
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Kreis Cuxhaven: Andree Bock bewirtschaftet seinen Garten nach den Prinzipien der Permakultur

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19:30 22.11.2020
Ökologische Permakultur: Andree Bock erntet Feldsalat.
Ökologische Permakultur: Andree Bock erntet Feldsalat. Quelle: Bert Strebe
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Nindorf

Heute gibt’s Feldsalat. Andree Bock ist am niedrigen Staketenzaun in die Hocke gegangen und zupft die zarten Pflänzchen aus dem Boden. Ein kurzer, prüfender Blick, dann wandern die Salatblätter ins Nudelsieb. In dem Beet ist aber nicht nur Salat zu finden, hier wächst auch das eine oder andere Gras. Und Laub von den Bäumen liegt ebenfalls herum. Manchmal schauen die Nachbarn über den Zaun und fragen Andree Bock, was sein „experimenteller Garten“ so mache.

Im Einklang mit Flora und Fauna

In seinem 2000-Quadratmeter-Garten in Nindorf bei Lamstedt im Kreis Cuxhaven gibt es keine Beete, in denen Zucht und Ordnung herrscht. Hier darf auch mal ein Kraut sprießen, das nicht zur Ernte gehört. Das soll es sogar, wenn sein Vorhandensein dem Boden nützt und es hier sowieso wachsen würde. Bocks Garten ist ein Permakulturgarten. Permakultur ist ein Prinzip, das sich an den natürlichen Gegebenheiten in der Natur orientiert, nicht vorrangig an Ertragsmaximierung. Bock gärtnert nicht gegen, sondern mit Flora und Fauna.

Gewachsen auf Stroh, Pappe und Pferdemist: Feldsalat in Andree Bocks Garten. Quelle: Bert Strebe

Spätestens hier müsste der Witz mit dem Bock und dem Gärtner kommen, aber den lassen wir weg, denn Bock versteht offenbar schon jetzt – eigentlich noch ziemlich am Anfang seiner Karriere als Gärtner – mehr von dem Metier als manch ein Pflanzenfreund, der Rasenkanten absticht und die Blumenrabatten penibel frei von angeblichem Unkraut hält.

Unterschlupf für Ohrenkneifer

Bei Bock gibt es kein chemisches Blaukorn, das Pflanzen künstlich in die Höhe treibt, sondern Mist als Dünger. Hier gibt es kein Gift, das sogenannte Schädlinge tötet, stattdessen Brennnesseljauche und umgedrehte Blumentöpfe als Unterschlupf für den gemeinen Ohrwurm, auch als Ohrenkneifer bekannt – Ohrenkneifer fressen Blattläuse. Auf Bocks Terrassentisch steht die Kaffeetasse neben den Handschuhen neben dem Werkzeug. Auf einem der Terrassenstühle thront eine Waschmaschinentrommel. „Das“, sagt Bock, „wird eine Erdmiete. Da drin werde ich Kartoffeln einlagern. In die Erde eingraben, mit Zweigen auslegen, Kartoffeln rein. Deckel nicht vergessen.“

Hier darf auch mal das Laub rumliegen: Andree Bocks Grundstück in Nindorf. Quelle: Bert Strebe

Er war nicht immer so naturverbunden. Bock ist 48, er stammt aus Langenhagen bei Hannover, hat Werbekaufmann gelernt. Und dann hat er als Werbetexter und später zusätzlich als Businesscoach gearbeitet, in Hamburg und Barcelona und Berlin, 80 Stunden die Woche, manchmal 90. Irgendwann aber wurde bei seiner Mutter Alzheimer diagnostiziert, er musste sich um sie kümmern.

Auf einmal ausgebremst

Und plötzlich ging das alles nicht mehr, was früher immer gegangen war, das schnelle, kräftezehrende Leben. Nicht nur seine Mutter, Bock selbst wurde ausgebremst: Er hatte, was man einen Burnout nennt. Er saß im Haus seiner Eltern und überlegte, wie er eigentlich leben wollte. Wollte er so weitermachen? Wollte er auch künftig mitwirken an dem, was er „die Amazonisierung der Gesellschaft“ nennt?

Wollte er nicht. Sondern, ganz schlicht: „Ich wollte die Welt retten.“ Jedenfalls innerhalb des Bereichs, der in seinem Einfluss liegt. Eine Freundin empfahl ihm einen Film über Permakultur, er war begeistert. Bock entschied sich, nachdem seine Mutter versorgt war, zwar in Niedersachsen zu bleiben, aber etwas näher ans Meer zu rücken. Er suchte ein preiswertes Grundstück, und er wurde 2019 in Nindorf fündig.

Im Nindorfer Moor, nahe einer ehemaligen Ziegelei, liegt ein früheres Wochenendhausgebiet, in dem man inzwischen wohnen darf. Bocks Haus ist bescheiden, 65 Quadratmeter, aber gemütlich, mit freigelegten Holzbalken und Kaminofen. Ansonsten gibt es zwei Schuppen. Und viel, viel Platz.

Murphy (hinten) und Hrubesch mit Herrchen. Quelle: Bert Strebe

Was toll ist für Murphy und Hrubesch (Bock ist HSV-Fan), die beiden Hunde, die nach Herzenslust herumtollen können, aber genau wissen, dass sie die umzäunten Beete nicht betreten dürfen. Nach Prinzipien, von denen ihm ein Permakulturexperte erzählt hatte, begann Bock, seinen Garten anzulegen. Kompost, Kürbisse, Kartoffeln, viel Handarbeit. „Ich mag es, schmutzige Hände zu haben“, sagt Bock. „Das erdet mich.“ Er lächelt ein bisschen schief und lässt offen, ob der Satz ein Wortspiel oder ernst gemeint oder beides war.

Leider Chemie zu früh abgewählt

Der Boden in dem Areal ist karg und sandig, Bock musste ihn erst einmal vorbereiten. Dafür hat er die Erde gemulcht und dann mit Pappe gegen wucherndes Kraut und mit halb verrottetem Stroh abgedeckt. Das Stroh sorgte für Kohlenstoff, Pferdemist lieferte Stickstoff. „Ich bedauere jetzt, dass ich damals in der Schule Chemie abgewählt habe“, sagt Bock. Das Prinzip ist, nicht mit naturfremden Mitteln einzugreifen, sondern die Natur zu unterstützen, selbst gesund zu werden.

Am Rand des Grundstücks, wo eine Reihe von Bäumen steht, schichtet Bock derzeit Strauch- und Baumschnitt auf. Wenn er damit fertig ist, wird Erde aufgeschüttet, es entsteht ein Wall. Hier will er Obststräucher und Stauden pflanzen. Das lockt Bienen an, die Pflanzen werden bestäubt, die Sträucher wachsen gut im Schutz der Bäume, die wiederum durch den Wall bei Regen besser als sonst gewässert werden. „Ich versuche, einen Kreislauf zu schaffen.“ Nichts soll verloren gehen, Bock will nutzen, was da ist.

Aus Baum- und Strauchschnitt wird ein Wall: Andree Bock bei der Arbeit. Quelle: Bert Strebe

Außer Feldsalat und Kartoffeln hat Bock bisher Spinat, Radieschen, Zwiebeln und Karotten geerntet. Neben der Terrasse warten Heidelbeerbüsche in Pflanzcontainern aus Vlies auf die nächste Saison. Sich komplett allein zu versorgen, sagt Bock, werde er nicht hinbekommen, aber 60 Prozent seines Gemüse- und Obstbedarfs möchte er irgendwann schon gern selbst decken. Kräuter ziehen, eine Zisterne bauen, selbst Saatgut gewinnen, Fruchtfolgen beachten, Mischkulturen aufbauen, in denen sich die unterschiedliche Pflanzen gegenseitig vor Krankheiten und Schädlingen schützen – Pläne hat er genug. Und für den „Schreibtischtäter“, als den er sich selbst lachend bezeichnet, ist er schon weit gekommen.

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Selbst Berater werden

Bock hat sich von der Vorstellung des sauber aufgeräumten Gartens verabschiedet. Und von der Idee, dass alles schnell gehen muss. Er arbeitet noch ein bisschen als Texter, er zehrt etwas vom Ersparten, er handelt mit Internetwährung wie den Bitcoins. Und er paukt gerade viel über die Vermittlung des Permakulturgedankens, will im nächsten Jahr eine Prüfung ablegen und dann selbst als Permakulturberater arbeiten.

Permakultur sei mehr als Gartenarbeit oder Landwirtschaft, erzählt Bock, es gehe um Ethik, um Respekt vor und Solidarität mit Mensch und Natur. Von seinem Wesen her, sagt Bock, neige er eigentlich zur Ungeduld. Permakultur funktioniere aber nur, wenn man Geduld habe. Und Ruhe. Und Gelassenheit. Er erzählt, dass er erst mal richtiggehend „lernen musste, nichts zu tun“.

Jetzt kann er das. Lesen, meditieren, dem Garten beim Wachsen zugucken. „Was ich gemacht habe“, sagt Andree Bock, „war, meinen Reset-Knopf zu drücken.“

Andree Bock aus Nindorf erzählt von seinem Weg, seinen Fortschritten und auch von seinen Rückschlägen beim Aufbau seines Permakulturgartens auf Instagram:

Was ist Permakultur?

In der Krise besinnen sich Menschen auf Grundlegendes, weswegen schon während des ersten Corona-Lockdown das Interesse am Kochen, Brotbacken und auch am Gärtnern erheblich zugenommen hat. Die ökologisch orientierte Permakultur genießt dabei besondere Aufmerksamkeit.

Der Begriff setzt sich aus den englischen Wörtern „permanent“ und „agriculture“ zusammen. Ursprünglich geht Permakultur auf die Lebensweise der australischen Aborigines zurück, die ihr Land trotz wenig fruchtbarer Böden erfolgreich und mit relativ wenig Aufwand bestellen, indem sie auf die natürlichen Kreisläufe achten und sorgsam mit den Ressourcen umgehen.

Permakultur bildet also ab, was in der Natur durch Selbstregulierung ohnehin passiert. So ist zum Beispiel das Mulchen von Beeten aus der Beobachtung entstanden, dass in der Natur – anders als in der industriellen Landwirtschaft – keine unbedeckte Erde vorkommt. Mulch schützt den Boden und verhindert zugleich das Wuchern von Unkraut, sodass man sehr viel weniger jäten muss. Pflanzengifte sind komplett überflüssig.

Permakultur beschreibt aber nicht nur eine Gartenbau- und Agrarkultur, die auf eine naturschonende regionale Selbstversorgung zielt, sondern meist auch eine Haltung: Man versucht, den Aufwand von Material, Energie und Abfall gering zu halten, man repariert und recycelt, man spart sich überflüssigen Konsum.

Von Bert Strebe