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Der Norden Der gefährlichste Ort Niedersachsens: Hier werden Chemiewaffen aus zwei Weltkriegen zerstört
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Munster: Der gefährlichste Ort Niedersachsens: Die Geka vernichtet Chemiewaffen aus zwei Weltkriegen

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09:59 03.02.2020
Bei der Arbeit mit chemischen Kampfstoffen sind die Zodiac-Schutzanzüge Pflicht. Quelle: Jürgen Rehrmann
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Munster

Es ist ein leises Geräusch. Ein kleines Puff. Für die Arbeiter im Kontrollraum aber ist der kaum hörbare Ton aus den Computerboxen das Signal für die erfolgreiche Sprengung der Waffen. Im niedersächsichen Munster liegt einer der gefährlichsten Orte des Landes. All das, was Spezialisten hier anliefern, sollte Menschen vergiften. Töten. Tag für Tag vernichten Feuerwerker die Munition und Waffen aus zwei Weltkriegen. Der Ort mit dem unscheinbaren Namen Geka ist die einzige Stelle in Deutschland, die chemische Kampfstoffe entsorgen darf.

Arsen verseucht die Böden in der Region

Die Lage der Geka in der Lüneburger Heide ist kein Zufall. Hier haben Menschen schon vor vielen Jahrzehnten chemische Kampfstoffe nicht nur hergestellt, sondern auch getestet. Im Oktober 1919 löste ein Brand in Munster eine verheerende Kettenreaktion aus. Das Feuer griff auf einen beladenen Güterzug über. Mehr als eine Million Gasgranaten explodierten. Das Arsen aus den Waffen gefährdet noch heute die Böden und das Grundwasser in der Region. Seit 1997 soll die Geka für den Bund hier aufräumen – den Boden waschen und alte Waffen vernichten.

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Der Dethlinger Teich ist ein Pulverfass aus Granaten

Chemiefeuerwerker tragen nach und nach Erde aus dem Bohrloch im Dethlinger Teich ab. Quelle: Bodenschutzbehörde Heidekreis

Dass die sonst eher im Schatten arbeitende Gesellschaft nun wieder unfreiwillig im Rampenlicht steht, verdankt sie aber nicht ihrer täglichen Arbeit, sondern einer wenige Kilometer weit entfernt liegenden Giftgrube. Dort öffneten Spezialisten im September 2019 erstmals den Dethlinger Teich, dessen Inhalt und Gefahren bislang nur im Ansatz bekannt sind. Britische Soldaten und die deutsche Wehrmacht nutzten das ehemalige Gewässer mit einem Durchmesser von rund 60 Metern und 10 Metern Tiefe von 1942 bis 1952, um nicht transportfähige chemische Waffen zu entsorgen. Zur Sicherung füllten sie den Teich dann mit Bauschutt auf und deckten ihn mit Erde ab – ein Pulverfass. Denn über die Jahre traten Kampfstoffe aus.

„Man muss davon ausgehen, dass in diesem Teich 100.000 Granaten liegen“, sagt Andreas Krüger, Geschäftsführer der Geka. Die Masse überrascht ihn wie die meisten anderen. Alles sei nur lückenhaft oder gar nicht dokumentiert, sagt er. Bereits bis Ende des Jahres hatten Arbeiter nach Angaben des niedersächsischen Umweltministeriums mehr als 1400 Granaten aus dem vier Meter tiefen Schacht geholt und zur Geka gebracht.

Sanierung kostet 50 Millionen Euro

4 Millionen Euro hat alleine diese Probebohrung gekostet. Pro Kilo Munitionsvernichtung berechnet die Geka 18 Euro. Für deutsche Munition erstattet der Bund den Ländern die Kosten, für Waffen der Alliierten müssen sie selbst zahlen. Mindestens 50 Millionen Euro wird die Sanierung insgesamt kosten. Umweltminister Olaf Lies sagte dazu Anfang Dezember: „Wir können nicht einfach einen Deckel drauf machen und hoffen, dass nichts Schlimmes passiert“. Der Umgang mit diesem Kampfmittelfund einzigartiger Dimension dürfe nicht am Geld scheitern. Doch die Bergung und Vernichtung der Waffen ist nicht nur teuer, sondern auch gefährlich.

  Quelle: Sebastian Stein

  Quelle: Sebastian Stein

In Schutzanzügen transportieren Experten mit einem Spezialtransporter die Granaten zur Geka, wo die Mitarbeiter im Vollschichtbetrieb die Anlagen bedienen. Sie röntgen die Waffe, um eventuelle Flüssigkeit im Inneren zu identifizieren, versehen sie mit einem Barcode wie im Supermarkt und lagern sie in ihren Bunkern – bis zur Vernichtung. Bei einem Fall wie dem Dethlinger Teich kommt aber zuvor Heinrich Hoormann zum Zug. Er arbeitet im sogenannten Delaborierstand, dem sensibelsten Bereich bei der Geka.

Ingo Schories zeigt die Anlage im Delaborierstand, der zum Auffräsen von chemischen Waffen genutzt wird. Quelle: Sebastian Stein

Arbeiter finden den Hautkampfstoff Senfgas

Zur Gefahreneinschätzung muss er die Waffe überprüfen. Er schlüpft dann in seinen alten Zodiac-Bundeswehranzug und platziert die Granate in einer Kammer. Dort fräst eine Säge die Waffe auf. Hoormann und ein Kollege entnehmen eine Probe aus dem Innern und kippen die giftige Flüssigkeit in ein blaues Fass. Auch zwei Waffen aus dem Dethlinger Teich haben sie hier überprüft. Das Ergebnis: Senfgas und Phosgen.

Chemiegranaten mit Senfgas etwa sind nach 70 Jahren noch voll aktiv. Das Gas ist ein Hautkampfstoff, der Blasenbildung und Krebs verursacht – und er klebt wie Honig. Das ist bei weitem nicht der gefährlichste Stoff hier. Hoormann spricht aber ziemlich nüchtern über seinen Alltag mit der Bombe. Angst, Gefahr? „Wie auf der A1 oder in der Ostsee“, meint er. Der Vergleich hinkt etwas, bei der Geka hat es bislang noch keinen Unfall gegeben. Wer das großflächige Gelände mit seinen weit verstreuten dunkelgrünen Flachbauten betreten will, muss dennoch beim Pförtner eine Fluchtmaske entgegennehmen und mit sich tragen – für den Ernstfall einer Havarie.

Der Sprengofen zerstört alle organischen Verbindungen

Wenige hundert Meter weiter hinter dem Delaborierstand liegt das Alleinstellungsmerkmal der Geka – der 2006 gebaute Sprengofen. Es ist der letzte Ort der Chemiewaffen aus zwei Weltkriegen. Im Kontrollraum sitzen Ingo Schories und seine Kollegen hinter einer Galerie von Bildschirmen und steuern den Ablauf. Gerade rollt ein schwarzes Paket, es könnten Schuhe darin sein, über das Rollband. Zuvor haben es Arbeiter in einer Art Garage mit Waffen befüllt und Klebeband fixiert. Das Paket passiert diverse Kammern und fällt schließlich in die Sprengkammer.

Arbeiter verpacken die Munition für die Verbrennung in schwarzen Kisten. Quelle: Jürgen Rehrmann

Der Ofen mit einer Wanddicke von zwölf Zentimetern zerstört auf mindestens 450 Grad alle organischen Verbindungen. Etwa acht Stunden dauert ein Durchgang mit Chemiewaffen. Schories kann je nach Wanddicke der Munition abschätzen, wann es zur Explosion im Ofen kommt. Und wie lange das Verbrennen dauert. Bis die Geka alle Granaten aus dem Dethlinger Teich vernichtet hat, werden Jahre vergehen. Heute aber geht es besonders schnell. Nach wenigen Sekunden: ein leises Puff.

So läuft die Kampfmittelvernichtung im niedersächsischen Munster

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Von Sebastian Stein

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