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Der Norden Fünf Inhaftierte lernen in Hameln Klavier
Nachrichten Der Norden Fünf Inhaftierte lernen in Hameln Klavier
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00:15 03.02.2019
Der 22 Jahre alte Christian (links) spielt Beethovens Mondscheinsonate annähernd perfekt – vorerst nur für Klavierlehrer Gregori Dimitrov und den Mitinhaftierten Lenni. Quelle: Gabriele Schulte
Hameln

Romantisches spielt Lenni besonders gern. Wenn der 23-Jährige sich ans Klavier setzt und sich in das Liebeslied „River Flows in You“ vertieft, denkt er an seine Frau und seinen einjährigen Sohn. Die beiden bekommt der junge Mann seltener zu sehen, als er sich wünschen würde. Das liegt daran, dass Lenni sich hinter Gittern und hohen Mauern befindet. Auch wenn er eigentlich Hip-Hop-Fan ist – mit Balladen und klassischer Musik, sagt der junge Mann, werde er deutlich ruhiger: „Am Klavier kann ich Druck rauslassen.“ Stolz auf das am Instrument Erreichte ist er auch, so viel ist herauszuhören.

Lenni gehört zu einer Gruppe von Inhaftierten, die zurzeit in der Jugendanstalt Hameln am Projekt „Musik hinter Gittern“ teilnehmen. Dank der gemeinnützigen Internationalen Stiftung zur Förderung von Kultur und Zivilisation werden die fünf einmal pro Woche gemeinsam von einem Klavierlehrer unterrichtet und üben in der Zeit dazwischen auf Leihkeyboards in ihren Zellen. Am 13. März werden sie einem geladenen Publikum in der Schulaula der Haftanstalt unter anderem Werke von Beethoven und Rachmaninow präsentieren. Auch Lennis Familie, so hofft er, wird dann dabei sein.

 

Vergittertes Musikzimmer

Klavierunterricht im Knast? Vorbehalte dagegen kennen alle Beteiligten. Manche, außerhalb der Jugendanstalt, empfinden den für die Inhaftierten kostenlosen Unterricht vom Profi als nicht gerechtfertigt. Andere Insassen wiederum machen sich über die aus ihrer Sicht „zu softe“ Freizeitbeschäftigung lustig. Zwei der Klavierschüler wurden in einer besonders geschützten Wohngruppe untergebracht, um sie von Angriffen abzuschirmen.

Im vergitterten Musikzimmer der Haftanstalt machen die Schüler einen durchweg freundlichen Eindruck, zeigen sich leistungswillig und wirken, als ob sie kein Wässerchen trüben könnten. Bereitwillig lassen sie sich zeigen, wie sie am besten die Tasten greifen, wie locker der Anschlag zu sein hat, wie kräftig der Tritt aufs Pedal. Wenn einer spielt, hören die anderen geduldig zu. Doch sie alle haben Dinge auf dem Kerbholz, für die Gerichte sie über Jahre ins Gefängnis geschickt haben: Einbrüche zum Beispiel und Körperverletzung; zum Teil haben Drogen eine Rolle gespielt. Eine abgeschlossene Ausbildung hat keiner von ihnen, Freizeit bestand in der Regel aus abhängen mit unguten Freunden.

Viel freie Zeit gibt es auch in der Jugendanstalt. Hier sollen die jungen Männer, von denen zuvor noch niemand Klavierunterricht hatte, lernen, sie strukturierter sinnvoll zu nutzen. Bis in den Nachmittag stehen Arbeits- und andere Therapien auf dem Programm, zwei der Schüler lernen ein Handwerk. Wenn sie anschließend in ihrer Stube allein sind, auf 9,5 Quadratmetern einschließlich Nasszelle, haben die fünf nun eine Beschäftigung, die sie mit Stolz erfüllt. Jeder hat auf seinem schmalen Schreib- oder Esstisch Platz geschaffen für ein einfaches Keyboard, das ihm mithilfe der von dem humanistischen Unternehmer Erich Fischer gegründeten Stiftung zur Förderung von Kultur und Zivilisation geliehen wurde. „Ich übe praktisch in jeder freien Minute“, erzählt der 21-jährige Florian. Auf ein Fernsehgerät verzichte er, erzählt der junge Mann, der seine fast fünfjährige Haftstrafe in Kürze abgesessen hat.

Musik drückt Gefühle aus

Mit Noten kommen die jungen Musikfreunde inzwischen gut zurecht – auch Alex, der erst seit drei Monaten dabei ist. „Er hat Beethovens ,Für Elise’ so schnell gelernt wie mancher Schüler in meiner Klavierschule draußen nach Jahren“, sagt Gregori Dimitrov. Der aus Bulgarien stammende Klavierlehrer unterrichtet seit Beginn des Projekts im Jahr 2006 einmal pro Woche eine Gruppe Inhaftierter in der Jugendanstalt.

Dimitrov hält es für wichtig, dass sich die jungen Männer, die er zum gemeinschaftlichen Unterricht aus ihren Wohngruppen abholt, auf diese Weise auszudrücken lernen: „Wir versuchen, Gefühle hörbar zu machen.“ Wer sich Gefühle bewusst mache, könne sie besser beherrschen lernen. Dass die Beteiligten öfter mal ihre Noten in den Zellen vergessen, findet Dimitrov nicht schlimm. „Sie spielen dann eben auswendig“, sagt er.

Ein Schüler macht dem Lehrer besondere Freude. Der 22 Jahre alte Christian spiele Beethovens Mondscheinsonate annähernd perfekt, sagt der Lehrer, selbst den besonders schwierigen dritten Satz. Damit habe der junge Mann beim letzten JVA-Konzert in der Aula Begeisterungsstürme entfacht. Für das Konzert im März hat sich Christian sämtliche Variationen von Liszts „La Campanella“ vorgenommen. „Das können weltweit vielleicht fünfzig Leute so spielen“, schwärmt Lehrer Dimitrov. Christian erzählt, nach der Haft wolle er vielleicht selbst Klavierlehrer werden. Schon jetzt hilft er seinen Mitschülern, wann immer er dazu Gelegenheit hat.

Stabilere Persönlichkeit

Jugendanstaltsleiter Wolfgang Kuhlmann hält den Musikunterricht für eine sehr sinnvolle Methode, die Persönlichkeitsentwicklung einzelner musisch interessierter Inhaftierter zu fördern. „Darüber, dass sie sich selbst etwas erarbeiten und Erfolg damit haben, können sie ein stabiles Selbstwertgefühl entwickeln“, meint der Psychologe. Das Klavierprojekt füge sich so in ein vielfältiges Angebot ein, das zum Beispiel auch etliche Sportmöglichkeiten umfasst. „Es gibt natürlich keine Garantie, dass es funktioniert“, sagt Kuhlmann.

Dimitrov allerdings berichtet von guten Erfahrungen. Er halte Kontakt zu etlichen ehemaligen Schülern, sagt der Klavierlehrer. Nur einer davon sei nach der Haftentlassung einmal rückfällig geworden, erzählt er – und bei ihm sei es zu erwarten gewesen. „Jetzt hat auch er sich gefangen“, sagt Dimitrov. Und bei der klassischen Musik sei der junge Mann geblieben. Das gelte für viele ehemalige Schüler aus der Jugendanstalt: „Einige haben sich sogar ein Klavier gekauft.“

Von Gabriele Schulte

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