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Der Norden Wie ein Naturschützer Orchideen in der Heidelandschaft entdeckte
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Nicht meckern, machen: Wie ein Naturschützer Orchideen in der Heidelandschaft entdeckte

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06:00 26.11.2020
Ein Auge für die seltenen Dinge: Umweltschützer Hartmut Pietsch aus Leck im Kreis Nordfriesland. Quelle: Ulf Dahl
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Leck

Im November ist von den seltenen Pflanzen in nordfriesischen Leckfeld kaum noch etwas zu sehen, doch Hartmut Pietsch weiß trotzdem, wo welche Orchideenart steht und wo die fleischfressenden Pflanzen Fettkraut und Sonnentau wachsen. Denn der 78-Jährige, inzwischen einer der offiziellen Betreuer, kümmert sich seit rund 50 Jahren um die Moor- und Heidelandschaft, die 2019 zu einem 206 Hektar großen Naturschutzgebiet erklärt wurde.

Das schleswig-holsteinische Umweltministerium erklärte damals, dass das Gebiet über eine sogenannte magere Offenlandschaft verfügt, die in vergleichbarer Größe im Landesteil Schleswig nahezu einzigartig ist. In dem Gebiet kommen etliche vom Aussterben bedrohte Pflanzen vor.

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Orchideen vor dem Militärflughafen

Wie besonders die Gegend ist, das ist Pietsch seit Anfang der 1970er-Jahre klar. Damals habe er bei einer abendlichen Radtour das ihm bis dahin unbekannte violette Fettkraut entdeckt, kurze Zeit später dann geflecktes Knabenkraut, das zu den Orchideen gehört, erzählt der ehemalige Mathe- und Sportlehrer.

Harmut Pietsch begutachtet die Pflanzen in Leckfeld. In ihre Pflege investiert er pro Jahr nach eigener Schätzung rund 160 Stunden. Quelle: Ulf Dahl

Er fing an, die Pflanzen zu pflegen, sorgte etwa dafür, dass Büsche und Bäume in dem Gebiet zurückgeschnitten wurden und die seltenen, aber meist auch kleinen Pflanzen mehr Raum zu wachsen hatten. Als der angrenzende, militärisch genutzte Lecker Flughafen in den 1970er-Jahren erweitert werden sollte, setzte Pietsch sich mit Erfolg dafür ein, dass ein kleinerer Teil des Gebiets durch den dann in den 1980er-Jahren versetzten Flughafenzaun abgetrennt wurde als geplant. Sogar mit Loki Schmidt habe er deswegen Kontakt gehabt, sagt Pietsch.

Sumpfdotterblumen statt Fußballspiel

Das Hobby Botanik wurde ihm schon in früher Kindheit vermittelt. Nach dem Zweiten Weltkrieg habe sein Vater, ein Biologielehrer, seine erste Schulstelle in einem kleinen Ort nahe der dänischen Grenze bekommen, erzählt Pietsch. „Als Fünfjähriger bin ich dann immer an der Grenze Blumen pflücken gegangen und habe sie meiner Mutter gebracht. Sie hat mir dann erzählt, welche Pflanzen das sind.“ Später habe er mit seinem Vater auch schon mal Sumpfdotterblumen für den Unterricht sammeln müssen, statt Fußball spielen zu gehen. „Ich bin meinen Eltern bis heute dankbar, dass sie mir so den Zugang zur Natur vermittelt haben.“

Heidekraut wächst im Naturschutzgebiet Leckfeld. Auch viele andere, teils vom Aussterben bedrohte Pflanzenarten sind hier zu finden. Quelle: Ulf Dahl

So zitiert Pietsch, seine Terrier-Hündin Frieda neben sich, denn auch inmitten von Gräsern stehend Goethes Osterspaziergang: „Hier ist des Volkes wahrer Himmel. Zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein!“, um direkt zu ergänzen, Menschsein bedeute mit allen Sinnen in der Natur zu sein.

„Kinder müssen Natur erleben“

Im Anschluss wird er ernster, sagt, Kinder müssten Natur wieder mehr erleben und erklärt, dass die Binsen um ihn herum, die nun von Schafen heruntergetreten wurden, im Frühjahr mit der Harke zusammengetragen werden. Nicht nur von ihm, sondern auch von Freunden und Bekannten, ohne die die Pflege des Geländes nicht möglich wäre. Früher habe er sogar mit Schülern Umwelttage in Leckfeld gemacht. Wichtig für seine Arbeit sei auch das Unabhängige Kuratorium Landwirtschaft Schleswig-Holstein, sagt Pietsch.

Auf einem Stück des Geländes sind alte Fahrspuren zu sehen, „Die kommen von früheren Fahrschulen der Bundeswehr. Sie sind wichtig, denn in ihnen kann das Fettkraut ohne Konkurrenz zum Gras wachsen.“ Ein paar Meter weiter sind mehrere Erdwälle aufgeschüttet, teils mit Lärchen bewachsen. „Die Splitterwälle wurden im Zweiten Weltkrieg angelegt und nach dessen Ende aufgeforstet“, sagt Pietsch. Nun werden die Bäume nach und nach wieder entfernt. „Denn der Eintrag von Baumsamen ist hier nicht förderlich.“

Fundstücke aus der Steinzeit

Die bewegte Geschichte des Gebiets wird auch an anderen Stellen sichtbar. Es finden sich etwa Betonfundamente von Zaunpfählen. „Die gehören zu einer alten Bauschuttdeponie, die hier 1977 eingerichtet wurde“, erzählt Pietsch. Der zuständige Sachbearbeiter habe damals von der Unansehnlichkeit des Geländes gesprochen, erzählt der Betreuer und klingt dabei fassungslos. Inzwischen ist die Deponie grob abgedeckt. Auch andere Betonteile sind an manchen Stellen zwischen den Pflanzen zu sehen. „Die Alliierten haben nach dem Krieg Teile des Flughafens gesprengt.“

Doch Fundstücke, wenn auch ungleich kleinere, gibt es nicht nur aus dem letzten Jahrhundert. Aus einer Pappschachtel holt Pietsch vorsichtig zwei unscheinbare Gegenstände heraus. Der eine, weiß und rund zwei Zentimeter lang, ist ein ist ein abgebrochener Kopf von einer Tonpfeife, wohl aus dem 17. oder frühen 18. Jahrhundert. Der andere ist um einige Tausend Jahre älter – eine Klinge aus Feuerstein, sie stammt aus der Jungsteinzeit und ist noch heute scharf. Beides habe er 2007 in einem Teil des Gebiets gefunden, sagt Pietsch.

Klinge aus Feuerstein: Bei einem seiner Spaziergänge fand Hartmut Pietsch ein Steinmesser aus der Jungsteinzeit. Quelle: Ulf Dahl

Auf seinen Spaziergängen hat der Botaniker aber vor allem Augen für die Pflanzen und kennt oft Geschichten zu ihnen. „Der Teufelabbiss heißt so, weil seine knollige Wurzel so aussieht, als hätte der Teufel von ihr abgebissen“, erzählt er etwa.

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Fragt man Pietsch, ob er froh sei, dass das Gelände nun Naturschutzgebiet sei, bejaht er das zwar. Es gibt für ihn deswegen aber keinen Grund, seine nach eigenen Angaben rund 180 Arbeitsstunden pro Jahr zu reduzieren. „Hier muss man meckern und machen.“ Im Laufe der Jahre hätte es zwar viele gute Begegnungen gegeben, er sei mit seiner Arbeit aber auch am laufenden Meter angeeckt. Er hat nicht vor, so schnell damit aufzuhören.

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Von Jördis Früchtenicht