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Der Norden Wie Andreas Böhle für mehr Kultur in seinem Hamburger Stadtteil sorgt
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Nicht meckern, machen: Wie ein Rentner für mehr Kultur in seinem Stadtteil sorgt

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06:00 25.11.2020
Andreas Böhle am Kreativhaus Eimsbüttel: „Ich bin vom festen Glauben beseelt, dass das, was ich anpacke, was wird.“ Quelle: Thorsten Ahlf
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Hamburg

Seine Frau Beeke sähe ihn lieber öfter zu Hause, aber Andreas Böhle war immer ein Macher, und das hat sich auch in seinem Ruhestand nicht geändert. „Ich bin vom festen Glauben beseelt, dass das, was ich anpacke, was wird“, sagt der 78-Jährige.

Der pensionierte Diplom-Kaufmann, der viele Jahre als selbstständiger Projektmanager tätig war, hat immer wieder neue Herausforderungen gesucht – auch in der Rente. Als die Osterstraße im beliebten Hamburger Stadtteil Eimsbüttel durch den Umbau immer schicker wurde, sah er sich gefordert.

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Flohmarkt, singen, malen – vieles ist möglich

Andreas Böhle wohnt selbst im Viertel, „Eimsbüttel hat alles, was ich mir vom Leben vorstelle“, sagt er. Mit einem guten Dutzend Mitstreiter war der Hamburger der Meinung, dass es dazu im näheren Umfeld der belebten Osterstraße ein Haus geben müsste, in dem sich die Bürger und Bürgerinnen aus dem Umfeld der Einkaufsstraße niedrigschwellig treffen, miteinander kommunizieren und Kreatives ausprobieren können. Den Organisatoren geht es darum, Jung und Alt zusammenzubringen. „Nach eineinhalb Jahren Planung haben wir dann die passenden Räume gefunden und dort das Kreativhaus Eimsbüttel gegründet“, sagt der 78-Jährige. Ein ganzes Haus haben sie zwar nicht, aber drei große Räume in der Telemannschule.

Frederika Hoffmann und Andreas Böhle im Kreativhaus Eimsbüttel: Die Leute sollen selbst kreativ werden. Quelle: Thorsten Ahlf

Wegen der Corona-Pandemie ist das Kreativhaus, das im Oktober 2019 eröffnet wurde, derzeit geschlossen, aber die Mitstreiter kümmern sich um das Programm für das nächste Jahr. 250 Veranstaltungen fanden bereits statt, noch viele sollen folgen. Flohmarkt, singen, malen, sticken, künstlerisches Werken, Yoga, Meditation, Ausstellungen – vieles ist möglich im Kreativhaus.

Nicht nur bespaßen lassen

Die Fotografin Frederika Hoffmann ist seit Juni 2019 mit im Boot und Mitglied des Vereinsvorstands. Sie organisiert gerade eine große Corona-Ausstellung für das Frühjahr. „Es haben sich schon viele Eimsbüttler beworben“, sagt sie, aber man könne auch weiter Arbeiten einreichen. „Wir wollen, dass die Leute nicht bespaßt werden, sondern selbst kreativ werden“, sagt Andreas Böhle.

Im sogenannten Stadteilwohnzimmer gibt es eine gemütliche Sitzecke sowie eine Werkbank. Eine Reparaturwerkstatt ist geplant, aber auch Kurse für Kinder und Jugendliche, die in ihren Wohnungen keine Chance haben zu lernen, wie man mit Hammer und Säge umgeht. Ihnen möchte Böhle gern „konstruktives Werkeln“ zeigen, also beispielsweise von der Entwurfszeichnung bis zum fertigen Vogelhaus alles selbst zu machen. In den oberen Etagen stehen dem Kreativhaus zwei weitere große Räume zur Verfügung.

Finanziert wird das Kreativhaus laut Böhle teilweise durch eine Zusammenarbeit mit der HafenCity Universität Hamburg, die sich an einem Forschungsprojekt beteiligt, bei dem es darum geht, wie man der Verödung von Innenstädten vorbeugt. Der Verein habe auch viele Sachspenden erhalten und ein paar Sponsoren gewinnen können. Jede Woche dienstags gibt es eine Sprechstunde, wer ein Anliegen hat, kann vorbeikommen – mit Abstand selbst in Corona-Zeiten.

Das zweite Projekt: Ein Tauschhaus

Böhle hat noch ein zweites Steckenpferd – er ist auch der „Chef“ des Tauschhauses Stellingen. Mit dem zwei mal einen Meter großen, grün gestrichenen Holzhäuschen mit breitem Dachüberstand und Windschutz an den Seiten hat er die ursprüngliche Idee eines Tauschtisches, den es an der Stelle schon ab 2012 gab, professionalisiert.

Andreas Böhle vor dem Tauschhaus: An guten Tagen holen sich Menschen aus der Nachbarschaft bis zu 250 Bücher. Quelle: Thorsten Ahlf

Anders, als der Name es vermuten lässt, muss man kein Tauschobjekt mitbringen, wenn man etwas entnehmen will. Im Moment ist wegen Corona allerdings nur die Abteilung mit den Büchern geöffnet. Im ersten Lockdown im Frühjahr, als auch Büchereien und Buchläden geschlossen waren, „gingen die weg wie warme Semmeln“, sagt Böhle. An „schlechten“ Tagen seien 50 Bücher geholt worden, an guten bis zu 250 Bücher.

Menschen kommen ins Gespräch

Außerhalb des Lockdowns gibt es auch Kleider für Kinder und Erwachsene, Schuhe, Spielzeug, Küchenutensilien und immer mal original verpackte eingeschweißte Lebensmittel. Zusammengezählt ergebe der monatliche Durchsatz bis zu vier große Lastwagen voll, hat Böhle ausgerechnet. Mit dem Vorteil, dass die gebrauchten Dinge von den Anwohnern selbst vorbeigebracht würden – meist zu Fuß oder mit dem Fahrrad. Bis zu 800 Besucher pro Tag finden hier Dinge, die sie gebrauchen können. „Wir wollten, dass die Sachen im Kreislauf bleiben“, sagt Böhle. Der Vorwurf, den er immer wieder hört, Leute würden sich Dinge holen und dann auf dem Flohmarkt verkaufen, prallt an ihm ab: „Selbst wenn, das ist nichts, womit man reich wird. Und die Sachen bleiben ja trotzdem im Kreislauf.“

Tauschhaus im Stellinger Weg: Bis zu 800 Besucher am Tag. Quelle: Thorsten Ahlf

Ältere Menschen aus dem Viertel kämen am Tauschhaus ins Gespräch mit anderen, damit sei auch ein sozialer Zweck erfüllt. Und die Helfer des Projektes bekämen für ihre Arbeit ein positives Feedback. „Wir haben gewollt, dass der öffentliche Raum wieder von Menschen erobert wird“, sagt Böhle. „Das hier war vor fünf Jahren die toteste Ecke von Eimsbüttel.“

Behrooz Halimyar, Inhaber des Café 52 an der Ecke, will nach dem Lockdown Sonderangebote für Tauschhaus-Besucher anbieten. „Wir achten auch mit darauf, dass hier niemand seinen Müll abstellt“, sagt der junge Gastronom. Sieht er doch etwas, räumt er ihn zu den Mülltonnen, sonst würden sich andere ermuntert sehen, noch mehr dazuzustellen.

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Aber da ist ja auch noch Andreas Böhle, der so gut wie jeden Tag am Tauschhaus nach dem Rechten sieht. Zu unterschiedlichen Zeiten, damit mögliche Müllsünder sich nie sicher sein können, nicht ertappt zu werden. Seine Frau Beeke kennt das schon.

Bis Freitag porträtiert die HAZ gemeinsam mit den „Kieler Nachrichten“, dem „Hamburger Abendblatt“ und NDR Info Menschen, die Dinge mit viel Engagement verändern und verbessern wollen. NDR Info sendet die Geschichten morgens um 7.48 Uhr und eine Wiederholung im Laufe des Vormittags. Alle bislang veröffentlichten Geschichten zum Nachlesen und Nachhören sowie Bildergalerien finden Sie auf einen Blick auf www.haz.li/machen.

Von Elisabeth Jessen