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Der Norden Noch zehn Jahre Atomzwischenlager Leese
Nachrichten Der Norden Noch zehn Jahre Atomzwischenlager Leese
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18:25 15.10.2018
Zwischenlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle in Leese Quelle: Strebe
Leese

Es sieht alles ziemlich öko aus. Waldstreifen fassen das Gelände ein, auf einem der Dächer wächst Grünzeug. Früher waren sogar alle Hallendächer auf dem Areal bei Leese im Kreis Nienburg begrünt. Und in den Dachkanten sind bis heute Ausbuchtungen zu sehen, die die Handwerker gelassen hatten, damit die Bäume ungehindert hochwachsen konnten.

Allerdings ist das nicht mit Rücksicht auf die Natur geschehen. Sondern wegen der Tarnung. Das Gelände war Wehrmachtsgebiet, im Zweiten Weltkrieg hantierte man hier mit Rüstungsgütern, die ganze Flora an und auf den Gebäuden hatte den Zweck, den Bereich zu kaschieren und Angriffe aus der Luft zu verhindern. Heute gibt es an dem Standort nichts Militärisches mehr. Aber Brisantes ist trotzdem genug da: Hier befindet sich das Atommüllzwischenlager Leese.

Das Lager, betrieben vom Braunschweiger Unternehmen Eckert & Ziegler, hat an diesem Tag Besuch: Joachim Bluth, Referatsleiter für Grundsatzangelegenheiten der Kernenergie und der nuklearen Entsorgung im niedersächsischen Umweltministerium, ist gekommen, um einen kritischen Blick auf die Atommüllfässer im Lager zu werfen. Er vertritt nicht nur das Ministerium als Aufsichtsbehörde. Das, was da in Leese lagert, gehört zum größten Teil dem Land.

Acht Fässer auffällig

Bis zu 12 080 Fässer zu je 200 Litern mit schwach- und mittelradioaktivem Abfall dürfen in Leese in den Hallen lagern, die dort auf dem eingezäunten Gelände stehen – normale Hallen, einfache Backsteinwände, nur die Fenster sind zugemauert. Außerdem können gut 1500 Fässer in Containern auf dem Freigelände untergebracht werden. Bei dem, was sich in den Fässern befindet, handelt es sich meist um Stoffe aus der Nuklearmedizin, verstrahlte Laborutensilien etwa, und um radioaktive Rückstände aus Industrie und Forschung. Schwachradioaktiv bedeutet, dass wegen der Strahlung kaum Vorsichtsmaßnahmen nötig sind, mittelradioaktiv heißt, dass eine gewisse Abschirmung geboten ist. Kühlung – wie bei hochradioaktiven Stoffen – ist bei beiden nicht nötig.

Beim Besuch von Joachim Bluth geht es zuallererst um 1484 Fässer. Gelb glänzend lackiert sind sie, mit handgeschriebenen Nummern versehen, mit dem Radioaktivitätswarnzeichen beklebt. Sie stehen dicht an dicht in den Hallen, vier Lagen übereinander, stellenweise sogar fünf. Und manchmal weisen sie Rostspuren auf.

Acht solcher Fässer sind in den letzten Jahren auffällig geworden. In ihrem Innern ist es nicht so trocken, wie es sein sollte, mitunter bildet sich Kondenswasser, dann rostet das Metall von innen. Und ein Fass hat regelrecht für Furore gesorgt, das Fass mit der Nummer 1989: Es wurde wegen seines korrodierten Zustands 2013 geöffnet, und man fand Dinge, die laut Deklaration nicht drin sein durften. Statt Zellstoff und Geräten kamen Flaschen mit Flüssigkeit und ein Laborkittel ans Tageslicht.

Die 1484 Fässer stammen aus der alten Landessammelstelle für atomare Abfälle im nahen Steyerberg. Das Land Niedersachsen hatte in den Achtzigern verfügt, alle, die radioaktive Reststoffe loswerden wollten, könnten sie bei der Braunschweiger Firma Buchler (später Amersham Buchler, noch später: Eckert & Ziegler) abgeben. Die wiederum verpackte den Atommüll und stellte ihn in Steyerberg unter. Und als da kein Platz mehr war, lagerte man das Zeug auf dem Firmengelände in Braunschweig. Das Unternehmen verdiente gut, das Umweltministerium schaute nicht so genau hin – unhaltbare Zustände, rechtlich wie strahlenschutzmäßig. Im Jahr 1998 wurde Steyerberg deswegen geschlossen, der Müll wanderte ins Zwischenlager Leese, Eckert & Ziegler hatte die Hallen dort von der örtlichen Raiffeisenwarengenossenschaft gepachtet und stellte sie dem Land teilweise zur Verfügung.

Für eine Atomanlage sieht das Umfeld erstaunlich zivil aus. 20 Meter neben dem Zwischenlagerzaun arbeitet eine Tischlerei. In Rufweite finden sich ein Recyclinghof, eine Obstplantage und ein Hofladen. Nur die seltsamen Kugeln, die auf drei Beinen im Innern des Zauns stehen, und die kleinen Metallzylinder daneben fallen auf – das sind die Neutronenmessgeräte und die Photonendosimeter.

Ein Mensch darf durch so eine Anlage pro Jahr einer Strahlung von einem Millisievert ausgesetzt werden. Die normale Strahlenbelastung in Deutschland liegt im Durchschnitt bei 2,1 Millisievert im Jahr. Erst das Hundertfache gilt als gefährlicher Grenzwert, das Tausendfache löst Strahlenkrankheitssymptome aus, das Fünftausendfache führt zum Tod. Die höchsten Messwerte, die am Zaun in Leese registriert werden, liegen bei 0,25 Millisievert.

Konditionierung für 15 Millionen

Die Inspektion fällt unspektakulär aus. Die meisten Fässer vermitteln einen guten Eindruck, vereinzelt sieht man mal eines, bei dem der Rost durch den gelben Lack hindurch blüht. Die Fässer werden zweimal im Jahr einer Sichtkontrolle unterzogen, alle drei Jahre kommt ein Sachverständiger und schaut nach – so weit das geht: Die Tonnen stehen zu dicht, um alles regelmäßig zu überprüfen.

Mehr Schadstellen durch Alterung, erläutert Bluth, seien absehbar. Niemand habe damit gerechnet, dass man die Fässer so lange lagern müsse: „Man hat ja gedacht, man hat bald ein Endlager.“ Immerhin: „Bis jetzt ist aus den Fässern keine Radioaktivität ausgetreten.“

Trotzdem muss etwas geschehen. Und es werde etwas geschehen, sagt Bluth. Alle 1484 Fässer werden von 2019 an aus Leese abgeholt, die Gesellschaft für Nuklear-Service, kurz GNS, wird sie im Forschungszentrum in Jülich öffnen, inspizieren, notfalls nachbehandeln. Konditionieren nennt man das, sprich: endlagerfähig machen. Am Ende wird alles in sogenannte Konrad-Container verpackt. Der Auftrag für 15 Millionen Euro, die der Bund als Endlagerverantwortlicher übernimmt, ist inzwischen erteilt. Zehn Jahre wird das alles dauern, bis 2029 – und dann ist die Zeit auch knapp, denn 2030 läuft der Pachtvertrag in Leese aus.

Bluth – der von Haus aus Bergbauingenieur ist und sich über die Bergaufsicht in Gorleben zum Atomexperten entwickelt hat – wiegt einen Moment den Kopf und sagt, er hoffe, dass das Endlager Konrad bei Salzgitter dann auch wirklich betriebsbereit sei. Eigentlich soll es spätestens von 2027 an arbeiten. Aber sicher ist das nicht.

Dass die Konrad-Container mit den konditionierten Leese-Fässern aus Jülich erst mal wieder ins Zwischenlager zurückgebracht werden sollen, findet nicht gerade den Beifall der Bürgerinitiative Strahlenschutz Leese, die das Zwischenlager kritisch beäugt. „Die Leute hier sind sensibler geworden, und jetzt haben sie langsam die Schnauze voll“, sagt Sprecher Meinhard Behrens. Er verweist zudem auf weitere 3400 Fässer, die das Land von einer Braunschweiger Nuklearmedizinfirma übernommen hat. An denen gebe es auch schon Korrosionsschäden. Das Land dagegen sagt: Der Zustand dieser Fässer ist besser als der der alten Steyerberg-Fässer. Und verspricht: Auch diese Fässer kommen ins Endlager Konrad.

Eckert & Ziegler ist wortkarg

Behrens fragt schließlich noch nach den restlichen 7000 Fässern, die nicht vom Land, sondern von Eckert & Ziegler selbst in Leese zwischengelagert werden. Auskunft darüber zu bekommen, ist nicht ganz einfach, die Firma wird wortkarg, wenn man sie darauf anspricht. Schließlich erklärt das Unternehmen, dass es sich bei seinen Fässern ja nicht um radioaktive Abfälle zur Endlagerung, sondern „um schwach kontaminierte Materialien zum Abklingen“ und nur um eine vorübergehende Lagerung handele.

Aber was passiert damit, wenn Leese 2030 geschlossen werden muss? Antwort: „Die Gebinde werden zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in Leese sein.“ Bis 2030 muss sich die Firma also ein neues Zwischenlager suchen (dem Vernehmen nach hat sie die Fühler in Richtung Ostdeutschland ausgestreckt).

Und das Land muss das auch, falls das Endlager Konrad nicht fertig sein sollte.

Generationenprojekt Schacht Konrad

Alle Atomabfälle des Landes Niedersachsen werden letztendlich von Leese aus ins Endlager Schacht Konrad bei Salzgitter wandern, das dem Bund gehört und einmal 300000 Kubikmeter schwach- und mittelradioaktiven Atommüll (nicht nur aus Niedersachsen) aufnehmen soll.

Konrad ist ein Generationenprojekt. Das ehemalige Eisenerzbergwerk, das seinen Namen von dem früheren Salzgitter-AG-Aufsichtsratschef Konrad Ende hat, wurde von 1975 an auf seine Eignung hin untersucht, aber erst 2002 fiel der Planfeststellungsbeschluss.

In den ersten Prognosen für den Beginn der Einlagerung wurde 1988 genannt, mittlerweile wird 2027 angepeilt. Fachleute halten auch dieses Datum für ambitioniert. Für den derzeit laufenden Umbau des Bergwerks zum Endlager sind 4,2 Milliarden Euro einkalkuliert.

Von Bert Strebe

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