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Der Norden Container über Bord: Keine Schifffahrt zwischen Borkum und Emden
Nachrichten Der Norden Container über Bord: Keine Schifffahrt zwischen Borkum und Emden
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19:50 03.01.2019
Ladung über Bord: Die 'MSC Zoe' verliert in der Deutschen Bucht knapp 300 Container / 020119 *** MSC Zoe after losing their containers, off the coast of Borkum, Germany - 02 Jan 2019 *** Quelle: Utrecht, Robin
Borkum

Eigentlich hatte es geheißen, Borkum werde wohl davonkommen. Das meinten die Fachleute nach ihren Driftberechnungen. Aber Georg Lübben ist da lieber skeptisch – und vorbereitet. Am Donnerstag, erzählt der Bürgermeister von Borkum, wurden denn auch zwei Container in relativer Nähe zum Borkumer Strand gesichtet, der erste eine Seemeile, der zweite zweieinhalb Seemeilen entfernt. Das Bergungskommando machte sich gleich auf den Weg.

Rund 270 Container sind von dem Frachtschiff „MSC Zoe“, das auf dem Weg von Antwerpen nach Bremerhaven war, während des Sturms in der Nacht zu Mittwoch ins Wasser gerutscht. Die meisten Container landeten noch vor der niederländischen, aber auch einige vor der deutschen Küste im Wasser. Die Zahl 270 geht auf eine Schätzung des Havariekommandos in Cuxhaven zurück, einer gemeinsamen Küstenschutzeingreiftruppe des Bundes und der Länder. Bislang weiß man nicht exakt, wie viele Container über Bord gegangen sind, nicht mal, wie viele auf dem Schiff waren. 19 000 passen auf so einen Riesenfrachter, die „MSC Zoe“ gehört mit einer Länge von mehr als 394 Metern zu den größten Containerschiffen der Welt.

Drei Container mit Gefahrgut

Auch, was in den Stahlboxen transportiert wurde, weiß man nicht genau. Handelsware von verschiedenen Firmen, das steht fest – aber auch Gefahrengut. Lübben bekam die Auskunft, es könnten 25 Container mit gefährlichen Stoffen zu den über Bord gegangenen Metallkästen gehören. Bestätigt wurde dann erst nur einer, am Donnerstag waren es drei: Sie enthalten Dibenzoylperoxid, ein Stoff, der zur Kunststoffproduktion verwendet wird, unter anderem als Bleichmittel. Er kann bei Hitze explodieren. Vor der niederländischen Insel Schiermonnikoog wurde am Donnerstag eine Sack mit einem gefährlichen Puder angeschwemmt, mutmaßlich Peroxid. Der Landkreis Leer warnt Urlauber und Einwohner, sie sollten „keinesfalls offene Container oder freigesetzte Stoffe berühren“.

Auf den niederländischen Wattenmeer-Inseln Vlieland, Terschelling und Ameland wurden laut der niederländischen Küstenwache mehr als 20 Container entdeckt. Die Niederlande wollen für die Aufräumarbeiten an ihren Stränden die Armee einsetzen. Die Bürgermeister der Inseln Terschelling und Schiermonnikoog hatten um Hilfe gebeten. Strände und Küsten seien mit Verpackungsmüll und Gegenständen aus den Containern übersät. Ehrenamtliche könnten die Müllberge alleine nicht einsammeln. Angespült wurden unter anderem Autoersatzteile, Möbel, Kühlschränke, Fernseher, Spielzeug, Plastik-Seifenspender und OP-Kleidung.

Holländer bergen Bildschirme

Eric Scheer wollte eigentlich nur ein paar Tage Urlaub machen. Der Fachanwalt für Steuerrecht aus Amsterdam ist dafür in das Örtchen Midsland auf der niederländischen Insel Terschelling gefahren. Eine schmale Insel: Der Strand ist einen Kilometer breit und 30 Kilometer lang. 15 Kilometer davon sind allerdings seit Mittwoch übersät mit Frachtgut: Auf Terschelling sind mehrere Container des Frachtschiffs MSC Zoe angeschwemmt worden. Deswegen ist aus dem Urlaub von Eric Scheer nicht so recht was geworden: Er hat lieber beim Aufräumen mit angefasst.

„Hier liegt alles voll“, erzählt Scheer am Telefon, „so weit man gucken kann.“ Die vier Container, die er selbst gezählt hat, seien offenbar beim Anlanden aufgebrochen, der Inhalt wurde von der Flut auf dem Strand gespült: haufenweise Plastikkinderspielzeug, Autoteile, Möbel. Und sehr, sehr viel Verpackungskunststoffe. Unzählige Einwohner und Gäste seien jetzt dabei, den Müll und andere Gegenstände einzusammeln.

In Holland, sagt der Jurist, dürfe man das, was nicht mehr im Container stecke, seiner Meinung nach behalten, das sei Strandgut und gehöre dem, der es findet. In Deutschland verhält sich das anders: Hier darf man nur als Fundstück betrachten, was der letzte Eigentümer aufgegeben hat. Die zuvor geltende sogenannte Strandungsordnung wurde 1990 aufgehoben.

Auf Terschelling trugen zahlreiche Menschen fabrikneue Flachbildfernseher vom Strand davon. Allerdings seien die Geräte wohl nicht mehr zu gebrauchen, vermutet Scheer – wegen des ausgiebigen Salzwasserbads.

Insgesamt ist der Großteil der 270 Container, die die MSC Zoe verloren hat, in niederländischen Gewässern über Bord gegangen. An den Stränden der Inseln Vlieland, Terschelling und Ameland, teilte die Küstenwache mit, wurden mehr als 20 Container angespült.

Acht Container hat das Havariekommando bislang nach Auskunft von Sprecher Michael Friedrich in deutschen Gewässern gezählt, zwei davon in der Nähe der Emsmündung zwischen Borkum und Emden, weswegen der Bereich für die Schifffahrt zeitweise gesperrt wurde. Bei Sonnenaufgang machte sich das Kommando am Donnerstag wieder auf die Suche nach weiteren Stahlkisten, mit Hubschraubern, Flugzeugen und Schiffen. Die „MSC Zoe“ ist unterdessen nach Bremerhaven geschleppt und dort im Hafen vertäut worden.

Wasserschutzpolizei ermittelt

Zuständig für die Untersuchung der Schadensursachen ist jetzt die Wasserschutzpolizei Bremerhaven, die auch prüft, ob die Ladung vielleicht unzureichend gesichert war. Es werde aber dauern, bis Ergebnisse vorlägen, sagte ein Sprecher. „Kennen Sie Mikado? So sehen die Container an Bord aus.“

Es gibt Schätzungen, dass jedes Jahr bis zu 10 000 Container weltweit von Frachtschiffen ins Meer fallen. Der Branchenverband World Shipping Council nennt dagegen für die letzten Jahre eine Zahl von rund 600 Containern bei Normalbetrieb, also ohne Stürme oder Kollisionen. Rechnet man Katastrophenfälle mit ein, kommt der Verband auf 1390 Container, die pro Jahr im Meer landen. Das Havariekommando Cuxhaven nennt als letzten nennenswerten Unfall an der deutschen Küste eine Schiffskollision aus dem Jahr 2013 von Bremerhaven, bei der 14 Container im Wasser landeten.

Das sind die Bilder des Unfalls

Mehr als 270 Container hat die MSC Zoe im Sturm verloren. Der Inhalt einiger Container ist an der niederländischen Küste angespült worden. Weitere treiben im Wasser.

Vor zwei Jahren wurden Zehntausende von Überraschungseiern aus einer aufgeplatzten Schiffslieferung an den Stränden von Langeoog angeschwemmt. Bürgermeister Georg Lübben auf Borkum erinnert sich noch an seine Schulzeit, in der einmal massenhaft durchweichtes Papier am Strand lag. Und daran, dass eines Tages, nach einer Schiffshavarie vor England, haufenweise Nike-Sportschuhe angespült wurden: „Die Insulaner und die Gäste standen am Strand und riefen: Habe hier einen Schuh der Größe 43, links, suche den rechten.“ Ernster ist für Lübben das Paraffin, dass regelmäßig am Borkumer Strand klebt, weil die Schiffe ihre Tanks immer noch mit Meerwasser spülen. „Vor zwei Jahren hatten wir hier 73 Tonnen.“

Auf Borkum stehen die Leute von der Feuerwehr und vom städtischen Bauhof bereit, um auszurücken, falls Container der „MSC Zoe“ auf der Insel eintreffen. Lübben: „Wir können schnell reagieren.“

Für die Bergungskosten von Schiff und Containern und auch für Strandsäuberungen muss die Reederei aufkommen, die Mediterranean Shipping Company aus Genf. Sie hat eigenen Angaben zufolge mittlerweile ein Bergungsunternehmen beauftragt, mit Spezialschiffen, die mit Sonargeräten ausgerüstet sind, nach den versunkenen Containern im Meer zu suchen.

Von Bert Strebe und Peer Körner

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