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Der Norden Auf Borkum wird Sport groß geschrieben
Nachrichten Der Norden Auf Borkum wird Sport groß geschrieben
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16:52 15.07.2018
Gabriele Schulte
Gabriele Schulte Quelle: E-Mail HAZ
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Borkum

Die Segel sind gesetzt. Der Wind aus Nordnordwest schiebt Jule und Ben mit Stärke drei über den weiten Strand. Die Geschwister aus Oldenburg üben Wenden und Halsen, während sie in ihren leichten Einsitzern über den Sand sausen. „Ein bisschen Angst hatte ich schon“, verrät Jule nach dem letzten Stoppmanöver.

In den Kurven und immer, wenn man das Segel zu fest anzieht, löse sich eins der drei Räder vom Boden: „Dann hat man das Gefühl, dass man abhebt.“ Trotzdem haben die Zehnjährige und ihr zwei Jahre älterer Bruder an der schnellen Fahrt so viel Spaß, dass sie sich nach der Schnupperstunde zum Dreistundenkurs anmelden.

Borkum, die größte der Ostfriesischen Inseln, bietet Strandspaß, aber auch ruhig-beschauliche Naturflächen wie Dünen, Watt und Salzwiesen.

Strandsegeln diente früher dem Gütertransport. Heute ist es ein Hobby, das in Deutschland nur auf den besonders festen weiten Sandflächen von St. Peter-Ording und eben Borkum erlernt werden kann. Die größte Ostfriesische Insel erfüllt sportlichen Besuchern fast alle Wünsche und lockt auch ambitionierte Landratten. Es gibt Radrennen, Volksläufe, Tennisturniere; Strand- und Wassersport werden aber besonders groß geschrieben.

Der Kitesurfkurs auf dem Wasser bei „Windsurfing Borkum“ muss an diesem Tag ausfallen. „Die Drachen brauchen vier Windstärken“, erklärt Betreiberin Brenda Vogel. Die Mutter einer zweijährigen Tochter ist im sechsten Monat schwanger und unterrichtet zurzeit nicht selbst. Es könnte ja sein, dass sie mal einem schweren Mann wieder aufs Brett helfen müsste. Privat segelt und surft Brenda Vogel aber weiter. Nach Abschluss ihres Lehramtsstudiums (Mathe, Deutsch, Sport) vor 15 Jahren hat sie ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht. Sie hat es nicht bereut: „Hier habe ich nur mit Leuten zu tun, die lernen wollen.“

Borkumer Seehunde liegen dicht bei den Surfern

Alle Sportkurse finden vor der imposanten Promenade in der Erholungszone des Nationalparks Wattenmeer statt. Sie dient, im Gegensatz zu den Schutzzonen, vor allem der Erholung der Menschen. Abstecher auf die gegenüberliegende Seehundbank sind für Surfer aber tabu. Gelegentlich suchen sich gefährdete Tiere auch mitten in der Erholungszone ihren Platz.

In diesem Sommer haben die beiden Nationalpark-Ranger am Strand eine Zwergseeschwalbenkolonie abgesteckt und am Zaun ein Schild aufgestellt, das Besucher auf den notwendigen Abstand zu der seltenen Art hinweist. „Die Leute halten sich daran“, sagt Ranger Simon Potthast. „Querulanten sind selten.“ Auch so ist es ein Naturerlebnis, die Vögel auf ihren Fischbeutezügen zum nur 50 Meter entfernten offenen Meer zu beobachten.

Unscheinbarer nehmen sich dagegen ein Stück weiter hinten zwischen den weißen und grauen Dünen die kleinen Blumen aus, über die sich der Ranger besonders freut. „Eine Augenweide für Botaniker“, meint der 29-Jährige. In einer feuchten Senke hat sich seit 2015 das schon fast ausgerottete Sumpfglanzkraut wieder ausgebreitet, eine nur bis 15 Zentimeter hohe Orchideenart. Vergangene Woche haben Potthast und fünf andere Nationalparkmitarbeiter die Insel auf die speckig glänzenden Stängel hin abgesucht und stolze 14.000 Exemplare gefunden.

Eher selten komme es vor, dass sich Inselbesucher in eigentlich gesperrte Dünen- und andere Schutzzonen begeben, berichtet der Ranger. „Wir weisen sie dann freundlich darauf hin.“

Ein Kritiker des ausgeprägten Tourismus im Wattenmeer ist dagegen Manfred Knake vom Wattenrat Ostfriesland. „Zu viel für so ein kleines Schutzgebiet“, meint der Naturschützer. Seiner Ansicht nach ist der Nationalpark von Anfang an mehr Freizeitpark denn Großschutzgebiet gewesen. Kitesurfen würde Knake dort gern wieder abschaffen; es sei nicht mit den Zielen des Nationalparks vereinbar. Auch eine Studie des Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz legt nah, dass die rasanten Lenkdrachen manche Vögel nachhaltig verschrecken.

Borkumer Damhirsche passen nicht ins Ökosystem

Nicht ins Borkumer Ökosystem passt jedenfalls das Damwild, wie Heinz-Hermann Kathmann von der Nationalparkverwaltung sagt: „Das ist eine nicht-heimische Tierart.“ Anfang 2014 hatte die damals noch schwarz-gelbe Landesregierung Damwild im Rahmen eines Modellversuchs auf der Insel ausgesetzt, zunächst in einem Gatter. „Man wollte gucken, ob sie der Verbuschung der Insel entgegenwirken“, erläutert der Jagdexperte. Doch das habe nicht gewirkt.

Im Dezember desselben Jahres öffneten dann Unbekannte das Gatter. Seitdem stromern die Tiere, mittlerweile einige Dutzend, über die Insel und erfreuen sich am Grünzeug in Gärten und auf dem Friedhof. „Nach einem Verwaltungsgerichtsurteil dürfen sie eingefangen werden“, sagt Kathmann. Doch das sei nicht leicht. Und für die Jagd gelten generell im Nationalpark erhebliche Einschränkungen. Immerhin erfreuen sich viele Inselbesucher am Anblick der Tiere.

Bei aller Liebe zu Trends haben sich auf der Insel alte Bräuche erhalten. Die Bewohner pflegen neben der ostfriesischen Teezeremonie eigene Traditionen. So wird der Maibaum hier erst am Sonnabend vor Pfingsten aufgestellt. Das soll daran liegen, dass die Vegetation im Hochseeklima einige Wochen hinterher hinkt. Erhalten haben sich auch die Milchbuden am Strand, auf deren Holzterrassen sich Gäste Milchreis und Quarkspeisen schmecken lassen. Zu erschwinglichen Preisen. Auch andernorts auf Borkum ist es deutlich günstiger als auf den sechs anderen, kleineren Ostfriesischen Inseln.

Borkumer Kleinbahn nutzt auch eine Dampflok

Nostalgisch geht es auch bei der Borkumer Kleinbahn zu, die auf 90 Zentimeter schmaler Spur zur Fähre zuckelt. Der Verkehrsbetrieb setzt zwar vorwiegend auf moderne Waggons und für den Busverkehr neuerdings sogar auf Elektroantrieb. Doch die Mitarbeiter, deren Väter und Großväter häufig schon für die Kleinbahn tätig waren, haben sechs historische Wagen liebevoll hergerichtet.

Sonntags und für Ausflugsfahrten kommt eine vor 20 Jahren restaurierte, auf Dieselbetrieb umgestellte Dampflok zum Einsatz. Bis vor ein paar Jahren zog sie noch öfter die Züge. „Die Dampflok braucht aber Pausen, sie muss zwischendurch abkühlen“, sagt Betriebsleiter Rudolf Munk. Das sei mit bis zu 10.000 Inselbahnfahrgästen pro Tag schwer zu vereinbaren.

Seit März machen sich nun auch noch mehr Holländer auf den Weg zu der Ostfriesischen Insel, seitdem nämlich ist der Fähranleger Eemshaven direkt an die niederländischen Bahn angeschlossen. Die Borkumer Schmalspurbahn braucht für die sieben Kilometer zwischen Ort und Fähre knapp 20 Minuten.

Mit bis zu 100 Kilometer pro Stunde düsen die Strandsegler über sich schier endlos ausdehnende Sandflächen. Noch schneller geht es dort mit den schwerer zu handhabenden Kitebuggys voran. Echte Profis werden Anfang Oktober mit ihren Lenkdrachen auf Borkum um die Wette rasen. Dann tragen etwa 100 Anhänger dieser Trendsportart hier ihre Weltmeisterschaft aus. Die Zwergseeschwalben werden sich nicht daran stören – die sechs jetzt noch brütenden Paare sind bis dahin längst abgeflogen.

Borkum

Das Nordseeheilbad Borkum ist 36 Quadratkilometer groß und hat 26 Kilometer Strand zu bieten. 5500 Einwohner leben auf der Insel. Nicht nur wegen seiner Größe, sondern auch wegen der großen Entfernung zum Festland ist Borkum eine Besonderheit unter den Ostfriesischen Inseln. Vor allem Allergiker und Menschen mit Atemwegserkrankungen wissen das pollenarme Hochseeklima und die frische Seeluft zu schätzen.

Auch manch gestresstem Großstädter hilft die lange Überfahrt beim Abschalten vom Alltag. Die Fähre der AG Ems fährt tideunabhängig mehrmals täglich und braucht von Emden aus 130 Minuten. Vom Anleger fährt die Inselbahn weiter bis zum sieben Kilometer enfernten Ort. Wer es eiliger hat, kann sich für die etwas teurere Überfahrt mit dem Katamaran entscheiden, der nur eine Stunde unterwegs ist.

Autos sind auf Borkum erlaubt, allerdings während der Sommersaison nicht im Ortskern. Es empfiehlt sich aber, das Fahrzeug am Emder Hafen stehen zu lassen, schließlich lässt sich die Insel sehr gut mit dem Fahrrad erkunden. Die Insel bietet ein breites Spektrum an sportlichen und anderen Aktivitäten –und sogar ein Nachtleben.

Ab auf die Insel

Die neue HAZ-Serie „Ab auf die Insel“ nimmt Sie mit in den hohen Norden. Unsere Autorin Gabriele Schulte besucht alle sieben bewohnten Ostfriesischen Inseln – und berichtet von Strandaktivitäten, beschaulichen Dörfern und quirligen Städtchen, von geruhsamer Fortbewegung mit Kutsche, Fahrrad und Inselbahn sowie den Sorgen der Insulaner um Deiche, Dünen, Häfen und bezahlbaren Wohnraum. Hier finden Sie alle Teile der Serie auf einen Blick.

Von Gabriele Schulte