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Plastik wird zur tödlichen Gefahr für Vögel auf Helgoland

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00:19 29.05.2019
Bedrohte Art: Fast in allen Basstölpelnestern auf Helgoland sind Plastikteile verbaut. Quelle: Carsten Rehder/dpa
Helgoland

Das Problem ist von Weitem sichtbar. Orange und blau leuchtet es aus den Basstölpelnestern an Helgolands Felsenküste. Die Nester im Naturschutzgebiet Lummenfelsen sind durchsetzt mit Plastik. Es ist Brutzeit und fast alle Basstölpel – eine Hochseevogelart, die deutschlandweit nur hier brütet – bauen Plastik in ihre Nester ein.

Rund 5 bis 13 Millionen Tonnen Plastikmüll landen in den Meeren

Nach Schätzungen landen weltweit jährlich rund 5 bis 13 Millionen Tonnen Plastikmüll in den Meeren. Hunderte Tierarten werden nach Angaben der Umweltorganisation WWF durch Plastikmüll geschädigt. Plastik im Meer - ein Problem, das nicht nur die Ozeane und Länder weit weg betrifft, sondern auch Deutschland.

Auf Helgoland, viele Kilometer vom Festland entfernt in der Nordsee gelegen, wird es besonders deutlich. Jeder zweite Tourist spreche einen auf die bunten Plastikteile in den Basstölpelnestern an, sagt der Ornithologe Elmar Ballstaedt. Er ist Schutzgebietsbetreuer der Naturschutzgesellschaft Verein Jordsand auf Helgoland. Und seit Anfang des Jahres arbeitet er an einem Forschungsprojekt zum Thema Plastik und Basstölpel.

Fast in allen Basstölpelnestern auf Helgoland sind Plastikteile verbaut. Das künstliche Nistmaterial, das die Vögel statt Algen verwenden, wird auch für andere Vogelarten zur oft tödlichen Falle. Wissenschaftler wollen nun herausfinden, woher das Plastik stammt.

Für die Vögel ist das künstliche Nistmaterial gefährlich

„Das Material baut sich nicht natürlicherweise ab“, sagt Ballstaedt. Die Folge: Die Tiere verheddern sich darin, können sich nicht selbstständig befreien. Es besteht die Gefahr, dass sie sich strangulieren oder verhungern. Berichten im Auftrag des Forschungs- und Technologiezentrums Küste der Universität Kiel in Büsum (FTZ) zufolge hat sich der Bruterfolg auf Helgoland in den vergangenen Jahren beim Basstölpel durch Verstrickung von Alt- und Jungvögeln um jeweils gut fünf Prozent vermindert. 2015 waren es sogar knapp zehn Prozent.

Betroffen sind aber nicht nur Basstölpel, die das unnatürliche Nistmaterial aktiv anschleppen und in ihren Nestern verbauen. Auch Trottellummen, die dicht an dicht mit den Basstölpeln brüten, wird deren Vorliebe für Kunstfasern zum Verhängnis. Ballstaedt will nun überprüfen, welche Auswirkungen das Plastik auf die Populationen hat.

Basstölpel können 37 Jahre alt werden

Auf Helgoland brüten im Naturschutzgebiet Lummenfelsen nach Angaben des Vereins Jordsand fünf für Deutschland einzigartige Brutvogelarten: Tordalk, Trottellumme, Eissturmvogel, Dreizehenmöwe und Basstölpel. 1991 wurde das erste Basstölpelpaar auf der Insel sesshaft. Mittlerweile gibt es mehr als 1100 Brutpaare. Basstölpel sind erst mit fünf Jahren brutreif und können 37 Jahre alt werden. Sie bauen im Felsen Nester, in die sie ein Ei legen.

Normalerweise benutzen sie Großalgen als natürliches Nistmaterial. Doch sie tragen zusätzlich Plastikfasern in die Nester ein. Vom Umweltbundesamt stammende Zahlen zeigen: 98 Prozent der Nester in der Brutvogelkolonie von Basstölpeln auf Helgoland enthalten Kunststoff.

Doch wo kommt das Material genau her, welche Auswirkungen hat der Plastikmüll auf die Basstölpelpopulation und warum bauen sie ihn in ihre Nester ein? Diese Fragen will Ballstaedt in den kommenden vier Jahren im Rahmen seiner Promotion untersuchen. Unterstützt wird er von vielen Partnern: Die Gemeinde Helgoland finanziert ihn. Das Alfred-Wegener-Institut, das FTZ, das Institut für Vogelforschung „Vogelwarte Helgoland“ und der Verein Jordsand helfen dem jungen Wissenschaftler ebenfalls – etwa mit Expertise, Ausrüstung und Laborräumen.

„Erschreckend hohe Menge an Plastik im Felsen“

Bereits 2015 wurden in einem Pilotprojekt auf Helgoland Basstölpelnester außerhalb der Brutzeit gesammelt. Künstliches Nistmaterial wurde aussortiert und getrocknet. Insgesamt wurden sieben Nester aus dem Felsen genommen. Darin waren zehn Kilo Plastik enthalten. „Wir haben 1115 Brutpaare, wenn man das hochrechnet, das ist eine erschreckend hohe Menge an Plastik im Felsen“, sagt Ballstaedt. Die Basstölpel haben die Plätze später wieder besetzt und erneut Plastik in ihre Nester eingetragen. Die Entnahme ist also keine Möglichkeit, die tödliche Gefahr zu reduzieren, wie Ballstaedt sagt.

Das damals getrocknete Kunststoffmaterial wurde aufgehoben. Ein „super Anknüpfungspunkt“ für den jungen Wissenschaftler. „Man hat jetzt viel Material, das man im Labor untersuchen kann.“ Denn ob es sich um Dolyropes, also Scheuerschutz von Netzen, Tau-Reste oder vielleicht sogar um Verpackungsmaterial handele, lasse sich mit bloßem Auge nicht immer zweifelsfrei erkennen. „Deswegen die Laboranalyse.“ Im besten Fall könne das Material bestimmeten Industriesparten oder Herstellern zugeordnet und gemeinsam Lösungen für das Problem erarbeitet werden, hofft Ballstaedt.

Doch warum verbauen die Basstölpel überhaupt Kunststoffteile in ihren Nestern? „Man weiß es nicht genau“, sagt Ballstaedt. Es könne sein, dass es an der Struktur liege: Die normalerweise verbauten Algen sind ebenfalls fadenförmig und recht lang. Es könne aber auch sein, dass die Vögel die bunten Schnüre schöner finden. Was bedeuten würde, dass sie sie sogar aktiv nehmen, sagt Ballstaedt.

Um die Theorien zu überprüfen, hat sich Ballstaedt 20 Testnester ausgesucht. Er beobachtet, in welcher Phase des Nestbaus Plastik eingebaut wird: „Es gibt Nistmaterial, das ein Tölpel nutzt, um sich sein Konstrukt zu bauen.“ Und dann gibt es welches zum Ausschmücken.

Nester mit Wildkameras beobachten

Zudem möchte Ballstaedt Nester mit Wildkameras beobachten und einige Basstölpel gegebenenfalls mit einem Sender ausstatten. „Dann kann ich vielleicht eingrenzen, wo sie das Plastik herholen.“ Denn niemand wisse, ob die Tölpel es zufällig finden oder gezielt Bereiche anfliegen, wo sich Plastik sammelt. Deshalb will er auch die Daten vom Spülsaummonitoring mit dem Inhalt der Nester vergleichen.

Eine weitere Hypothese lässt sich laut Ballstaedt indes erst einmal nicht überprüfen. Nämlich die, ob die monogamen, orts- und nesttreuen Tiere über die Zeit gemerkt hätten, dass Plastik einfach stabil ist.

Von Birgitta von Gyldenfeldt

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