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Der Norden Wird 2019 wieder ein Dürrejahr?
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09:39 04.03.2019
„Für Panik ist es noch zu früh“: Beim Mais mussten die Bauern zuletzt die Hälfte der Ernte abschreiben – der Ausblick auf dieses Jahr macht ihnen Sorgen.
„Für Panik ist es noch zu früh“: Beim Mais mussten die Bauern zuletzt die Hälfte der Ernte abschreiben – der Ausblick auf dieses Jahr macht ihnen Sorgen. Quelle: Carmen Jasper (dpa)
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Hannover

Wenn Landwirt Ulrich Löhr auf seine Felder blickt, spürt er Unbehagen. Besonders der Raps zeigt noch Zeichen der Trockenheit des vergangenen Jahres. Einige Pflanzen sind nicht ausgekeimt, sodass die wenigen Pflanzen viel Boden durchblicken lassen. Und der Februar war schon wieder zu trocken. Besonders die Stabilität des Sonnenwetters macht dem Landwirt aus Wolfenbüttel Sorgen. Trotzdem sagt er: „Wir müssen das Wetter nehmen, wie es kommt – das ist Berufsrisiko.“

Der Februar war zu trocken und zu warm

So wie Ulrich Löhr hoffen derzeit viele Landwirte in Niedersachsen auf Regen. Ein zweites Dürrejahr will sich niemand vorstellen. Doch der Februar war bereits deutlich zu trocken, zu sonnig und zu warm, sagt Dominik Jung vom Wetterdienst Q-met. Mit durchschnittlich fünf Grad sei es im Raum Hannover mehr als vier Grad wärmer gewesen als das langjährige Mittel. Außerdem hatte es in Niedersachsen nur knapp 20 Prozent des üblichen Niederschlags gegeben. „Der März wird wahrscheinlich wechselhafter, aber es wird eher Schauer geben, die das Regendefizit nicht werden ausgleichen können“, sagt Jung.

In der Tiefe fehlt Wasser

Der Saatguthersteller Strube D&S in Söllingen (Kreis Helmstedt) untersucht auf Testfeldern in ganz Deutschland, wie sich die Saat entwickelt, um Prognosen über Erträge abgeben zu können. Dabei werden auch Bodenproben genommen. „Wir haben festgestellt, dass die Böden derzeit nur bis 60 Zentimeter Tiefe mit Wasser aufgefüllt sind – darunter ist es trocken“, sagt Vertriebsleiter Thomas Engels. „Wenn der Niederschlag auch in den kommenden Monaten ausbleibt, reicht das nicht aus, um die Pflanzen zu versorgen.“ Besonders Tiefwurzler wie Zuckerrüben holen sich das Wasser aus bis zu zwei Metern Tiefe.

Besonders kritisch sieht er die Situation in Norddeutschland. Im Großraum Hannover, dem Weserbergland und dem Weser-Ems-Gebiet zum Beispiel seien unterdurchschnittliche Feuchtigkeitsmengen zu beobachten. „Wir sind alle keine Propheten“, sagt Engels. „Aber wenn der Boden nicht bis auf mindestens zwei Meter durchwässert wird, könnte die Dürre 2019 noch gravierendere Schäden anrichten als die von 2018.“

Landvolk ist besorgt

Die Bauern sind beunruhigt. „Für Panik ist es noch zu früh, aber der fehlende Niederschlag macht uns Sorgen“, sagt Werner Bosse, Marktreferent beim Landvolk Niedersachsen. Besonders, weil man aus dem vergangenen Jahr ein gewaltiges Wasserdefizit mitschleppe. Das Wintergetreide, das die Landwirte im Herbst ausgesät haben, sei gut gewachsen. Der ausbleibende Frost habe dazu geführt, dass die Saat in nahezu allen niedersächsischen Regionen zufriedenstellend sei. „Zudem wurzelt Getreide nicht so tief, sodass wenig Regen genügt“, erklärt Bosse. Anders sei das zum Beispiel bei Raps. Der wurzele sehr tief. Wenn in den nächsten Monaten der Regen ausbleibt, sei das für die Pflanzen sehr nachteilig.

Jürgen Kauke von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen kann dem trockenen Februar auch Positives abgewinnen. Die Felder seien gut befahrbar, Dünger und Saat könnten gut gestreut werden. „Normalerweise haben Landwirte in diesem Monat mit zu nassen Feldern zu kämpfen“, sagt er. Trotzdem weiß auch er: Es muss in den kommenden Monaten viel regnen.

Über mögliche Ertragsausfälle will Landwirt Ulrich Löhr nicht reden. Dafür sei es noch zu früh. Doch nicht nur der fehlende Regen mache ihm Sorgen. „Eigentlich ist der Winter noch nicht vorbei, aber den Pflanzen wird suggeriert, dass das Wachsen beginnen kann“, sagt der Landwirt. Würde der März noch einmal kalt werden, seien die Pflanzen empfindlicher und könnten Frostschäden bekommen. „Dieses Risiko ist höher als in den vergangenen Jahren.“

Das Risiko für Frostschäden steigt

Über mögliche Ertragsausfälle will Landwirt Ulrich Löhr nicht reden. Dafür sei es noch zu früh. Doch nicht nur der fehlende Regen mache ihm Sorgen. „Eigentlich ist der Winter noch nicht vorbei, aber den Pflanzen wird suggeriert, dass das Wachsen beginnen kann“, sagt der Landwirt. Würde der März noch einmal kalt werden, seien die Pflanzen empfindlicher und könnten Frostschäden bekommen. „Dieses Risiko ist höher als in den vergangenen Jahren.“

Landwirt Ulrich Löhr Quelle: Ulrich Löhr

Der Harz verändert sich

Nicht nur Landwirte sorgen sich. Auch im Harz hatten die Hitze und die langanhaltende Trockenheit 2018 den Waldboden bis in tiefe Schichten austrocknen lassen. Das sei eine extreme Belastungsprobe für den Wald gewesen, sagt Sabine Bauling, Oberförsterin im Nationalpark. Der Wald werde die Schäden selbst reparieren, aber es werde Verschiebungen im Ökosystem geben.

Trinkwasser ist sichergestellt

Um Trinkwasser müsse man sich derzeit aber nicht sorgen, sagt Marie Kleine, Sprecherin der Harzwasserwerke. Die Talsperren seien aktuell mit 74 Prozent ausreichend gefüllt. „Das ist für den Februar nicht schlecht“, sagt Kleine. Das langjährige Mittel für Talsperren mit Trinkwasser liege bei 79 Prozent. Auch wenn im Februar laut Kleine 50 Millimeter Niederschlag und damit nur halb so viel wie im vergangenen Jahr gefallen sind, sei das nicht dramatisch. „Es stehen noch einige Monate bevor, die in der Regel sehr regenreich sind.“ Auch im schlechtmöglichsten Fall eines zweiten Trockenjahres sei die Versorgung sichergestellt.

Lösungen für die Zukunft

Kurzfristige Lösungen für die Landwirtschaft, sollte der Regen in den nächsten Monaten ausbleiben, gibt es nicht. Auf einer Tagung an der Uni Vechta in dieser Woche wurden allerdings langfristige Pläne diskutiert. Ein Vorschlag der Landwirtschaftskammer: Indem man die Humusschicht auf den Feldern erhöht, trocknet der Boden nicht mehr so schnell aus und hilft, Wasser zu speichern. Das wiederum können Pflanzen in Trockenzeiten aufnehmen. Außerdem müsse der Regen aus den Wintermonaten besser gespeichert werden, fordert Ansgar Lasar, Klimaexperte der Landwirtschaftskammer.

Um sich auf einen möglichen trockenen Sommer vorzubereiten, hatte sich Landwirt Ulrich Löhr überlegt, Brunnen an seinen Feldern anzulegen. „Doch die Baufirma hat festgestellt, dass die Geologie der Böden das nicht hergibt“, sagt er. Bisher habe sich aber immer die gute Bodenqualität ausgezahlt. „In neun von zehn Jahren musste ich die Felder nicht beregnen.“ Ob es in diesem Jahr auch so sein wird, kann keiner sagen. Löhr sagt: „Das Beste wäre, wenn wir uns in drei Jahren nicht mehr an das Jahr 2019 erinnern können – denn dann war es ein ganz normales Jahr.“

Rekordjahr 2018: Das wärmste Jahr seit Aufzeichnung

Gleich mehrere Rekordehat das Wetter 2018 in Niedersachsen gebrochen: Es war das wärmste und sonnigste Jahr seit Beginn regelmäßiger Aufzeichnungen. Außerdem gehörte 2018 zu den niederschlagsärmsten Jahren seit 1881.

In Niedersachsen fielen etwa 505 Liter Regen pro Quadratmeter, das langjährige Mittel liegt bei 746 Litern. Die Temperatur lag 2018 im Mittel bei 10,7 Grad, langjährig sind es 8,6 Grad.

Das hatte Folgen: Unter anderem bei Kartoffeln, Mais, Zuckerrüben und Getreide gab es Ernteeinbußen. Viele Landwirte waren durch die monatelang anhaltende Dürre in Existenznot geraten. Es entstanden Schäden in Milliardenhöhe.

Mehr als 10 000 Betriebe in Deutschland machten im Vergleich zu den Durchschnittserträgen der vorangegangenen drei Jahre mindestens 30 Prozent weniger Gewinn.

Bei der Maisernte wurden sogar Einbußen von 50 Prozent registriert. Die Ernte von Speisekartoffeln fiel um rund drei Millionen Tonnen geringer aus als im Jahr davor. Auch der Verlust des Weißkohls belief sich in einigen Regionen auf bis zu 40 Prozent und bei Rotkohl auf bis zu 50 Prozent.

Rund 1000 Anträge auf Dürrehilfen waren deshalb beim niedersächsischen Landwirtschaftsministerium eingegangen.

Von Lisa Neugebauer