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Der Norden Angst und Aggression: Debatte um Wolf läuft aus dem Ruder
Nachrichten Der Norden Angst und Aggression: Debatte um Wolf läuft aus dem Ruder
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09:39 02.03.2019
„Wir helfen Roddy“: Wolfsschützer Christian Berge neben einer Weide im Kreis Nienburg. Quelle: Bert Strebe
Rodewald

Es dauert keine zehn Minuten, da hält ein BMW-Geländewagen neben der Weide. Torsten und Wera Fleisch steigen aus. Was man dort mache? Ob sie helfen könnten? Torsten und Wera Fleisch wirken freundlich, aber sehr misstrauisch. Wozu sie auch allen Grund haben.

An der Kreisstraße 4 auf halber Strecke zwischen Linsburg und Wenden im Kreis Nienburg stehen 36 Färsen auf der Weide. Vor dem Zaun steht der Wolfsschützer Christian Berge aus Buchholz an der Aller und erzählt gerade vom Wolfsrüden mit der Kennung GW717m. Das Kürzel GW steht für Grey Wolf, m steht für männlich, der Rest ist eine fortlaufend vergebene Nummer. GW717m ist der Chef des Rodewalder Rudels, und er ist zum Abschuss frei. 40 Nutztierrisse werden ihm zur Last gelegt.

Die Genehmigung schreibt die „Entnahme“, wie es in beschwichtigendem Politikerdeutsch heißt, „im Umfeld von Weiden mit aktuellem Weidebetrieb“ vor. Christian Berge, der hier viel unterwegs ist, hat das Gelände an der K4 als einen möglichen Ort für den Abschuss identifiziert. 36 Färsen, das ist aktueller Weidebetrieb.

Wera und Torsten Fleisch sind von dem Besuch nicht so angetan. Die Tiere auf der Weide gehören den Fleischs, sie haben einen Hof mit Milchkühen in Wenden, und sie haben schlechte Erfahrungen mit Leuten an ihren Zäunen. Kürzlich ist ihnen an einer anderen Viehweide der Draht aufgeschnitten worden, nur durch Glück ist kein Tier ausgebüxt. Die beiden sind überzeugt, dass es Wolfsfreunde waren, die das gemacht haben: Damit die Bauern ihre Kühe nicht mehr auf die Weide lassen, damit diese Kühe nicht vom Wolf gerissen werden können, damit sich die Aufregung über den Wolf legt.

Es ist fast unerheblich, ob die Vermutung zutrifft. Sie zeigt vor allem eines: wie groß die Angst und der Argwohn und die Gereiztheit in der ganzen Gegend sind. Gegend heißt: Landkreis Nienburg plus Teile der Region Hannover, des Heidekreises, des Kreises Verden und des Kreises Rotenburg. Es handelt sich um das Revier von GW717m und seinem Rudel.

In den vergangenen Tagen, seit der gerichtlichen Freigabe des Abschusses, hat sich die Stimmung noch mal mehr hochgeschaukelt. Viel davon läuft über die Plaudertasche der Nation namens Facebook. Christian Berge, der früher Anwalt in der Wedemark war und heute Wolfshunde züchtet und den Rodewalder Rüden „Roddy“ nennt, als wäre er sein Kumpel, hat über Facebook wegen des bevorstehenden Abschusses zu „Nachtwanderungen“ aufgerufen: „Wir helfen Roddy.“ Heißt: Wolfsfreunde sollen den Abschuss behindern.

„Situation ist unerträglich“

Seitdem berichten Anwohner von laut redenden Menschen, auch mit Musiklautsprechern und Bollerwagen, die abends durch die Gegend zögen. Berge sagt, er habe den Aufruf nur als provokanten Scherz gemeint. Das glaubt ihm hier niemand, weil sie ihn kennen und er nie zimperlich ist. Nach der Tötung des Wolfes „Kurti“ 2016 hatte er Name und Anschrift der Familie, die erzählt hatte, der Wolf habe sie angegriffen, ins Netz gestellt: Sie habe den Tod des Tieres „mittelbar zu verantworten“, und man könne den Leuten doch mal die Meinung sagen. Anderen nennen das Denunziation, er nennt es „meine Form von Wolfspolitik“.

In Rodewald und Umgebung haben die Menschen die Nase voll von Berges Politik, sie machen ihn mit verantwortlich dafür, dass sie immer noch Angst vor den Wölfen haben müssen. Pferdehalter berichten, dass sie, nachdem ihnen Wölfe gefolgt seien, sich nicht mehr auszureiten trauten, dass sie ihre Pläne einer Zucht aufgeben müssten. „Wir empfinden die Situation als unerträglich“, sagt eine Halterin. Eine Frau aus dem Bereich Rotenburg erzählt, dass sie immer nachts um drei hochschrecke, das habe im Sommer angefangen, aufgrund ihrer Angst um ihre Pferde, und sie sei dann jeweils zu ihrer Sommerweide rausgefahren, um die Tiere durchzuzählen.

Eine weitere Frau erinnert sich an den Tag, an dem sie eine ihrer Isländerstuten gefunden hat, blutverschmiert, mit zerbissenem Gesäuge. Sie spricht von Machtlosigkeit, von Traurigkeit, von einem Gefühl des Ausgeliefertseins. Und sie alle mögen ihre Namen nicht öffentlich sagen, weil sie fürchten, mit Adresse und Telefonnummer auf Christian Berges Facebook-Seite aufzutauchen und Ziel von Attacken zu werden. Auch für diese Sorge gibt es Gründe. Einer der Wolfsberater aus der Region ist vom Land aus dem Amt abgezogen worden, weil er bedroht wurde.

Bauer findet totes Kalb auf Weide in Lichtenmoor

Hendrik Frerking sagt seinen Namen, seinen Fall kennt sowieso jeder. Er steht sogar in der Abschussgenehmigung für den Wolf GW717m, als Nutztierschaden Nummer 776, als eine der Begründungen dafür, warum der Rüde getötet werden soll. Ein Kuhkalb, sechs Monate alt, berichtet der Bauer, war in die Keule gebissen worden und musste eingeschläfert werden. Frerking fand das Kalb auf einer Weide in Lichtenmoor. 1948 hatte dort, im Moor und in der ganzen Umgebung, wo heute das GW717m-Rudel umherzieht, ein Wolf gelebt, den man den „Würger vom Lichtenmoor“ nannte.

Christian Berge verweist darauf, dass in Frerkings wie in anderen Fällen die Zuordnung zu dem Rüden GW717m nicht zweifelsfrei festgestellt sei, sondern nur bei zwei von den Rinderrissen. Er sagt, solche Vorfälle seien „nicht schön“, aber Mitgefühl lässt er nicht erkennen. Der Wolfsschützer wiederholt immer wieder, die Besitzer müssten eben sicherere Zäune bauen, und bei einer kleinen Rundfahrt durch das schöne, weite Wolfsrevier zeigt er, wo Strom fehlt, wo der Zaun höher sein müsste. Die Landwirte klagen über Kosten und Mühen. Berge sagt dazu knapp, natürlich hole sich der Wolf Nutztiere, wenn er sie auf einfache Art kriegen könne.

Der Würger vom Lichtenmoor

Die älteren Bewohner in der Umgebung erzählen heute noch gern die Geschichte vom „Würger vom Lichtenmoor“. Der Wolfsrüde hatte vor über sieben Jahrzehnten Angst und Schrecken in der Region verbreitet.

Der „Würger vom Lichtenmoor“ soll 1947/48 innerhalb weniger Monate bis zu 200 Rinder und Schafe gerissen haben. Im August 1948 wurde er von einem Jäger zur Strecke gebracht. Ein Gedenkstein in der Schotenheide bei Rodewald erinnert an Tier und Jäger. Es gilt als wahrscheinlich, dass ein Teil der angeblich vom Wolf gerissenen Nutztiere in Wahrheit illegal geschlachtet wurden. Der präparierte Kopf des legendären Wolfsrüden ist im Heimatmuseum Rodewald zu sehen.

Mehr Wölfe, weniger Risse

551 Risse von Wölfen an Weidetieren gab es im Jahr 2017 in Niedersachsen, bei insgesamt 13 Rudeln. Im vergangenen Jahr waren es 22 Rudel und 311 Risse. Mehr Wölfe, weniger Übergriffe: „Herdenschutz funktioniert“, sagt Berge. Im 17. Jahrhundert habe es 40 Rudel in Niedersachsen gegeben. Und die Aufregung hierzulande sei lächerlich, wenn man sich die Rudeldichte im Süden Brandenburgs anschaue.

Mit den Fakten kennt er sich aus. Aber wenn Berge Nebenerwerbslandwirte als „Hobbytierhalter“ abqualifiziert oder über die angebliche Begriffsstutzigkeit der Landbevölkerung spricht, kann man sich des Eindrucks einer gewissen Überheblichkeit bei ihm nicht erwehren.

Samthandschuhe trägt die andere Seite auch nicht. Eine der Frauen, die von ihrer Angst um ihre Pferde erzählt, spricht von Wolfsfreunden konstant als den „Durchgeknallten“. Die Facebook-Seite Wolf – nein danke“, bei der einige Menschen aus der Rodewald-Gegend mitmischen, gießt immer wieder Häme über „Wolfskuschler“ und „Fanatiker“ aus.

Wolfsfreunde rufen zu Nachtwanderungen auf

Zu den von Christian Berge angeregten „Nachtwanderungen“ wurde aus Steimbke vermeldet, es hätten sich Wolfsschützer mit Jägern angelegt, die nur auf Wildschweine aus waren. Einer der Wolfsfreunde, hieß es, habe sich den Jägern dann „vors Auto geschmissen, um uns nachher vorwerfen zu können, wir hätten sie angegriffen“. Nachfrage beim Jäger: War das so? Nun, sagt der Mann, das sei etwas zugespitzt. Die fragliche Person sei um das Auto herumgegangen.

Man bekommt den Eindruck, dass bei den Menschen in der näheren und ferneren Umgebung um Rodewald und Lichtenmoor und Wenden und Steimbke, bei Wolfsbefürwortern wie Wolfsgegnern, keine Debatte mehr stattfindet. Stattdessen giftet man sich an. Nur manchmal klappt das Gespräch noch, etwa als Wera und Torsten Fleisch mit Christian Berge am Zaun zusammentreffen. Aber auch nur kurz.

An dem Abend wird GW717m nicht geschossen, nicht an der Weide an der K4 und auch nicht anderswo. Man weiß nicht, wer schießt und wo und wann. Die Abschussgenehmigung wird am nächsten Tag, an dem sie ausgelaufen wäre, um einen Monat bis Ende März verlängert. Fast zeitgleich wird bekannt, dass in Laderholz, mitten im Revier, sieben Schafe gerissen wurden.

Warum haben wir Angst vorm bösen Wolf?

Bei den alten Römern war der Wolf das Tier des Kriegsgottes Mars, bei den Ägyptern wachte er über das Totenreich. Aber er galt auch lange als der Inbegriff von Mütterlichkeit: Es war eine Wölfin, die Romulus und Remus, die Gründer Roms, gesäugt hatte. Als Konkurrenz empfinden die Menschen den Wolf, seit sie sesshaft wurden und Nutztiere zu halten begannen. Andererseits verehren sie ihn auch oft, weil Wölfe klug und eigenständig sind und als stark und tapfer gelten.

Zwischen diesen Polen bewegen sich die Emotionen zum Wolf. Die große Angst der Menschen hängt damit zusammen, dass Wölfe beispielsweise in strengen Wintern früher vor lauter Hunger in die Dörfer kamen, aber wenn sie dann eine Ziege rissen, fehlten Milch und Fleisch: Die Leute mussten hungern. Dergleichen passierte oft in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges und danach.

Nach der Revolution von 1848 wurde das Jagdrecht geändert, Bürger und Bauern durften plötzlich Wild erlegen. Das führte zu massenweisen Abschüssen, weswegen die Wölfe nichts mehr fanden und in ihrer Not die Weiden plünderten. Damals zog obendrein mehrfach die Tollwut durchs Land; Wölfe, die sich angesteckt hatten, wurden aggressiv. Die Sichtweise vom „bösen Wolf“setzte sich fest, wurde in den Märchen weitergetragen und fest in unserem kollektiven Gedächtnis verankert.

Anschließend wurde der Wolf so massiv bejagt, dass er in Deutschland ausstarb und nicht mehr heimisch war. Im Jahr 2000 bekam aber ein aus Polen nach Sachsen eingewandertes Wolfspaar Welpen. Seitdem werden Wölfe in Deutschland wieder heimisch.

Von Bert Strebe

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