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Der Norden „Ich war ein schwieriges Mädchen“: Wie eine 15-Jährige zur Systemsprengerin wurde
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Rostock: Wie eine 15-Jährige zur Systemsprengerin wurde

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18:00 30.10.2021
Alina S. aus Rostock. Die 15-Jährige ist sehr tierlieb, hat selbst einen kleinen Hund und möchte später beruflich etwas mit Tieren machen. Menschen zu vertrauen, fällt ihr schwer. Zur Schule geht sie nicht mehr. In der Jugendhilfe gilt das Mädchen als so genannte „Systemsprengerin“. Ein Begriff, der sie verletzt.
Alina S. aus Rostock. Die 15-Jährige ist sehr tierlieb, hat selbst einen kleinen Hund und möchte später beruflich etwas mit Tieren machen. Menschen zu vertrauen, fällt ihr schwer. Zur Schule geht sie nicht mehr. In der Jugendhilfe gilt das Mädchen als so genannte „Systemsprengerin“. Ein Begriff, der sie verletzt. Quelle: Martin Börner
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Rostock

Es ist vier Monate, zehn Tage, zwölf Stunden, 46 Minuten und 45 Sekunden her, dass sie sich zuletzt verletzt hat – 46, 47, 48, 49, 50! Die Uhr tickt. Jede Sekunde ohne selbst zugeführten Schmerz zählt für Alina (Name geändert) aus Rostock.

Seit Jahren ritzt sie sich die Arme. Mit einer Rasierklinge. Narben zeugen davon. Alina trug stets eine Klinge bei sich. Und sie hatte Verstecke dafür. Ohne die Sicherheit des scharfen Metalls konnte sie oft ihr Innerstes nicht aushalten.

Die Klinge – ein Rettungsanker. Sie sagt: „Wenn ich keine Rasierklinge bei mir hatte, habe ich mich nicht sicher gefühlt und alte Wunden aufgekratzt. Bis es geblutet hat.“ So konnte sie inneren Druck abbauen. Für die Zeit ohne Ritzen hat sie jetzt eine Handy-App: „I am sober“ (Ich bin nüchtern).

Fünf Monate, drei Wochen, vier Tage ohne Alkohol

Es ist fünf Monate, drei Wochen, vier Tage her, dass Alina keinen Alkohol getrunken hat. Auch hierfür eine App: „Clean Day“ (Sauberer oder nüchterner Tag). Seit sie 13 ist, trinkt das Mädchen, das mit seiner Mutter Antje (Name geändert), seinem älteren Bruder und Hundewelpe Daisy, einem Jack-Russell-Spitz-Mix, in Rostock lebt.

„Wenn ich getrunken habe, dann so massiv, bis ich in der Klinik lag“. Komasaufen, Ritzen, Gewalt, Schulverweise, Aufenthalte im Kinder- und Jugendnotdienst, in der Psychiatrie – für solche Kinder hat die Gesellschaft einen Begriff: „Systemsprenger!“ Alina hat den gleichnamigen Film gesehen. Sie zuckt mit den Schultern. Den Begriff mag sie nicht so. Sie sei vielleicht mal eine Systemsprengerin gewesen. Aber jetzt? „Ich war ein schwieriges Mädchen, aber ich will das ändern!“

Nur hilft ihr niemand so richtig. Und die, die es wollen und denen sie vertraut, dürfen nicht. Weil sie beim Rostocker Jugendamt auf einer schwarzen Liste stehen.

Ihre Mama hält zu ihr. Hat ihr den sehnlichsten Wunsch – einen Hund – erfüllt. Wenn Alina mit Daisy schmust, leuchten ihre Augen. Aber die Mama ist mit ihrem Kind auch überfordert. In ihrer Verzweiflung hat sie sich 2019 an das Jugendamt Rostock gewandt. Damit wurde alles schlimmer. Alina wurde hin- und hergeschoben, fallengelassen, bis sie den Glauben an sich selbst und an das Leben verloren hatte. Mit 15!

Mit ihrer Mutter Antje geht Alina aus Rostock in einem Wald mit Hund spazieren. Die 15-Jährige ist sehr tierlieb, hat selbst einen kleinen Welpen zu Hause und möchte später beruflich etwas mit Tieren machen. Menschen zu vertrauen, fällt ihr schwer. Zur Schule geht sie nicht mehr. In der Jugendhilfe gilt das Mädchen als sogenannte „Systemsprengerin“. Ein Begriff, der sie verletzt. Quelle: Martin Börner

Ihre Geschichte, die Odyssee ihrer Probleme, beginnt früh. Ihr Vater war gewalttätig, hat die Kinder geschlagen, die Dreijährige in ein stockfinsteres Zimmer gesperrt. Stundenlang. Die Mutter hat als Krankenschwester im Schichtdienst gearbeitet, nichts bemerkt. Erst, als es zu spät war.

Nach der Trennung hat der Vater versucht, mit Gewalt in die Wohnung einzudringen. Alina musste zusehen, wie ihr Papa in Handschellen abgeführt wurde. Anderthalb Jahre Gefängnis wegen Körperverletzung, weil er jemanden verprügelt hatte. „Das Bild meines Vaters in Handschellen habe ich oft vor Augen“, sagt sie. Antje reichte die Scheidung ein, erfuhr, dass ihr Mann parallel eine Freundin hatte – ebenfalls mit Kind. „Plötzlich hatte ich eine Halbschwester“, sagt Alina.

„Hat sie ihre Pillen nicht geschluckt?“

Ihre Probleme begannen bereits kurz nach der Einschulung. In der ersten Klasse sprang sie auf einen Schrank, weil die Lehrerin ihr Hausaufgabenheft einkassieren wollte. Sie lief mit Schere in der Hand durch die Klasse, bedrohte Kinder, beschmierte Tische, zerstörte Materialien – Gewaltausbrüche, Schulverweise. Alina hatte oft Ärger mit der Polizei.

Das Jugendamt schob sie von einer Einrichtung in die nächste. Sie war in betreuten Wohngruppen für Problemjugendliche in Rostock, Stralsund und in Brandenburg. Immer wieder hieß es, mit ihr ginge das nicht. Ihre Mama sagt: „Alina ist ’ne kleine Krawallbürste. In Rostock hat sie ihren Ruf weg, steckt in einer Schublade.“

Mit Problemjugendlichen in eine WG

Das fing in der Schule an, die sie mit Abgangszeugnis Klasse acht verlassen hat. Gab es Ärger, war es egal, ob Alina dabei war. Die Finger von Mitschülern, Eltern, Lehrern zeigten auf sie – der perfekte Sündenbock. „Da haben mich die Lehrer ganz frech gefragt, ob sie ihre Pillen nicht geschluckt hätte“, sagt Antje.

In Rostock wurde Alina mal mit zehn Problemjugendlichen in eine WG gesteckt. Mama wusste, dass das schiefgeht. Aber das Jugendamt drohte: entweder das oder gar keine Hilfe mehr. Es ging schief. Später wurde sie von anderen Jugendlichen abgefüllt, ausgeraubt, wachte auf einem Parkplatz auf und sah in das Gesicht einer Polizistin. Klinik und Psychiatrie folgten.

Alina wurde in der Psychiatrie eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) diagnostiziert, wobei auch der Tod ihrer geliebten Oma eine Rolle gespielt hat. Pädagogen des Rostocker Bildungsträgers Gebeg, der sich auf die Arbeit mit solchen Kindern und Jugendlichen spezialisiert hat, nahmen sich des Mädchens an. Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, verstanden zu werden. Sie kam in die WG in Brandenburg und dachte: „Das könnte hinhauen.“

Pädagogen, denen sie vertraut, stehen auf schwarzer Liste

Was passierte? Die Zusammenarbeit mit dem Bildungsträger wurde vom Jugendamt abgelehnt. Die Einrichtung bei Potsdam schmiss sie raus, weil das Amt denen nicht mitgeteilt hatte, dass das Mädchen dissoziiert, also bewusstseinsspaltendes Verhalten an den Tag legt. „Da bin ich gelähmt, kann nicht antworten, nichts.“ Da sie keine Klinge hatte, schlug sie sich so lange mit einem Igelball vor die Stirn, bis es blutete. Polizei, Rettungswagen, Psychiatrie, Rausschmiss nach vier Tagen.

Ihre Mutter sagt: „Das in Brandenburg wollte Alina wirklich. Ich hatte sie gefragt, ob sie sich das zutraut mit Internat und so. Aber sie hat mir versprochen, dass sie es versucht.“ Sie hat es versucht. Sie hat es nicht geschafft. Danach wurde es schlimmer. Die Spirale ging bergab.

Geschlossene Einrichtung oder Entzug des Sorgerechts

Als Alina aus der WG bei Potsdam rausflog, bekam ihre Mutter eine Mail vom Jugendamt – mit eindeutiger Drohung. Sie solle bis mittags der Einweisung ihrer Tochter in eine geschlossene Einrichtung zustimmen, sonst würde man ihr das Sorgerecht entziehen. Vier Stunden für die Entscheidung! Worst Case! Mit Hilfe der Bürgerschaftsabgeordneten Sybille Bachmann und einer Anwältin konnte sie das abwenden. Das Amt verlor vor Gericht. Und der gechasste Bildungsträger nahm sich des Mädchens weiterhin an – ehrenamtlich.

Seitdem ist sie stabil. Vier Monate ohne Selbstverletzung. Fünf Monate ohne Alkohol. Sie geht in eine psychiatrische Institutsambulanz, wird dort bald schulisch betreut. Zu anderen Jugendlichen hat Alina keinen Kontakt. Einen besten Kumpel hat sie. Und Daisy. Und einen Wunsch. „Ich möchte später gern mit Tieren arbeiten – im Tierheim oder so.“ Doch dafür braucht sie einen Schulabschluss.

Ob sie das schafft? Sie zuckt mit den Schultern. „Ich versuch’s.“ Erneut. Drei Jahre Schule, Ausbildung samt Mittlerer Reife. Sie schaut nach unten, lächelt unmerklich: „Wär’ ja was!“

Von Michael Meyer/RND