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Der Norden Sprengmeister Lüdeke: „Wer Angst hat, der ist in diesem Job fehl am Platz“
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Sprengmeister Thorsten Lüdeke: „Wer Angst hat, der ist in diesem Job fehl am Platz“

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10:46 21.10.2021
Sprengmeister Thorsten Lüdeke
Sprengmeister Thorsten Lüdeke Quelle: bib
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Göttingen

Die Suche nach weiteren Blindgängern aus dem Zweiten Weltkrieg in Göttingen hat begonnen. Die Sondierung übernehmen Fachfirmen. Wenn sich aber ein Verdacht bestätigt, ist er gefordert: Thorsten Lüdeke. Sprengmeister vom Kampfmittelbeseitigungsdienst KBA Niedersachsen. 40 Jahre, Familienvater. Er war es, der den letzten Blindgänger im Oktober in Göttingen entschärft hat. Es wird vermutlich nicht die letzte Bombe in der Stadt gewesen sein, die der Mann unschädlich machen muss.

Vier Löcher, jedes etwa acht Meter tief, sind am Mittwoch im Garten zwischen den gelben Wohnblöcken am Rosenwinkel nahe der Leine gebohrt worden. Wie überdimensionierte Maulwurfshaufen mit einem Rohr in der Mitte sehen die Punkte aus, unter denen ein Blindgänger liegen könnte. Lüdeke hockt mit kritischem Blick vor den Bohrlöchern. Noch stehen die Ergebnisse der ersten Sondierungen in der Göttinger Weststadt aus. Bestätigt sich ein Verdacht, muss der Göttinger Krisenstab über das weitere Vorgehen entscheiden. Rund 80 solcher Punkte müssen in den kommenden Jahren in der Göttinger Weststadt sondiert werden.

Entschärfung „mit einer Rohrzange“

Die Bombe am Botanischen Garten, die ein Baggerfahrer mit der Schaufel traf und aus dem Boden hob, hatte einen so genannten Aufschlagzünder, versehen mit einem Schlagbolzen, der beim Aufschlagen der Bombe auf den Boden einen kleinen Zündsatz, den Detonator, trifft und damit die Bombe zündet. Wie hat er die angeschlagene Bombe am Botanischen Garten entschärft? „Mit einer Rohrzange”, erklärt Lüdeke. Damit konnte er den Bolzen „ganz langsam rausdrehen” und entfernen. Den nur mit zwei Gramm Sprengstoff versehenen hoch explosiven Detonator hat Lüdeke anschließend in der Baugrube gezielt gesprengt. „Die Sprengkraft reicht locker, um eine Hand abzureißen”, sagt er. Und wenn der Schlagbolzen sich nicht mit der Hand entfernen lässt und bereits im Detonator steckt, greift Lüdeke zum Fern-Entschärfungsgerät, eine Art Roboter, der dann hilft, an der Bombe den Zündmechanismus zu entschärfen.

Blindgänger-Sondierungen am Rosenwinkel: Die Bohrung reicht acht Meter tief. Quelle: bib

Wie oft der Mann vom KBD diese Arbeit in Göttingen noch verrichten muss, ist offen. Denn auch wie viele und welche Bomben tatsächlich in der Weststadt liegen, ist unklar. Die Abwurf-Chroniken der Alliierten aber kennt Lüdecke genau. Demnach ist etwa jede zehnte abgeworfene Bombe mit einem tückischen Säure- oder auch Langzeitzünder versehen, die anderen mit Aufschlagzündern. „Schöner ist ein Aufschlagzünder”, sagt Lüdeke.

Er muss immer ran die Bombe

Ein Problem: Wenn die Bomben im Boden liegen ist nicht auf den ersten Blick oder aus der Entfernung zu erkennen, welcher Zünd-Mechanismus sich unter Dreck und Korrosion versteckt. „Ich muss also jedesmal runter”, sagt Lüdecke, „das Heck sauber machen”. Am Heck der Bombe sitze der Zünder. Erst wenn feststehe, welche Art Zünder dort im Boden auf den KBD wartet, könne er entscheiden, wie der Blindgänger unschädlich gemacht werden kann. Und dazu muss er ran an die Bombe. Immer.

„Ich weiß, wie man damit umgehen muss”, sagt der Sprengmeister. Lüdecke hat einen Beruf, der zu den gefährlichsten Berufen überhaupt zählt. Warum sucht man sich das aus? „Ich hatte schon bei der Bundeswehr als Taucher mit dem Thema zu tun und habe gemerkt, dass das mein Ding ist“, sagt er. Sein alter Ausbilder habe zu ihm gesagt: „Wer Angst hat, der will sich schnell vom Ort entfernen. Aber Schnelligkeit, das geht hier gar nicht”, sagt Lüdeke. Angst? „Nein, wer Angst hat, der ist in diesem Job fehl am Platz”, sagt der 40-Jährige.

Er macht seinen Job gerne, mag die tägliche Herausforderung, sich immer wieder auf Neues einzustellen. Etwa dreimal täglich werde er zu Kampfmittelfunden in Niedersachsen gerufen. „Nicht immer sind es Bomben, oft kleinere aber nicht weniger gefährliche Waffen wie beispielsweise Handgranaten und andere Kleinmunition“. Wie die 700 Kilo Waffen, die kürzlich in der Baustelle an der Göttinger Stadthalle gefunden wurden.

Göttingen: Stadt mit den meisten Selbstdetonationen

„Das Problem bei den Bomben ist die Materialermüdung”, erklärt Lüdecke. Bomben werden mit zunehmendem Alter nicht ungefährlicher – im Gegenteil. So kommt es etwa in Deutschland im Schnitt einmal pro Jahr zu einer Selbstdetonation.

„Göttingen ist Deutschlandweit die Stadt mit den meisten Selbstdetonationen seit 1945”, sagt Lüdeke. Sechs mal sei seit Ende des Krieges bereits ein Blindgänger ohne Einwirkung von außen in Göttingen hochgegangen. Das letzte Mal 2010, als drei Männer am Schützenplatz ums Leben kamen. Dort detonierte eine Langzeitzünder-Bombe kurz bevor die Entschärfung beginnen konnte. „Ich war damals als Auszubildender dort im Einsatz”, erinnert sich der Sprengmeister. „Aber an diesem Tag wurde ich weggeschickt”.

Von Britta Bielefeld