„Sunrise III“: Göttinger Max-Planck-Forscher fliegen der Sonne entgegen
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„Sunrise III“: Göttinger Max-Planck-Forscher fliegen der Sonne entgegen

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16:00 30.10.2021
Jede Menge Hightech an Bord: Wissenschaftler in Göttingen testen das Sonnenobservatorium „Sunrise III“ am Max-Planck-Institut (MPS) für Sonnensystemforschung.
Jede Menge Hightech an Bord: Wissenschaftler in Göttingen testen das Sonnenobservatorium „Sunrise III“ am Max-Planck-Institut (MPS) für Sonnensystemforschung. Quelle: Swen Pförtner/dpa
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Göttingen

Rund sieben Monate vor dem geplanten Start einer spektakulären Forschungsmission haben Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Sonnensystemforschung in Göttingen einen der wichtigsten vorbereitenden Tests vorgenommen: Erstmals konnten die wissenschaftlich-technischen Teams an dem Sonnenobservatorium „Sunrise III“ eine Messung mit Sonnenlicht vornehmen.

Das Observatorium soll im Juni 2022 von einem riesigen Heliumballon in die Stratosphäre emporgezogen werden und aus 35 Kilometern Höhe mehrere Tage lang rund um die Uhr die Sonne beobachten. Bei dem mehrtägigen Flug soll das Observatorium Messdaten aus der unteren Atmosphäre der Sonne einfangen, wie sie mit keinem anderen Observatorium – weder vom Weltraum noch von der Erde aus – möglich sind.

Zu wenig Sonne für die Sonnenforscher

Die Tests hatten eigentlich schon am Dienstag stattfinden sollen, mussten dann verschoben werden, weil sich die Sonne zu selten blicken ließ. Am Donnerstagvormittag herrschten dann optimale Bedingungen: Wolkenloser blauer Himmel und strahlender Sonnenschein. Zahlreiche Institutsmitarbeiter und andere Interessierte warteten gespannt darauf, dass sich das neun Meter hohe Tor zu der eigens für diese Forschungsmissionen gebaute Ballonhalle öffnete. „Das ist ja wie Weihnachten hier“, scherzte ein Mitarbeiter. Um 10.45 Uhr war es dann soweit: Das Tor öffnete sich, und mit Hilfe des Hallenkrans wurde die sieben Meter hohe Konstruktion aus Kohlefaserstreben bis kurz vor die Öffnung transportiert.

Endlich die Sonne sehen: Die weiße Gondel war in den vergangenen Wochen von einem Labor der Johns Hopkins University angeliefert und dann in Göttingen zusammengebaut und mit dem Teleskop und den Instrumenten bestückt worden. Quelle: Swen Pförtner/dpa

An Bord des Observatoriums befindet sich jede Menge High Tech: Ein Sonnenteleskop, mehrere wissenschaftliche Instrumente, ein System zur Bildstabilisierung und die Bordelektronik. Die weiße Gondel war in den vergangenen Wochen von einem Labor der Johns Hopkins University angeliefert und dann in Göttingen zusammengebaut und mit dem Teleskop und den Instrumenten bestückt worden.

Besonders wichtig: Der Hangtest

Mit ihren aktuellen Tests wollen die Wissenschaftler prüfen, ob alle Systeme reibungslos zusammenarbeiten oder eventuell noch etwas nachgebessert oder verfeinert werden muss. „So können wir bereits am Boden die Abläufe für die späteren Messungen perfektionieren“, erläuterte Projektmanager Andreas Lagg. Besonders wichtig ist der sogenannte Hangtest: Das Observatorium soll sich während des Fluges selbsttätig zur Sonne ausrichten. Nach 20 Minuten war klar, dass diese Grundvoraussetzung für den Erfolg der Mission zu funktionieren scheint: Die Gondel drehte sich ein Stück zur Seite, das Observatorium schaute perfekt ausgerichtet in Richtung Sonne. Danach konnten die Wissenschaftler mit der Inbetriebnahme und dem Kalibrieren der Instrumente beginnen.

„Das ist ja wie Weihnachten“: Mitarbeiter und Besucher bestaunen das Sonnenobservatorium «Sunrise III» am Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung. Quelle: Swen Pförtner/dpa

Das mehrere Millionen Euro teure Teleskop ist ein Instrument der Superlative: Mit einem Hauptspiegel von einem Meter Durchmesser ist es das größte Sonnenteleskop, das je den Erdboden verlassen hat. „Es verfügt über eine so hohe Auflösung, dass man eine Euro-Münze in etwa 100 Kilometern Entfernung erkennen könnte“, erläuterte der Leiter der Sunrise-Mission, Professor Sami K. Solanki.

„Sunrise III“ soll die Magnetfelder der Sonne erforschen

Eines der Hauptforschungsgebiete des 63-Jährigen sind die Magnetfelder der Sonne, und genau hierzu soll die neue Mission wichtige Erkenntnisse liefern. „Die Magnetfelder sind für viele Phänomene auf der Sonne verantwortlich, die bislang noch nicht vollständig verstanden sind“, sagte Solanki. Diese haben auch Auswirkungen auf die Erde, so können heftige Eruptionen auf der Sonne zu Stromausfällen führen und Satelliten lahmlegen.

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Der Start der Mission ist für kommenden Juni geplant. Dann soll am europäischen Weltraumbahnhof im nordschwedischen Kiruna die Gondel von einem riesigen Helium-Ballon getragen in die Stratosphäre aufsteigen. Polarwinde tragen Ballon und Observatorium westwärts über den Nordatlantik und Grönland nach Nordkanada. Da in diesen Breiten zu der Zeit die Sonne nicht untergeht, können die Wissenschaftler das Teleskop ununterbrochen auf die Sonne richten. Die Flughöhe von 35 Kilometern hat einen besonderen Vorteil: In der Stratosphäre gibt es so gut wie keine Turbulenzen. Außerdem sorgt ein System zur Bildstabilisierung für unverwackelte Bilder und Messdaten.

Von Heidi Niemann