Trauer um einen Corona-Toten: Großvater Oswald wird Heiligabend fehlen
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Der Norden Einer von 27.000 Corona-Toten: Großvater Oswald wird Heiligabend fehlen
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Trauer um einen Corona-Toten: Großvater Oswald wird Heiligabend fehlen

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15:14 23.12.2020
Großvater Oswald Betzholz starb am Coronavirus.
Großvater Oswald Betzholz starb am Coronavirus. Quelle: Ulf Dahl
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Kiel

Liebe selbsternannten Querdenker und all jene, die nach dem neuen harten Lockdown und den damit verbundenen Entbehrungen darüber nachdenken, welche zu werden!

Keine Sorge, dies ist nicht der x-te Versuch eines aus Ihrer Sicht politikhörigen Mannes, Sie mit Zahlen, Fakten und Argumenten zu belästigen oder gar zu überzeugen, wer recht und wer Unrecht hat in dieser Pandemie. In diesen folgenden Zeilen verstecken sich auch keine Vorwürfe, selbst wenn es mir in diesen Minuten schwerfällt, Ihnen nicht die Verharmlosung des Coronavirus vorzuhalten.

Dass Sie Kinder für Ihre Zwecke instrumentalisieren, die sich auf offener Bühne mit Sophie Scholl oder Anne Frank vergleichen und sich so zum Gespött der Nation machen, dass Sie mit Friedenslichtern durch Kiel marschieren wie Wölfe im Schafspelz oder dass Sie mit wortgleichen E-Mails und langen Fragenkatalogen versuchen, die Gesundheitsämter des Landes lahmzulegen, obwohl die täglich darum kämpfen, die Infektion in Schach zu halten – für diesen Moment geschenkt.

Oswald wurde 85 Jahre alt

Ich möchte Ihnen stattdessen von einem Mann erzählen, den Sie nicht kennen, den Sie aber kennen sollten, weil er auch Ihr Leben mitbeeinflusst hat. Dieser Mann ist am vergangenen Dienstag um kurz nach Mitternacht in einem Altenheim mit Covid-19 verstorben. Er wurde 85 Jahre alt.

Die Statistik sagt: Dieser Mann, der Oswald heißt, ist einer von mittlerweile 27 000 Corona-Toten in Deutschland. Das sind mehr Menschen, als Zuschauer in das Stadion von Holstein Kiel passen – und obwohl diese Pandemie hierzulande erst seit Ende März wütet, hat das Coronavirus schon jetzt zu mehr Todesfällen geführt als die Grippe in einem ganzen Jahr. Eine unvorstellbare Menge an Menschen – und täglich kommen derzeit Hunderte dazu. Es wären wahrscheinlich Tausende, wenn wir nach Ihren Regeln spielen würden, liebe Querdenker.

Zwei Monate vor seinem Tod zog Oswald in das Altenheim ein, nur ein paar Kilometer von seinem Zuhause entfernt, in dem er 57 Jahre lebte. Ein Haus, 80 Quadratmeter groß, in einer Zechensiedlung im Ruhrgebiet, zu einer Miete, in der man in Kiel nicht mal eine vernünftige Ein-Zimmer-Wohnung erhält. Hinter dem Haus lag ein Garten, der sein Ein und Alles war, in dem er, als es noch körperlich möglich war, Blumen pflanzte, einen Pflaumenbaum erntete und eine Sitzecke einrichtete. In dem er früher, als die Enkel noch klein waren, einen Tennisball mit einem dünnen Seil an eine Wäscheleine hängte, damit sein Ältester dagegen schlagen konnte. In diesem Garten lehrte er seinen Enkeln das Boulespiel und tröstete, wenn sich eines das Knie auf den Waschbetonplatten aufgeschlagen hatte. Er reparierte dort alles, was noch zu reparieren war, und verachtete die Wegwerfgesellschaft.

Eigentlich wollte Oswald mal in seinem Haus sterben

In diesem Haus, das keine Heizung hatte, sondern nur einen Kohleofen, dessen Wärme vom Esszimmer durchs ganze Haus ziehen musste, wollte er eines Tages sterben, das war sein Wunsch – doch seine Frau kam ihm zuvor. Nach 56 Jahren Ehe verstarb Annemarie, im April 2012. Die Decke, die sie über das Sofa legte, damit es nicht zu sehr abnutzt, lag auch in den folgenden Jahren dort – sonst war nichts mehr, wie es war. Oswald erlitt einen Schlaganfall, er überlebte, doch seine Beine wollten fortan nicht mehr so, wie er wollte.

Autor Dennis Betzholz Quelle: Ulf Dahl

Der Autor

Dennis Betzholz ist stellvertretender Ressortleiter der Kieler Lokalredaktion der „Kieler Nachrichten“, die wie unsere Zeitung zum RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) gehört. Sein Buch „Mit dir wird alles anders, Baby!“ verfasste er auch in Briefform – adressiert an seine Tochter.

Die Einsamkeit zog ein – bis Ursel in sein Leben trat. Eine Frau, die drei Jahre älter war als er, aber jünger aussah. Sie verliebten sich, sie zog zu ihm und verbannte die Einsamkeit aus seinem Leben. Er wollte jetzt unbedingt 90 werden. Daran änderte selbst die Tatsache nichts, dass er immer mehr auf die Hilfe seiner Familie angewiesen war – und am Ende, als auch Ursel schwächelte, nur noch das Heim blieb.

"Wir haben doch schon ganz andere Sachen geschafft"

Einen Monat vor seinem Tod meldete das Altenheim einen Corona-Fall, den zweiten seit seinem Einzug. Wenn seine Familie mit ihm in den Monaten zuvor über das Virus sprach, war er stets einsichtig, und doch immer etwas irritiert ob der Aufregung darum. Er verzichtete auf Umarmungen mit seinen Kindern, Enkeln und Urenkeln, obwohl der älteste Enkel nach einem Umzug in den Norden nur noch selten vorbeischaute. Das Zechenhaus verließ er nur noch, um in den Garten zu gehen. Frei dem Motto: Wir haben schon ganz andere Sachen geschafft. Ganz andere.

Oswald wurde im Ruhrgebiet geboren, als zweitjüngstes von vier Geschwistern. Er war acht Jahre alt, als Hitlers Wahn vom Sieg auch sein Leben veränderte: Zwei Jahre lang wurde das Ruhrgebiet von den Alliierten bombardiert. Mit seiner Familie suchte Oswald Schutz auf einem Bauernhof in Niedersachsen, eine Zeit fernab der Heimat, mit fremden Menschen unter einem Dach und vielen Fragen im Kopf. Die drängendste: Überleben wir das? Nicht: Warum muss ich eine Maske tragen? Am Ende überlebte er sogar verkürzte Schuljahre und verlängerte Ferien.

Hand seiner Tochter durch den Handschuh kaum spürbar

Mit 20 wurde Oswald Vater, und als sein Sohn zwölf war, wurde seine Tochter mit einer Hüftdysplasie geboren. Damals gab es keine Spreizhosen, sondern nur das Gipsbett. Mehrere Jahre lag sie im Krankenhaus, ein Leben zwischen Sorge und Fürsorge. In den letzten Stunden seines Lebens saß sie an seinem Bett, sang die Lieder, die sie schon als Kind sang, während er auf der Mundharmonika spielte. Sie hielt seine Hand, wie er es bei ihr früher tat, doch sie fühlte sie nicht, weil sie Handschuhe trug und einen Ganzkörperanzug. Sie erzählte ihm von der Familie, als er nur noch sporadisch atmete und weggedämmert war, und dass er ihren Bruder und ihre Mutter grüßen soll, sobald er oben ankomme.

Zwei Wochen vor seinem Tod teilte das Altenheim seiner Familie mit, dass Oswalds Corona-Test positiv war. Das Virus, das für ihn bislang nur eine Zahl, eine Bedrohung und eine lästige Einschränkung bedeutete, war plötzlich ein Teil von ihm.

Heutige Risikogruppe ist Mitbegründer unseres Reichtums

Früher war es der Tauchsport, die Naturfreunde, der Skilanglauf, das Wandern und Angeln, das Zeitungslesen und Nachrichtenschauen, der Biathlon, die Vierschanzen-Tournee, das Kartenspielen und, natürlich, seine Familie. Bevor für all das ausreichend Zeit war, malochte er auf der Zeche. Er gehörte zu denen, die das Wirtschaftswunder miterarbeiteten, der unter Tage „anne Schüppe“ war, wie man im Ruhrpott sagt. Der entbehrte, ohne es je so zu empfinden, für den ein Essen im Restaurant eine Sache der Steiger war, den Aufsichtspersonen im Bergbau, die, die Verantwortung trugen und mehr verdienten als er. Und trotzdem waren Menschen wie er, die wir heute Risikogruppe nennen und besonders schützen wollen, die Mitbegründer unseres heutigen Reichtums. Sie haben auch die Demokratie mitaufgebaut, die es Menschen wie Ihnen, liebe Querdenker, erlaubt, auf die Straße zu gehen und für etwas zu demonstrieren, was für Über-80-Jährige tödlich sein kann. Mit Anfang 50 erlitt Oswald einen Herzinfarkt – und ging nach 35 Arbeitsjahren in Frührente.

Vier Tage vor seinem Tod rief das Altenheim erneut bei Oswalds Tochter an. Er habe Fieber bekommen, Covid-19 sei ausgebrochen. Entweder alles ist ein Wunder oder nichts, hatte Albert Einstein mal gesagt. Die Familie baut noch auf „alles“.

Sein verschmitztes Lachen inmitten seines ergrauten Henriquatre-Barts, seine charmante Art, sagen die, die ihn kennen, werde in Erinnerung bleiben. Noch Monate vor seinem Tod nannte er Ursel „sein Mädchen“ und streichelte ihr dabei verstohlen über den Hinterkopf. Auch seine Sparsamkeit, die typisch war für diese Generation, werden sie nie vergessen: Ob der Röhrenfernseher, auf dem er noch die Deutsche Meisterschaft des Hamburger SV sah (eben, ewig her!) und an dem er noch festhielt, als die Farben längst ausgeblichen waren. Und an seine Großzügigkeit anderen gegenüber, an große Geldgeschenke für die Enkel an Weihnachten, weil es schöner sei, wie er immer sagte, mit warmen Händen zu geben als mit kalten.

Und der nie an Urlaub sparte. Fast 20 Jahre fuhren er und seine Frau mit dem Wohnwagen nach Norwegen, wo sie drei Monate blieben und mit Tiefkühlboxen voller Lachs für die Verwandten zurückkehrten. Oswald fuhr mit dem Boot hinaus und angelte, seine Frau nahm die gefangenen Fische aus und bereitete sie zu, Szenen einer glücklichen Zeit.

Mein Großvater war ein von vielen geliebter Mensch

Drei Tage nach seinem Tod sitze ich hier und schreibe diesen Brief. Der Mann, den Sie nun ein wenig kennengelernt haben, war mein Großvater. Der Vater meiner Tante, der Schwiegervater meiner Mutter, der Uropa meiner Tochter. Ein von vielen geliebter Mensch.

Entschuldigen Sie deshalb meine abschließende Emotionalität, aber wenn ich Ihre zynischen Argumente höre, dass die meisten dieser Menschen ohnehin bald gestorben wären, dass sie mit und nicht an Covid-19 gestorben seien, dass es der Gesellschaft nicht zuzumuten sei, über Weihnachten in etwas kleinerem Rahmen zu feiern und Kinder für wenige Wochen zu Hause zu betreuen, immer mit diesem Grundtenor, dass diese älteren Menschen unserer Gesellschaft ohnehin zur Last fallen und die Leistungsgesellschaft ausbremsen, dann frage ich Sie: Was, wenn Ihr Großvater, Vater oder bester Freund der nächste ist? Werden Sie sich dann mit Ihren eigenen Argumenten trösten – oder sich gehörig schämen?

Neun Tage nach dem Tod meines Großvaters ist Heiligabend. Ich hätte mich gefreut, wenn er dieses Weihnachten noch bei uns gewesen wäre. Ohne das Coronavirus, das Sie verharmlosen, wäre das auch gelungen.

Bleiben Sie gesund!

Von Dennis Betzholz/RND