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Der Norden 25-Meter-Sturz macht Erzieherin zur „Heldin“
Nachrichten Der Norden 25-Meter-Sturz macht Erzieherin zur „Heldin“
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06:15 13.07.2012
Von Thorsten Fuchs
Dem Jungen und der Erzieherin, die am Montag in einen Bergwerkschacht gefallen waren, geht es wieder besser. Quelle: HAZ
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Osterwald

Am Tag danach wirkt die Stelle wieder ganz idyllisch. Ein ruhiger Platz im Wald, gelegen an einem sanft ansteigenden Hang. Der Platz ist abgesperrt mit rot-weißem Polizeiband. Über dem Loch liegen Stämme und ein Metallgitter. Mehr wäre vielleicht gar nicht nötig gewesen. Nur ein einfaches Metallgitter.

Am Tag zuvor hat sich hier, nahe dem Dorf Osterwald zwischen Hameln und Hildesheim ein Unglück ereignet, das nur mit gewaltigem Glück glimpflich ausgegangen ist. Ein Albtraum aller Eltern – und all derer, denen sie ihre Kinder anvertrauen. Zusammen mit 40 Jungen und Mädchen waren die Erzieherinnen des St. Nicolai-Kindergartens im benachbarten Oldendorf hierher gekommen. Es war der Beginn ihrer „Waldwochen“, die sie hier in jedem Jahr feiern. Die Kinder tobten, spielten, klettern auf Stämme. Und auf einmal war eins von ihnen verschwunden – gestürzt in einen Spalt zwischen Baumstämmen und Boden. Eine Kindergärtnerin sah dies.

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Einen Tag nach dem Sturz in einen 25 Meter tiefen Bergbauschacht im Weserbergland geht es dem 3-jährigen Jungen und der 37 Jahre alten Erzieherin relativ gut. Der Junge wird noch im Krankenhaus behandelt, die Betreuerin kam am Montag wieder nach Hause.

Menschen, die die 37-Jährige kennen, beschreiben sie als zurückhaltend, bedächtig. Aber jetzt zögerte sie nicht – und sprang hinterher. Ohne zu wissen, wie tief der Schacht ist. Unten bekam sie den Dreijährigen zu fassen, eineinhalb Stunden lang hielt sie ihn im brusthohen kalten Wasser fest. Als es den Feuerwehrmännern gelungen war, sie herausziehen, maßen sie nach – und trauten ihren Augen kaum: 25 Meter waren die Erzieherin und der Junge in die Tiefe gestürzt.

Es grenzt wohl tatsächlich an ein Wunder, dass beide den Sturz kaum verletzt überstanden haben. Der Dreijährige, so erklärte eine Sprecherin des Landkreises Hameln-Pyrmont gestern, müsse wohl noch eine Woche zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben. Die Erzieherin sollte bereits gestern wieder aus der Klinik entlassen werden. Weder sie noch die Eltern des Dreijährigen mochten sich gestern den Fragen von Journalisten aussetzen. Und so ging es vor allem um einen anderen, zentralen Punkt: Wie kann es sein, dass ein alter Bergwerkschacht so nachlässig gesichert ist? In einem Wald, den Schulen und Kindergärten seit Langem als Ausflugsziel nutzen?

Den Eindruck von Fahrlässigkeit wies die Forstverwaltung gestern engagiert zurück. Das Waldgebiet oberhalb von Osterwald, in dem bis 1954 Steinkohle abgebaut wurde, gehört dem Land. Der Schacht, in den der Junge stürzte, war ein sogenannter Lichtschacht, der zur Belüftung der Stollen diente. „Die Öffnung ist uns seit 20 Jahren gut bekannt“, sagte Joachim Menzel, Leiter des Forstamts Saupark, als er gestern den Unglücksort untersuchte. Seitdem verschließe das Forstamt die nur einen Meter breite Öffnung mit mehreren Lagen vier Meter langer Lärchenstämme. Viermal im Jahr werde das überprüft, zuletzt im April. „Die Abdichtung war technisch okay“, bekräftigt Menzel.

Seitdem müsse vom Rand der Öffnung Erde in den Schacht gebröckelt sein. Die Öffnung habe sich somit verbreitert, in den Spalt zwischen Stämmen und Boden sei der Junge gerutscht. Eine „Verkettung unglücklicher Umstände“ nannte dies Forstamtssprecher Joachim Hansmann. Und Metallgitter wie jene, mit denen die Feuerwehr das Loch gesichert hat? Hätten die Verbreiterung des Lochs seiner Ansicht nicht verhindert.

Die Eltern der anderen Kinder stellte diese Erklärung gestern nicht zufrieden. Der fünfjährige Sohn von Jessica Kähler hat den Unfall mit angesehen – und vergleichsweise gelassen reagiert: „Ihm war wichtig, dass die beiden gerettet wurden.“ Der Kindergarten habe richtig gehandelt und die Kinder sofort von der Unglücksstelle fortgeführt. Entsetzt ist Jessica Kähler dagegen über die Behörden: „Ich bin schockiert, dass die Forstverwaltung nicht auf Gittern bestanden hat.“ Auch ihr älterer Sohn sei regelmäßig bei den „Waldwochen“ gewesen, zusammen gehen sie regelmäßig dort spazieren. Sie wusste, dass es dort früher Bergbau gab. „Aber wir dachten doch nicht, dass da Löcher existierten.“

Unklar ist, wie viele weitere Öffnungen es in dem Berg noch gibt. Bis zu 90 Stollen und Schächte durchziehen laut Hans-Dieter Kreft vom Bergbauverein noch das Gebiet. Verlässliche Karten gebe es nicht. Mutter Jessica Kähler will den Wald oberhalb ihres Dorfes erst mal nur noch auf den Wegen betreten. Fest steht für sie nun nur eines: Eine solche Rettungstat hätten die Eltern der ruhigen Erzieherin gar nicht zugetraut. „Aber jetzt ist sie für uns die Heldin.“


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