Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Der Norden AOK drängt Psychologen zur Eile
Nachrichten Der Norden AOK drängt Psychologen zur Eile
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:36 21.07.2013
Von Gabi Stief
Wer an einer psychischen Erkrankung leidet muss bisweilen monatelang auf einen Arzttermin warten. Die AOK Niedersachsen will das jetzt ändern. Quelle: dpa (Symbolfoto)
Anzeige
Hannover

Doch das Projekt, das im Sommer starten sollte, scheitert derzeit am Widerstand der Psychotherapeuten. Wenn nur AOK-Versicherte, die einen Anspruch auf Krankengeld haben, einen schnellen Termin bekommen sollen, verstoße dies gegen die Berufsethik.

Gerade einmal 40 von 1586 niedersächsischen Psychotherapeuten und 93 Fachärzte wie Neurologen haben sich bereit erklärt, an dem bundesweit einmaligen Programm teilzunehmen – trotz Extrahonorar von bis zu 250 Euro pro Patient. Bei den Hausärzten, an die sich teilnehmende AOK-Patienten als erstes wenden müssten, haben 540 ihre Mitarbeit zugesagt. Abhängig von der Schwere der Depression oder des Burn-out soll der Hausarzt mit dem Patienten eine Gesprächstherapie beginnen oder gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KVN) für einen schnellen Behandlungstermin beim Neurologen oder Psychotherapeuten sorgen. Trotz geringen Zuspruchs plant die AOK, das Angebot am 1. Oktober in drei von elf Regionen – in Braunschweig, Oldenburg und Osnabrück – zu starten. In der Region Hannover, Hameln, Schaumburg und Celle haben sich bislang nur fünf Therapeuten gemeldet.

Anzeige

Für Andreas Thumulla, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Bomlitz (Heidekreis), ist der Vertrag, den AOK, KVN und Hausarztverbände bereits Ende vergangenen Jahres abgeschlossen, eine „Anstiftung zur Korruption“. Nicht die Schwere der Depression sei laut Vertrag Kriterium für die Bevorzugung auf der Warteliste, sondern der Anspruch des Patienten auf Krankengeld. Es gehe einzig um die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit.

Die AOK macht kein Geheimnis daraus, dass sie vor allem die Kosten begrenzen will. Psychische Erkrankungen nehmen dramatisch zu. Mittlerweile registriert die Kasse jedes Jahr 50.000 Neuerkrankungen; die Ausfalltage sind mit durchschnittlich 26 Tagen pro Fall mehr als doppelt so hoch wie bei anderen Erkrankungen. Zehn Millionen Euro investiere die Kasse in das zusätzliche Versorgungsangebot, sagt Sprecher Oliver Giebel.

Die KVN verteidigt den Vertrag als ersten Schritt. „Für Patienten ist es eine Art Glücksspiel, ob und wann sie eine qualifizierte Therapie bekommen“, sagt Detlef Haffke. Befürchtungen, dass künftig AOK-Patienten andere Erkrankte von der Warteliste verdrängt hält er für unbegründet. Teilnehmende Ärzte und Therapeuten müssten mindestens drei zusätzliche Termine anbieten – „abends, oder am Wochenende“.

Gabriele Schulte 21.07.2013
21.07.2013
Karl Doeleke 21.07.2013