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Der Norden Anders leben in der Wagenburg
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11:11 13.03.2012
Von Heinrich Thies
Die meisten Bauwagenbewohner erzeugen ihren Strom selbst. Der Komfort hält sich in Grenzen. Quelle: Philipp von Ditfurth
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Lüneburg

Die Telefonzentrale ist in einem Plumpsklo untergebracht, gekocht wird in einer offenen Bretterbude. Die Lüneburger Wagenburg ist reich an unkonventionellen Lösungen und phantasievollen Wohnideen. 26 Erwachsene und vier Kinder leben seit gut einem Jahr in Bauwagen am Rande eines Sportplatzes. „Wir sind ein bunt gemischter Haufen, manche haben einen Job, andere schlagen sich so durch", sagt Karsten Hilsen", der seit Jahrzehnten in vorderster Front gegen die Castor-Transporte protestiert und sich als Gründervater der Wagenburg bezeichnet. „Jeder hat sein eigenes Reich, kann aber auch auf die Gemeinschaft zählen. Wer im Winter von der Arbeit nach Hause kommt, hat es schon warm, weil andere den Ofen angeheizt haben."

Es ist die erste Wagenburg, die Teil eines städtischen Flächennutzungsplans geworden ist und ihren Bewohnern Dauerwohnrecht garantiert. „Leben ohne Fundament", lautet das Motto. Offiziell firmiert die alternative Siedlung unter dem Begriff „Experimentelles Wohnen". Die Stadt hat den Bewohnern einen Acker von knapp 8000 Quadratmetern über mindestens zehn Jahre verpachtet und das „Sonderwohngebiet" kostenpflichtig mit Strom, Wasser und Kanalisation erschlossen.

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Doch wer hier wohnt, will möglichst unabhängig sein vom Versorgungssystem der Gesellschaft. Beweisen, dass es auch anders geht. Ein Jahr nach der Atomkatastrophe von Fukushima hat die Wagenburg etwas von einem Gegenmodell. Fast alle verzichten auf fließend Wasser in ihren Wagen und duschen im gemeinsamen Sanitärwagen, wo sich auch die Toiletten und Waschmaschinen befinden. Und viele erzeugen sich den wenigen Strom, den sie zum Leben brauchen, selbst. Mit kleinen Solaranlagen und Windrädern.

Zum Beispiel Cecile Lecomte. Die 30-jährige Umweltaktivistin, die schon bei zahlreichen Castor-Transporten mit ihren Kletterkünsten aufgefallen ist, bewohnt einen ehemaligen Toilettenwagen, der früher auf Jahrmärkten stand. Mittlerweile hat sich die Französin ihr gestrandetes Holzgefährt wohnlich eingerichtet. Ein Aufsatz birgt Bett und Büro und gibt dem Ganzen den Charakter einer Burg. Keine Treppe verbindet die beiden Etagen, sondern eine Turnstange. „Das Schöne ist, dass man hier ganz selbstbestimmt leben kann", sagt die frühere französische Landesmeisterin im Sportklettern. „Wenn es einem zu dunkel ist, sägt man sich einfach ein Fenster raus. Niemand schreibt einem hier was vor. „Ein Lehmofen verbreitet wohlige Wärme. Draußen steht ein kleines Photovoltaikgestell. „Das reicht für Licht, Computer und Handy", sagt Cecile. „Im Sommer kann ich damit sogar einen Kühlschrank betreiben."

Geheizt wird wie überall in der Wagenburg mit Abfallholz. Die Lebensmittel kommen zum großen Teil aus dem Müll - vorzugsweise aus den Containern von Supermärkten und Großbäckereien. „Ich geh gern „containern“", sagt Cecile Lecomte. „Das ist immer sehr spannend. Was man so im Müll findet, das bestimmt halt den Speiseplan."

Darüber hinaus aber wollen Cecile und ihre Mitbewohner auch Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft setzen. „Ich will keine zusätzliche Nachfrage erzeugen", sagt die junge Frau. „Schrumpfen statt Wachsen ist meine Devise." So sieht es auch Karsten Hilsen, der mit dem „Containern" kürzlich bundesweit durch ein spektakuläres Urteil hervorgetreten ist. Der 52-Jährige war angeklagt wegen Hausfriedensbruchs, weil er sich vom Gelände einer Großkonditorei Kekse aus dem Müll geholt hatte. Doch das Landgericht Lüneburg sprach ihn frei.

In seinem früheren Leben bewohnte Hilsen mit seiner Familie ein ganz normales Eigenheim in einem 20 Kilometer entfernten Elbdorf, führte die örtliche Poststelle und gehörte der freiwilligen Feuerwehr an. Als dann seine Ehe in die Brüche ging, verwirklichte er sich einen Kindheitstraumtraum und siedelte in einen Bauwagen um. Seine Tochter ist mittlerweile 22, sein Sohn 21 Jahre alt. Beide leben in normalen Wohnungen. Was sie von der Lebensweise ihres Vater halten? „Um es mal so zu sagen", antwortet Hilsen lächelnd. „Die kommen nicht so oft vorbei."

Jüngere Kinder von Mitbewohnern dagegen leben mit ihren Müttern und Vätern gemeinsam im Bauwagen. Stolz erzählt der vierjährige Nolan, dass ihn manchmal auch Freunde aus dem Kindergarten besuchen. Und dann isst der Wuschelkopf erst mal ein bisschen Reis - wie sein Vater direkt aus dem Topf. Seit sieben Monaten hat Nolan auch eine Schwester: die kleine Malou. Zum Spielen ist in den beiden Bauwagen seiner Eltern nicht besonders viel Platz. Dafür ist es draußen umso weitläufiger. Und natürlich darf Nolan auch mit dabei sein, wenn sich die Erwachsenen am Lagerfeuer versammeln und seine französische Mutter Akkordeon spielt.

Für Nolans Vater David Mensah ist es das Selbstverständlichste von der Welt, in einer Wagenburg zu leben. „Meine Eltern haben das auch schon so gemacht", sagt der gelernte Fliesenleger. „Ich bin da reingewachsen." Nach der Trennung seiner Eltern habe er deren Bauwagen übernommen, erzählt der 28-Jährige, der von Gelegenheitsjobs lebt. „Das Gute ist, dass man auch anderswo hinfahren kann."

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