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Der Norden Ausgegrenzt – ein Junge ohne Schule
Nachrichten Der Norden Ausgegrenzt – ein Junge ohne Schule
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18:24 08.03.2012
Von Saskia Döhner
Foto: Allein unter Gleichaltrigen: Für Kinder mit Asperger-Syndrom ist Nähe ein Gräuel. Viele leben in ihrer eigenen Welt.
Allein unter Gleichaltrigen: Für Kinder mit Asperger-Syndrom ist Nähe ein Gräuel. Viele leben in ihrer eigenen Welt. Quelle: Symbolfoto: dpa
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Hannover

Nach einem Wutausbruch war er für mehr als zwei Monate vom Unterricht ausgeschlossen worden. Seine Eltern kämpfen seitdem mit den Behörden, um eine passende Schule für ihren Sohn zu finden. Das zweite Schulhalbjahr hat für Luis (Name geändert) zuhause angefangen, und auch im ersten Halbjahr war er gerade 13 Tage in der Schule, und sechs davon auch nur jeweils zwei Stunden. Seit Mitte September 2011 hat der Junge die Förderschule in Hannover überhaupt nicht mehr betreten. Seitdem wird der mittlerweile Zehnjährige zuhause unterrichtet, von seiner Mutter. Nicht aus freien Stücken. Der Viertklässler leidet an Asperger-Autismus, eine Behinderung, die Jungen achtmal häufiger trifft als Mädchen. Nach einem Wutausbruch war Luis, der gerade neu an die Schule gekommen war, gleich für mehr als zwei Monate vom Unterricht ausgeschlossen worden.

Seine Eltern haben dafür kein Verständnis. Diese Maßnahme sei völlig überzogen und treffe ihren Sohn, für den jede Veränderung eine Qual sei, sehr hart, sagen sie. Von den Lehrern fühlt sich die Familie im Stich gelassen. Kein Pädagoge hat Luis seit der Suspendierung zuhause besucht und gefragt, wie es ihm geht. Die Lehrer hätten viel falsch gemacht, obwohl doch die Schule eigens ein Förderkonzept für Kinder mit Asperger-Syndrom entwickelt habe, sagt Luis’ Vater. Sein Sohn habe in den knapp drei Wochen ständig unter Beobachtung gestanden, dabei ziehe sich ein Kind mit Asperger-Syndrom doch am liebsten in sich selbst zurück. "Von diesen 13 Tagen wurden 18 Protokolle erstellt, jede Kleinigkeit wurde festgehalten, sogar das Nasebohren im Englischunterricht."

Zu einer Lehrerin sei das Verhältnis besonders schlecht gewesen, sagen die Eltern. Dabei habe die Frau doch das schuleigene Asperger-Förderkonzept mitentwickelt. Nach einem schlechten Start habe die Pädagogin wie ein rotes Tuch auf den Schüler gewirkt. Sobald sie den Klassenraum betreten hätte, sei ihr Sohn zusammengezuckt, erzählt die Mutter. Sie war nach einer Woche von den Lehrern gebeten worden, neben einem Integrationshelfer auch noch Luis zu unterstützen. Schließlich sei die Situation eskaliert. Die Lehrerin habe versucht, ihm eine Matheaufgabe zu erklären, sei ihm aber dabei im buchstäblichen Sinne viel zu nah getreten, berichtet die Mutter - auch Monate nach dem Vorfall noch sichtlich mitgenommen.

Nähe ist für Autisten ein Gräuel. Bedrängt zu werden können sie nicht ertragen. Die Lehrerin habe Luis am Arm berührt, sagt die Mutter, der Junge habe ihre Hand weggeschoben und warnend geknurrt. Als die Frau dennoch nicht von ihm abgelassen habe, habe der Neunjährige zum Bleistift gegriffen und der Lehrerin in die Handinnenfläche gestochen. "Das war schlimm, ich will das nicht entschuldigen, aber er wusste sich nicht anders zu helfen", sagt seine Mutter.

Auf der Klassenkonferenz wurde beschlossen, den Jungen für zwei Monate vom Unterricht auszuschließen. "Die anderen Schüler mussten erst einmal zur Ruhe kommen", sagt die Schulleiterin. Luis sei extra in eine sozial stabile Klasse gekommen, aber schon nach wenigen Tagen seien die Kinder völlig durcheinander gewesen.

Das Schulgesetz erlaubt die Suspendierung von bis zu drei Monaten. Es sei keine Maßnahme, mit man leichtfertig umgehe, versichert Christian Zachlod, Sprecher der Landesschulbehörde in Lüneburg. "In diesen Fällen sind massive Eingriffe in den geregelten Ablauf von Schule dokumentiert. Meist handelt es sich um Gewalt gegen Mitschüler oder Lehrkräfte. Eine Suspendierung ist nicht nur eine Auszeit, um Situationen für alle Beteiligten zu beruhigen. Sie dient auch dem Schutz der anderen."

Kein Lehrer der hannoverschen Förderschule war bereit, Luis zuhause zu unterrichten. "Sie hatten einfach zu viel Angst", sagt die Rektorin. Wiederholt sei der damals Neunjährige durch seine Aggressivität aufgefallen, er habe Lehrer bespuckt und beschimpft, Kinder bedroht. Der Schulwechsel war für Luis Stress pur. Das sieht auch die Rektorin so. Eine längere Eingewöhnungszeit als 13 Tage konnte sie ihm jedoch nicht lassen. "Wir waren am Ende unserer pädagogischen Möglichkeiten", sagt sie.

"Jeder Politiker hat 100 Tage Zeit", haben die Eltern und ihr Anwalt in einem ihrer unzähligen, oft unbeantworteten Briefe an die Schulbehörden und an das Kultusministerium geschrieben. "Unser Sohn nur 13."

Für Luis war das alles zu viel. Er ist krank geworden und will jetzt am liebsten gar nicht mehr zur Schule gehen. Es gibt selten Fälle, in denen sich so viele Menschen um ein Kind so viele Gedanken machen", sagt die für Integration zuständige Dezernentin Petra Rieke von der Schulbehörde Hannover. Man versuche nun einvernehmlich mit den Eltern, eine geeignete Schule zu finden. Zeigt dieser Fall die Grenzen für den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Handicaps? "Nein", sagt Rieke. "die Stadt Hannover hat 1000 Kinder im Jahr, bei denen sonderpädagogischer Förderbedarf festgestellt wird, und es gibt vielleicht fünf oder sechs Falle, die vom von Luis ähneln."

Für ihn und seine Eltern ist nur eines wichtig: Sie möchten eine Schule finden, die ihren Sohn mit seinen Schwierigkeiten und seinem Asperger-Syndrom akzeptiert. Und sie möchten, dass ihr Sohn nicht schon mit zehn Jahren zum Schulaussteiger wird. Das Kultusministerium hat den Eltern jetzt geantwortet: Man werde nach einer guter Lösung suchen.

Hintergrund: Das Asperger-Syndrom, eine Form des Autismus, ist eine ausgeprägte Kontakt- und Kommunikationsstörung, die spätestens im Alter von vier, fünf Jahren auffällt. Entdeckt hat es der österreichische Kinderarzt Hans Asperger 1944, beachtet in der Forschungswelt wird es aber erst rund 40 Jahre später. Erkrankte können ihre Gefühle nicht ausdrücken und sich nicht in andere hineinversetzen. Nonverbale Signale anderer verstehen sie nicht. Körperliche Nähe ist ihnen unangenehm. Sie bleiben gern für sich, vermeiden den direkten Augenkontakt. Manchmal sind aggressive Handlungen auch vorbeugende Angriffe. So kann es sein, dass ein Kind mit einem Asperger-Syndrom einem möglichen Konflikt zuvorkommen will, indem es zuerst zuschlägt. Jungen und Mädchen erkranken im Verhältnis 8:1. Die Störung, die angeboren und nicht heilbar ist, kann mit einer Hoch- oder Inselbegabung in einem Bereich zusammenfallen. Häufig sind an Asperger erkrankte Kinder in Mathematik besonders begabt. Deutsch oder kreative Fächer sind ihnen eher fremd. Dafür haben sie oft erstaunliche Gedächtnisleistungen. Von rund 10000 Schulkindern kommt bei zwei bis dreien das Asperger-Syndrom vor. dö

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