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Der Norden So wild ist der Harz
Nachrichten Der Norden So wild ist der Harz
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00:23 09.10.2015
Von Gabriele Schulte
Penible Arbeit mit guten Nachrichten: Denny Walther, Daniel Esther und Sabine Bauling (v. l.) dokumentieren die Entwicklung des Waldes rund um Torfhaus. Quelle: Michael Wallmueller
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Torfhaus

36 Jahre ist es her, dass Ulrich Schulze mit Freiwilligen aus der nahen Jugendherberge Ebereschendolden in sein einseitig von Fichten beherrschtes Revier brachte. „Die Samen mussten erst mal durch Vogelmägen gehen, bevor daraus Bäume wurden“, sagt der Förster. Schulze ist mittlerweile dienstältester Revierleiter im Nationalpark Harz - und jetzt tragen seine Bemühungen Früchte: Bei der kürzlich begonnenen Bauminventur wurden um Torfhaus viele Ebereschen gefunden. Und die Reihe Ahorn, die Schulze einst pflanzte, lässt nach fast vier Jahrzehnten endlich Propeller mit Samen fliegen.

Seit Ende August streifen drei Zweier-Teams von Diplom-Forstwirten und Biologen durch den Nationalpark, um dort das Holz umfassend zu dokumentieren: Baumarten, Höhe und Durchmesser der Stämme, lebende wie tote. Bis 2017 soll die Untersuchung dauern, doch Sabine Bauling, Fachbereichsleiterin für die Waldentwicklung im Nationalpark, kann schon von einer ersten Erkenntnis berichten. „Es gibt deutlich mehr Totholz, als wir erwartet hatten“, sagt die Försterin. Für den Nationalpark ist das eine gute Nachricht. Denn anders als in eintönigen dunklen Fichtenplantagen, wie sie früher wegen des schnellen Wachstums der Nadelbäume gepflanzt wurden, können sich in lichten Gebieten mit herumliegenden Stämmen und Wurzeltellern vielfältige Tier- und Pflanzenarten ansiedeln. „Das Totholz steckt voller Leben“, schwärmt Bauling.

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In vom Borkenkäfer befallenen abgestorbenen, noch stehenden Bäumen baut sich etwa der Sperlingskauz Nisthöhlen. In Wurzeln, die nach Windwurf freiliegen, siedeln sich Insekten an, auf herumliegenden Stämmen wachsen Lackporling und andere Baumpilze. Greifvögel nutzen gern Totholz als Ansitz.

Bauling vermittelt Förstern bei Besuchen im Nationalpark, dass auch wirtschaftlich genutzte Wälder von einem gesunden Ökosystem profitieren. „Zum Beispiel geht an bestimmten Stellen im Naturwald der Borkenkäfer nicht weiter“, erläutert sie. „Wir wollen herausfinden, woran genau das liegt.“

Die derzeitige Kartierung soll dazu beitragen. An 2400 festgelegten Probestellen von je 500 Quadratmetern wird das Holz unter die Lupe genommen, das heißt in diesem Fall: mit Hilfe von GPS-Empfängern, Ultraschallgeräten und Laptop vermessen. Auch Buschwerk, Moose und Flechten werden vermerkt. Niedersachsen und Sachsen-Anhalt haben sich im Nationalparkplan darauf verständigt, in zehn Jahren noch einmal so penibel vorzugehen, um die Entwicklung verfolgen zu können. Die Forstwissenschaftliche Versuchsanstalt Göttingen begleitet die Untersuchung und will im Laufe des übernächsten Jahres den Abschlussbericht vorlegen.

Bei starkem Regen und Schnee muss die Inventur unterbrochen werden. Auf das raue Klima im Oberharz haben sich Daniel Esther und Denny Walther vom beauftragten Messteam aus Dresden ansonsten eingestellt. In dicken Pullovern stapften sie am Dienstag durch hartnäckigen Nebel. Abgesehen von grüßenden Wanderern, von denen viele zum Brocken streben, verläuft der Tag meist sehr ruhig. Geduld ist gefragt: Ein bis fünf Probekreise sind abends vermessen. Langeweile komme nicht auf, sagt Daniel Esther: „Das Waldbild im Harz ist sehr spannend.“ Ulrich Schulze war auch ohne Kartierung klar, wie vielfältig sich sein vor 36 Jahren noch laubbaumfreies Revier entwickelt hat, er kennt es in- und auswendig. Die Waldinventur finde er trotzdem wichtig, sagt der Förster und lacht: „Ohne Zahlen wird einem ja nicht geglaubt.“

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