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Der Norden Braunschweig bereitet den Schoduvel vor
Nachrichten Der Norden Braunschweig bereitet den Schoduvel vor
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00:18 09.11.2015
Von Karl Doeleke
Langsam nehmen die Figuren Gestalt an: Nachdem der Schoduvel genannte Karnevalsumzug in Braunschweig dieses Jahr wegen einer Terrorwarnung abgebrochen wurde, legen sich die Gestalter jetzt richtig ins Zeug. Quelle: Jan-Philipp Eberstein
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Braunschweig

Denn Mittwoch beginnt auch in Braunschweig um 11 Uhr 11 schon wieder die neue Karnevalssession, und bis zum Höhepunkt, dem Umzug durch die Stadt, sind es nur noch vier Monate. „Man muss schon sehr früh mit viel Herzblut dabei sein“, sagt Gerhard Baller, der als Zugmarschall die Karnevalisten anführen wird. Für Angst ist da wenig Raum.

Jetzt erst Recht: Nachdem im Februar Norddeutschlands größter Karnevalsumzug, der Schoduvel, wegen einer Terrorwarnung abgesagt werden musste, laufen die Vorbereitungen für die neue Karnevalssaisson jetzt auf Hochtouren.

Die Angst haben sie inzwischen abgeschüttelt. Gerhard Baller war es auch, der im vergangenen Februar von Braunschweigs Polizeipräsidenten Michael Pientka die bittere Nachricht überbracht bekam: Der Schoduvel ist abgesagt, eine Stunde bevor es losgehen sollte. 250 000 Menschen mussten nach Hause gehen, sicherheitshalber. Es gab Hinweise auf ein mögliches islamistisches Attentat, und Polizei und Verfassungsschutz nahmen sie sehr ernst. Ein Täter wurde nie gefasst.

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Keine Kamelle, kein Helau. Die monatelange Arbeit an 120 Umzugswagen war umsonst. 15 Tonnen Süßigkeiten haben sie später verschenkt, statt sie in die Menge zu werfen. „Diese menschenleeren Straßen, überall Polizei. Das war beängstigend“, erzählt Christina Behme heute. Sie arbeitet mit ihrem Mann Steffen in einer der Hallen am Fünkchenwagen für die Kinder der Mascheroder Karnevalsgesellschaft. „Aber wir haben gesagt: Jetzt erst recht.“

Denselben Trotz haben auch die Mitglieder der anderen beiden Karnevalsgesellschaften, den Braunschweigern und den Rheinländern, an jenem Sonntag gezeigt und sind ebenfalls geschlossen in die Stadthalle gezogen. Damit stand auch das Motto für dieses Jahr fest. Und so sagt heute Braunschweigs Oberbürgermeister Ulrich Markurth als Schirmherr der Veranstaltung: „Wir lassen uns die Freude am Karneval nicht nehmen.“ Die Braunschweiger Polizei sagt, es werde ohne Anlass keine besonderen Sicherheitsvorkehrungen geben.

Die Haltung ist sicher auch ein bisschen anstrengend. Steffen Behme nämlich glaubt mit Blick auf den Umzug: „Ganz bekommt man das aus dem Kopf nicht raus. Das wird ein komisches Gefühl.“ Seine Tochter wird mitlaufen. Gerhard Baller versucht dagegen, das Thema zu wechseln. Lieber redet er über die neuen Wagen: Vier bis fünf Stück bauen die Karnevalisten jedes Jahr neu. Die vom vergangenen Jahr fahren dieses Jahr einfach mit. Inspiration gibt es für die Wagenbauer genug. „VW und die Abgas-Affäre werden sicher eine Rolle spielen“, sagt Baller. Die Schmiergeldaffären um DFB und Fifa bestimmt auch. „Wichtig ist es, Bilder zu finden, über die man lachen kann.“

Gar nicht so lustig ist aber der vielleicht wichtigste Wagen, an dem der Bildhauer Konrad Körner schon arbeitet: Baller spricht von „unserem Terror-Thema“. Der Wagen wird ein Gespenst zeigen, „das Menschen aus allen Weltreligionen bedroht“, erläutert er. „Terror trifft uns alle, ist die Botschaft.“

Bildhauer Körner hat den Wagen entworfen. Der Karneval mit seinen bissigen Motiven stehe für Meinungsfreiheit. „Was bedeutet das, wenn der Terror die Meinungsfreiheit beschränken will?“, fragt er und spricht auch das Attentat auf die Redakteure des Pariser Satiremagazins „Charlie Hebdo“ an. Baller sagt: „Wir bestehen auf unserer Meinungsfreiheit, aber wir wollen auch Weltoffenheit und Toleranz zeigen.“ Darum hat er auch den Bischof von Hildesheim, den Landesbischof von Braunschweig und den Vorsitzenden des Rates der Muslime in Braunschweig eingeladen, auf seinem Wagen mitzufahren. Auch ein Vertreter der jüdischen Gemeinden sei eingeladen. „Karneval verbindet auch Religionen“, ist Baller überzeugt.

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