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Der Norden Der totgesagte Patient lebt
Nachrichten Der Norden Der totgesagte Patient lebt
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00:15 24.02.2014
Von Thorsten Fuchs
„Das macht mich stolz“, sagt Krankenschwester Angelika Schneider über den Zuspruch der Bürger. Sie arbeitet seit 43 Jahren im Krankenhaus Einbeck. Quelle: Tobias Kleinschmidt
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Einbeck

Die Sätze taten weh, und Angelika Schneider kann sich an jeden einzelnen erinnern. „Ihr seid doch sowieso pleite“, sagten die Menschen aus dem Dorf, wenn sie Angelika Schneider auf der Straße trafen. Oder auch: „Das schafft ihr doch nie.“ Die Menschen in ihrem Dorf, in Drüber, wussten ja, dass Angelika Schneider im Krankenhaus Einbeck arbeitete. Und sie wussten um die Probleme. „Das ging unter die Haut“, sagt Angelika Schneider.

Heute, ein Jahr danach, steht Schneider im Dienstzimmer der Station E3. Neben ihr greift ein Arzt nach einer Akte, das Telefon klingelt, ein Besucher steht da mit fragendem Blick. Es herrscht reger Betrieb auf E3, im ganzen Haus sind alle 109 Betten belegt, und wenn die Krankenschwester Angelika Schneider jetzt daheim in Drüber jemanden trifft, dann sagen sie ganz andere Sätze. „Toll, dass ihr noch da seid“, oder auch: „Wir haben jetzt auch für euch gespendet.“ Eine Spende, das ist ein Zeichen des Vertrauens. „Das macht mich jedes Mal richtig stolz“, sagt die 59-Jährige.

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Die Geschichte des Krankenhauses Einbeck trägt tatsächlich märchenhafte Züge. Noch vor kaum mehr als einem Jahr hätte wohl kaum jemand auf den Fortbestand des Einbecker Krankenhauses gewettet. Der letzte Betreiber, die Arbeiterwohlfahrt Sachsen-Anhalt, hatte sich zurückgezogen, die Klinik war insolvent, die Patienten blieben fort. Das Ende schien nur eine Frage der Zeit.

Doch dann geschah das Erstaunliche. Etwas, das in Deutschland bislang einmalig ist. Bürger schlossen sich zusammen. Und sie beließen es nicht beim Protest, sondern gaben auch Geld - genug, damit das Krankenhaus weitermachen konnte. Was in Einbeck passiert, ist auch: ein Experiment. Der Einbecker Weg. Nach einem Jahr kann man sagen: Es gibt das Krankenhaus noch. Es scheint, als sei das „Bürgerspital Einbeck“, wie es jetzt offiziell heißt, auf einem sehr guten Weg.

Es war wohl auch Trotz, der die Bürger vor einem Jahr aufstehen ließ. Die Politik, erinnert sich Jochen Beyes, habe das Krankenhaus damals abgeschrieben. „Und dann war da der Wille, es der Politik und der Kommune zu zeigen, dass man eine Krankenhaus mit Beteiligung der Bürger erfolgreich betreiben kann.“ Der 72-jährige Beyes, früher im Vorstand des Einbecker Saatgutunternehmens KWS, ist einer von einem Dutzend Bürgern, die mit einer halben Million Euro Kapital den Weiterbetrieb ermöglichten. Dazu kamen Spenden in sechsstelliger Höhe.

Beyes, Treuhänder der bürgerlichen Kapitalgeber, ist nach einem Jahr besten Mutes: „Wir liegen schon jetzt über dem Sanierungsplan.“ Von einer „hellroten Null“ am Ende des vergangenen Jahres spricht der Geschäftsführer Hans-Martin Kuhlmann: „Ein Verlust im kaum wahrnehmbaren Bereich.“ Mehr als die Hälfte der niedersächsischen Krankenhäuser steuern laut Krankenhausgesellschaft derzeit auf ein Minus zu - Einbeck hält sich im Vergleich also ganz gut.

Großen Anteil daran haben vor allem die Beschäftigten. Die Krankenschwester Angelika Schneider hat wie die 240 anderen Mitarbeiter drei Monate gar keinen Lohn erhalten, derzeit erhält sie 8,5 Prozent weniger Geld. 40 Mitarbeiter wurden entlassen. Auf der Station E3 arbeiten jetzt nur noch acht statt früher 13 Pflegekräfte. „Wir gleichen das mit unserer guten Atmosphäre wieder aus“, sagt sie und schaut hinüber zu der Kollegin, mit der sie seit Jahrzehnten zusammenarbeitet. „Wir sind hier wie eine Familie.“

Für den neuen Geschäftsführer Kuhlmann, 56, ist genau das Teil der Lösung. Grundversorgung plus Palliativschwerpunkt, das ist das medizinische Angebot. Den Rest soll das besondere Klima schaffen. „Wir müssen die Netten sein“, sagt Kuhlmann. Das sympathische Bürgerspital als Gegenmodell zur durchökonomisierten Großklinik, das ist seine Vision. Kleinheit soll hier kein Nachteil sein, sondern eine Chance.

Fürs Erste scheint das zu funktionieren. Die Patienten kommen wieder, derzeit zehn bis 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Volker Hoffmann, 53-jähriger Maschinentechniker aus Einbeck, ist nach mehreren Aufenthalten mit den Mitarbeitern schon bestens vertraut. „Ich fühle mich hier gut aufgehoben“, sagt er.

Auch als Arbeitgeber ist das etwas andere Krankenhaus offenbar wieder attraktiv. Die Chirurgin Katharina Teuteberg etwa ist gerade von Göttingen gezielt nach Einbeck gewechselt: „Das ist einfach eine unglaublich gute Stimmung hier.“ Chefarzt Christian Kley, im vergangenen Jahr von der Uni-Klinik Göttingen nach Einbeck gewechselt, berichtet stolz von den Bewerbungen kompetenter Ärzte, die sich für das Modell Einbeck interessierten.

Als dauerhaft geheilt kann die Klinik aber noch längst nicht gelten. Da ist zum einen die aufwendige Sanierung des 1969 erbauten Hauses, für die die Einbecker wohl die Hilfe des Landes brauchen werden. Und dann ist da die offene Frage, ob es angesichts der schrumpfenden Bevölkerung in Südniedersachsen weiterhin genug Patienten und Personal geben wird. Krankenschwester Angelika Schneider aber zumindest ist optimistisch. „Was jetzt kommt“, sagt sie zuversichtlich, „schaffen wir auch noch.“

21.02.2014
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