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Der Norden Charmeoffensive im Land der Kritiker
Nachrichten Der Norden Charmeoffensive im Land der Kritiker
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06:15 01.08.2012
Von Saskia Döhner
Bahnchef Grube lässt sich im Kreis Rotenburg die möglichen Auswirkungen der Y-Trasse zeigen
Bahnchef Grube lässt sich im Kreis Rotenburg die möglichen Auswirkungen der Y-Trasse zeigen Quelle: Döhner
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Brokel

Den Ort Brockel würde die Y-Trasse teilen. „Das liegt auf unseren Nerven“, sagt Kühsel am Gartenzaun zu Bahnchef Rüdiger Grube. „Seit 20 Jahren“, schiebt der Rentner nach und rückt den Sonnenhut aus der Stirn. Grube nickt verständnisvoll.

Am Sonnabend hat sich der Bahnchef von Bürgerinitiativen rund um Rotenburg zeigen lassen, was die Y-Trasse für die Region bedeuten würde. Mehr Dialog und Bürgerbeteiligung bei Großprojekten hatte Grube den Kritikern bei einem ersten Gespräch in der Nähe von Walsrode vor gut einer Woche versprochen. Ein zweites „Stuttgart 21“ soll es nicht geben. Auch bei den Anwohnern in Brockel kommt die neue Offenheit gut an. „Schön, dass mal einer von Ihnen da ist“, sagt Rentner Kühsel zu Grube. Er zeigt auf ein Dutzend riesiger Eichen hinter seinem Haus: „Da würden die Züge lang fahren.“ Grube nickt wieder.

Die ersten Planungen zur Y-Trasse stammen aus den frühen neunziger Jahren. Was ursprünglich als Hochgeschwindigkeitsstrecke für den Personenverkehr gedacht war, soll jetzt zur Entlastung des stark angewachsenen Güterverkehrs vor allem aus den Häfen dienen. So alt wie die Idee ist auch der Widerstand dagegen. Das Milliardenprojekt sei nicht nur viel zu teuer, sondern zerstöre auch wertvolle Schutzgebiete, argumentieren die Gegner. Statt neue Trassen zu errichten, solle man lieber bestehende Strecken ausbauen oder alte reaktivieren wie beispielsweise die alte „Amerikalinie“, die von Bremerhaven über Langwedel, Soltau, Uelzen nach Stendal führte. „Dass es mehr Frachtaufkommen gibt und die bestehenden Strecken überlastet sind, bestreitet niemand“, sagt Hannes Wilkens von der Gruppe „Bürger für Umwelt“ aus Visselhövede (Kreis Rotenburg/Wümme). Nur die Y-Trasse sei eben der falsche Weg, dies Problem zu lösen. „Ökonomisch und ökologisch unsinnig“, meint Dirk Eberle, Vorsitzender des Umweltschutzverbandes Bothel/Brockel.

Vier Anti-Y-Trassen-Initiativen haben sich mittlerweile gegründet, zwei davon in der Region Hannover. „Früher wurden Entscheidungen der Bahn einfach nicht angezweifelt“, sagt Christoph Chilla von der Gruppe „Bürger für eine lebenswerte Wedemark“. „Wenn es hieß, von A nach B muss eine Eisenbahn gebaut werden, dann wurde eine gebaut und basta.“ Durch das Internet seien die Möglichkeiten zur Mitbestimmung aber immens gestiegen.

Mehr Mitbestimmung hat auch Bahnchef Grube den Anliegern und Kritikern der Y-Trasse schon am 20. Juli versprochen. Am Sonnabend, auf dem Bauernhof von Heinrich Lackmann in Visselhövede, wiederholt er sein Versprechen: „Wir werden nichts gegen die Bevölkerung durchdrücken.“ Es werde eine ergebnisoffene Prüfung aller möglichen Varianten geben. „Wirklich aller?“, fragt ein Kritiker. „Aller!“, versichert Grube. Dazu gehöre die ursprüngliche Trassenführung genauso wie eine etwas weiter östlich liegende Gütertrasse, aber auch der Ausbau vorhandener Strecken. Ende November will man sich wieder treffen und über erste Zwischenergebnisse reden. Bis Ende März 2013 soll der Abschlussbericht auf dem Tisch liegen.

Ein Ende der schier unendlichen Geschichte Y-Trasse wäre auch für Landwirt Lackmann (62) schön. So wie Helmut Kühsel aus Brockel lebt auch der Kartoffel- und Milchbauer aus Visselhövede seit Jahren unter dem Damoklesschwert, dass er seinen Hof verlieren könnte. Die Planungen zur Y-Trasse sind älter als seine Tochter Maria. Das Mädchen würde den Hof mit ihrem Bruder gern übernehmen. „Aber wie soll man investieren, wenn man nicht weiß, wie es weitergeht?“, sagt die 16-Jährige.

Lackmanns Anwesen, seit 100 Jahren im Familienbesitz, würde gleich an zwei Seiten zerschnitten, käme die Y-Trasse in ihrer ursprünglichen Planung. Der Wald mit seinen Hügelgräbern und Bäumen, in denen der Rote Milan brütet, würde zerstört, die Hälfte des Acker- und Weidelandes ginge verloren. Ersatzflächen sind schwer zu bekommen. Durch den Boom der Biogasanlagen ist Land knapp – und teuer.

„Ich habe wunderschöne Landschaft gesehen und viele stolze Bürger kennengelernt“, resümiert Grube am Ende seiner Rundreise. „Ich kann verstehen, dass viele nicht wollen, dass eine Bahntrasse ihre Gegend zerschneidet.“ Andererseits brauche ein Industriestandort wie Deutschland aber auch moderne Infrastruktur. Wichtig sei es, gemeinsam im Dialog eine Lösung zu finden. Ende gut, alles gut? Trotz Grubes Charmeoffensive bleibt da ein kleiner Rest Skepsis: „Der Besuch war ein Anfang“, sagt Elke Motzkau von der Gruppe „Bürger für Umwelt“.

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