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Der Norden Der Libero unter den Pastoren
Nachrichten Der Norden Der Libero unter den Pastoren
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18:21 18.06.2014
Von Christian Link
Foto: Gefängnispastor Ulrich Tietze in seinem Büro in Vinnhorst.
Gefängnispastor Ulrich Tietze in seinem Büro in Vinnhorst. Quelle: Christian Link
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Hannover

Gefängnispastor Ulrich Tietze macht sich keine Illusionen. „Ich weiß, dass ich nicht alle Häftlinge erreichen kann“, sagt der 59-Jährige. Seit zwölf Jahren ist er Seelsorger in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Hannover und kennt die Verhältnisse dort genau. Der überwiegende Teil der Häftlinge habe ein Suchtproblem und kaum noch Berührung mit der bürgerlichen Welt.

Tietze glaubt nicht, dass ausgerechnet er die verlorenen Schafe zurück in die Herde führen kann. Er sehe es nicht als seine Aufgabe, die JVA-Insassen zu verbessern oder zu verändern. „Religion heißt für mich, die Verbindung zu Gott nicht abreißen zu lassen“, sagt der Theologe. Als Seelsorger könne er die Häftlinge nur dazu bringen, sich wieder selbst mit Glaubensfragen und religiösen Themen zu beschäftigen.

Zu diesem Zweck leitet Tietze seit elf Jahren ein Theaterprojekt mit Gefangenen. Dabei lässt der Pastor der Gruppe viele Freiheiten und beschränkt sich in der Regel auf Organisation sowie Regie. Von den zehn Stücken haben die ständig wechselnden Teilnehmer acht selbst geschrieben. „Da sind tolle Texte entstanden, manche Stelle finde ich einfach faszinierend“, sagt er. Meistens gehe es dabei um die Frage der Menschlichkeit.

Für die Häftlinge sei das Theater in der Gefängniskirche wie ein „Ausbruch aus einer Welt voller Zwänge“. Allerdings fordert auch der Pastor Disziplin ein. Wenn es drunter und drüber geht, zeigt der ansonsten ruhige Familienvater seine emotionale Seite: „Manchmal muss ich durchgreifen und sagen: Hier ist nicht der Gefängnishof, hier ist das Haus Gottes.“ Einmal vor einigen Jahren hätten ihn die Gefangenen so richtig auf die Palme gebracht. „Da flog dann auch ein Stuhl durch die Kirche, danach spielten sie wie junge Götter“, erzählt Tietze. Es sei aber der einzige Vorfall gewesen, bei dem Kirchenmobiliar in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Seit August 2013 ist Tietze außerdem als Krankenhausseelsorger im Henriettenstift tätig. „Das sind beides intensive Arbeitsfelder, wo man es mit den Grenzfällen des Lebens zu tun hat“, sagt er. Das Krankenhaus sei der normalen Gemeindearbeit aber wesentlich näher und für ihn auch eine heilsame Erfahrung. In der Klinik begegne er auch wieder Menschen, deren Lebensgeschichten nicht von Gewalt und Destruktion geprägt sind. „Die Gefängnisseelsorge kann man nur lange machen, wenn man gut auf sich acht gibt“, sagt Tietze. Von Anfang an habe er deswegen Tagebuch geführt. Mittlerweile sei er bei 10 Bänden mit 4000 Seiten angelangt. Dazu nehme er wie alle Gefängnispastoren Supervision in Anspruch.

In seinem Privatleben geht Tietze vollkommen auf Distanz zu seinem Beruf. Beim Doppelkopfabend mit Ehefrau Christiane, Tochter Hannah und Schwiegersohn Sven gebe es zum Glück ganz andere Probleme zu lösen. „Die grundlegende Frage ist jedes Mal: Pflichtsolo oder kein Pflichtsolo“, sagt Tietze. Manchmal ist der Familienmensch aber auch gerne allein. Vor allem, seitdem er vor 13 Jahren in Jordanien die Liebe zur Wüste entdeckt hat. „Sich dieser Landschaft ganz auszusetzen ist eine der intensivsten Selbsterfahrungen“, sagt er. Durch das Gefängnis und die Wüste wisse er mehr von sich selbst als durch alles andere.

„Die Wüste hat sich tief in meine Seele eingegraben“, sagt Tietze. In der Sahara habe er manchmal geglaubt, er sei auf einem anderen Planeten. Der Vielfältigkeit, Unendlichkeit und Schönheit der Wüste hat er sogar ein ganzes Buch mit dem Titel „Stille Weite Wüste“ gewidmet. „Mit diesem Buch habe ich mir einen Lebenstraum erfüllt“, sagt der Autor.

Mit 18 Jahren hat er bereits angefangen, die ersten Gedichte zu schreiben. „Schreiben macht mir einfach Spaß, das ist ein liebes Hobby und nie Stress“, sagt Tietze. Mehrere Aufsätze und Bücher über die Gefängnisseelsorge hat er veröffentlicht. Nach seiner Pensionierung will der Pastor auch einen „Knastroman“ schreiben. Vor dem nahenden Ruhestand hat der 59-Jährige keine Angst: „In der Wüste habe ich gelernt, einfach mal still zu sitzen und ruhig in die Welt zu träumen.“

Damit ist Tietze, der früher einmal im Marketing und in der Werbung tätig war, einen weiten Weg gegangen. „Im Marketing wird mit Lügen gearbeitet, ich möchte in Beruf und Privatleben authentisch sein“, sagt der 59-Jährige. Also suchte er sich eine neue Berufung und zog durch die Welt, bis ihm ein guter Freund sagte: „Manchmal denke ich, du wärst ein guter Pastor.“ - „Da ging für mich eine Tür auf“, erinnert sich Tietze.

In Celle begann er daraufhin mit dem Theologiestudium, wo er bei der Eignungsprüfung auch seine Frau Christiane kennen und bald lieben lernte. Mittlerweile sind die beiden sei 34 Jahren verheiratet und Tietze arbeitet seit 25 Jahren als Pastor. „Fromm gesagt: Gott hat das toll gefügt.“

Als glückliche Fügung empfindet Tietze auch seinen Wechsel vom Gemeinde- zum Gefängnispastor. „Als Gemeindepastor habe ich immer ein wenig darunter gelitten, dass ich zu wenig Zeit für Besuche hatte.“ Einen großen Teil seiner Zeit habe er stets für die Verwaltung des Pfarrbezirks aufwenden müssen. Als Gefängnis- und Krankenhauspastor müsse er das nicht mehr. „Ich gehe dahin, wo’s brennt, fußballerisch gesehen bin ich der Libero“, sagt er.

18.06.2014
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