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Der Norden Der „Maskenmann“ weint um sich selbst
Nachrichten Der Norden Der „Maskenmann“ weint um sich selbst
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09:35 28.02.2012
Von Wiebke Ramm
Bis zuletzt bleibt der Mensch Martin N. verborgen: Der Verurteilte versteckt im Gericht sein Gesicht. Quelle: dpa
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Stade

Ganz zum Schluss wendet sich der Vorsitzende Richter noch einmal direkt an den Angeklagten. „Herr N.“, sagt Richter Berend Appelkamp: „Ihnen steht ein langer neuer Weg im Leben bevor.“ Doch in diesem Rechtsstaat gelte, „dass immer auch die Hoffnung bleibt“. Martin N. sieht den Richter an. Es ist einer der wenigen Momente dieses Prozesses, in denen er überhaupt jemanden direkt anschaut.

Die Schwurgerichtskammer des Landgerichts Stade hat Martin N. am Montag des dreifachen Mordes und vielfachen Missbrauchs an Kindern schuldig gesprochen. Die Kammer  verhängte eine lebenslange Freiheitsstrafe, stellte die besondere Schwere der Schuld fest und ordnete zudem die Sicherungsverwahrung an. Es ist die höchstmögliche Strafe, die das Strafgesetzbuch hergibt. Sollte das Urteil rechtskräftig werden, wird es für den 41 Jahre alten Pädagogen ein Leben in Freiheit für sehr, sehr lange Zeit nicht mehr geben. Vielleicht nie mehr.

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Es gibt da dieses Kinderspiel. „Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“, ruft ein Kind. „Niemand!“, antworten die anderen. „Und wenn er kommt?“ „Dann laufen wir!“ Dann wird gerannt. Zumeist unter großem Gejohle. Vielleicht liegt es auch an diesem Spiel, dass die Erzählungen mancher Opfer vom schwarzen Mann als Albträume abgetan wurden. Doch dieser Albtraum war real. Martin N. hat die Schreckensfigur des schwarzen Mannes zum Leben erweckt.

Mindestens zehn Jahre lang hat Martin N. sich in Zeltlagern, Schullandheimen und Wohnhäusern in Norddeutschland mit schwarzer Sturmmaske über dem Gesicht an die Betten schlafender Jungen geschlichen und sich an ihnen vergangen. Gegenüber dem psychiatrischen Gutachter hat der gebürtige Bremer von rund 50 Missbrauchstaten gesprochen. Doch zahlreiche Taten sind verjährt, einige ihm nicht mehr nachzuweisen.

Martin N. trifft die volle Härte des Gesetzes, weil das Gericht eine „besonders hohe Rückfallgefahr“ sieht. N. ist sexuell auf Jungen ausgerichtet, pädophil. Der ­forensische Psychiater, Norbert Nedopil aus München, hatte außerdem festgestellt, dass N. zwar nicht an einer Persönlichkeitsstörung leidet, aber ein seiner selbst unsicherer, zwanghafter Mensch mit großer Verdrängungskraft und mangelnder Empathie ist. Therapieren lässt sich dies nach heutiger Erkenntnis schwer. Das Gericht hält Martin N. für eine tickende Zeitbombe, vor der die Gesellschaft auf Dauer geschützt werden muss.

Trotzdem sagt Richter Appelkamp: „Herr N., Sie sind und bleiben immer ein Mensch.“ Er schaut Martin N. noch immer an. Doch seine Worte gelten auch Ulrich J., dem Vater von Stefan, dem ersten Mordopfer. „Auch noch mit 65 oder 80 Jahren wird er in der Lage sein, einem kleinen Jungen den Hals zuzudrücken“, hatte Ulrich J. an einem der vergangenen Verhandlungstage gesagt. In seiner Stimme lag die ganze Trauer um seinen Sohn, den Martin N. vor 20 Jahren erwürgt hatte, als er anfügte: „Ich möchte nur die Hoffnung ausdrücken, dass diese Kreatur in der Haft sterben wird.“

„Die Begrifflichkeit Kreatur ist einem sehr leidenden Vater nachzusehen“, sagt Appelkamp, dann wird sein Tonfall schärfer: „Sie hat im Gerichtssaal nichts zu suchen.“ Er hoffe, fährt der Richter nun wieder sanfter fort, dass die Angehörigen mit Abschluss des Prozesses zur Ruhe kommen werden.

Martin N. sitzt da, wie er immer dagesessen hat: Die Hände unterm Tisch gefaltet, den Blick schräg nach vorne ins Leere gerichtet. Sein Vollbart ist seit Beginn des Prozesses immer zotteliger geworden. Manche meinen, er sei auch grauhaariger geworden über die Zeit, dabei hat sich der weiße Fleck in seinem Haar – eine Pigmentstörung rechts am Kopf – nur ausgebreitet, weil die Haare länger geworden sind.

Was Martin N. wirklich von dem Prozess mitbekommen hat, blieb lange unklar. Hat er es aufgenommen, wie Gutachter und Nebenkläger darüber diskutierten, ob er die toten Kinder sofort im Sand vergraben hat oder noch irgendetwas anderes mit den Leichen anstellte? Sah er den achtjährigen Dennis R. vor sich, als der Richter am Montag das Mordmerkmal der Heimtücke daran festmachte, dass das Kind auf dem Boden spielte, als N. ihm von hinten die Hände um den Hals legte und zudrückte?

Dass Martin N. den ganzen Prozess aufmerksam verfolgt hat, wird erst klar, als er am letzten Verhandlungstag vor dem Urteil plötzlich zu sprechen beginnt. Er geht auf alle Vorwürfe ein. Auch auf den Vorwurf, er verheimliche weitere schwere Straftaten. Martin N. spricht die beiden ungeklärten Morde an Jungen in den Niederlanden und Frankreich an. „Für diese Fälle bin ich nicht verantwortlich.“ Er ruft es fast in den Saal. Und er weint. Er hoffe, im Gefängnis sein Leben therapeutisch aufarbeiten zu können. Die einzige Hoffnung, die ihm bleibe, sei, „als veränderter Mensch irgendwann einen Neuanfang starten zu können“, sagt er.

Der Vorsitzende Richter glaubt den Tränen des „Maskenmannes“ nicht. Appelkamp spricht von „verbalisierter Reue“. Er scheint nicht davon überzeugt zu sein, dass Martin N. wirklich bereut, was er getan hat, sondern doch wieder nur sich selbst bemitleidet, wie es nach Erkenntnis des psychiatrischen Gutachters seiner Persönlichkeit entspricht.

„Danke“, sagt Babette K., die Mutter  des 2001 entführten und ermordeten Dennis K., nach dem Urteilsspruch zu ihrer Anwältin und lacht. Es ist das erste Mal, dass man sie lachen sieht. Familie J. lacht auch einmal kurz auf. Da hatte Richter Appelkamp gerade gesagt, dass im Mordfall Dennis K. das Mordmerkmal Heimtücke „nicht vorschriftsgemäß“ erfüllt sei. Es ist ein bitteres Lachen.

Michael R., Vater von Dennis R., ist aus gesundheitlichen Gründen nicht im Saal. So muss er nicht hören, dass der Richter Martin N. glaubt, dass R.s damals achtjähriger Sohn 1995 freiwillig mit dem schwarz maskierten Mann mitging, der ihn nachts im Zelt aus dem Schlaf gerissen hatte. Der Junge habe die Reise in ein Ferienhaus in Dänemark als „Abenteuer“ erlebt, sagt der Richter. Dennis’ Vater hält das für eine Lüge. Sein Sohn sei besonders im Dunkeln eher ängstlich gewesen. Der Junge hat die Reise nicht überlebt.

Martin W., der heute 27 Jahre alt wird und den der „Maskenmann“ zu Hause in seinem Bett missbraucht hat, als er zehn Jahre alt war, ist nach dem Urteil sichtlich erleichtert. Seine Mutter und seine Schwester sind an diesem Tag mit im Saal. „Es fühlt sich an, als ob ein riesiger Felsbrocken von mir gerollt ist“, sagt die Mutter. Ihr Sohn leidet seit dem Übergriff unter Schlafstörungen und Depression. Nun lächelt er.

Das Gericht spricht Michael R., Babette K. und Martin W. Schmerzensgeld zu: 10.000, 15.000 und 7500 Euro plus Zinsen für zwei tote Kinder beziehungsweise für Jahre des Leidens nach sexuellem Missbrauch. Familie J. hatte auf eine Schmerzensgeldforderung verzichtet.
Die Verteidiger Christian Esche und Ralph Wichmann wollen das Urteil nicht kommentieren. „Wir stehen noch unter dem Eindruck des Urteils“, sagt Esche  und verrät damit doch seine Unzufriedenheit mit der richterlichen Entscheidung. Die Anwälte werden wohl in Revi­sion gehen. Es sei denn, Martin N. hält sie selbst davon ab.

26.02.2012
Heinrich Thies 24.02.2012