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Der Norden Wird Janssens Gruft nach Vorwürfen geräumt?
Nachrichten Der Norden Wird Janssens Gruft nach Vorwürfen geräumt?
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00:17 09.11.2015
Von Michael B. Berger
 Nach den Missbrauchsvorwürfen gegen den verstorbenen Bischof Heinrich Maria Janssen wird nun diskutiert, ob seine Gebeine die Gruft unter dem Dom verlassen müssen. Quelle: Archiv
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Hildesheim/Hannover

Erst vor drei Jahren, im November 2012, war der 1988 verstorbene Janssen in die neu angelegte Bischofsgruft umgebettet worden. Das Opfer der sexuellen Übergriffe des Bischofs, ein heute 70 Jahre alter Mann, fordert, dass Janssens sterbliche Überreste aus dem Dom entfernt werden.

Weihbischof Heinz-Günter Bongartz, Missbrauchsbeauftragter der Kirche, ringt nach Worten. „In Phasen der Trostlosigkeit entscheidet man erstmal nicht.“ Es sei „völlig verfrüht“ jetzt schon Konsequenzen anzukündigen. Aber sicherlich werde es Gespräche darüber geben. Auch eine Bischof-Janssen-Straße gibt es in Hildesheim. Er selbst sei völlig fassungslos gewesen, als er davon hörte, dass sich Janssen über mehr als vier Jahre hinweg an einem Messdiener vergangen haben soll, sagte Bongartz. Denn Janssen war ein Mann, zu dem auch er emporblickte: „Er hat mich 1982 zum Priester geweiht.“

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Wie dem Weihbischof ging es am Freitag vielen, die in den Nachrichten hörten, dass der früher sehr populäre Hildesheimer Oberhirte ein Sexualtäter gewesen sein soll. Bischof Norbert Trelle, der sich ebenfalls bestürzt zeigte, will sich am Sonntag in einem Hirtenwort an alle Gemeinden des Bistums wenden, das von Cuxhaven bis Duderstadt reicht.

38 Missbrauchsfälle im Bistum Hildesheim

Der Fall Janssen ist nicht der einzige Missbrauchsfall im Bistum. 2011 hatte Bischof Trelle mögliche Missbrauchsopfer aufgefordert, sich bei einer unabhängigen Stelle des Bistums zu melden. Er hatte Gehör und Hilfe angeboten. Daraufhin wurden 38 Fälle von Missbrauch durch Kirchenleute angezeigt und als Täter 23 Personen angegeben, von denen nach Bistumsangaben allerdings schon 18 verstorben waren. Nur in vier Fällen kam es zu straf- und kirchenrechtlichen Verfahren, ein Fall sei bereits verjährt gewesen, hieß es gestern im Bistum Hildesheim. Viele Katholiken im Bistum reagierten schockiert auf die jüngste Missbrauchsnachricht: „Das macht mich sprachlos“, sagte Helmuth Nowitzki vom Gemeindevorstand St. Mauritius in Hildesheim. „Er war ein impulsiver Charakter, aber meist freundlich, und er konnte auf Menschen zugehen“, sagt ein Priester aus Hannover, der Janssen gut kannte: „Nie hätte ich so etwas vermutet.“

Als Bischof hatte Heinrich Maria Janssen sich meist volksnah gezeigt – und da er mehr als ein Vierteljahrhundert lang an der Spitze des Bistums stand, haben viele Katholiken persönliche Erinnerungen an ihn: „Er war sympathisch, zugewandt, bescheiden – umso mehr hat mich die Nachricht jetzt erschrocken“, sagt die 66-jährige Monika Wienhold-Quecke aus Laatzen, die Bischof Janssen in den Siebzigerjahren als Vertriebenenbischof erlebte. Auch Hannovers langjähriger evangelischer Stadtsuperintendent Hans-Werner Dannowski zeigte sich schockiert: „Er war ein so leutseliger, zuvorkommender Mann. Ein großer Marienverehrer, der in ökumenischen Fragen sehr offen war“, sagt Dannowski:
„Damals breitete man den Mantel des Schweigens über solche Taten“, sagt Christian Weisner von der Reformgruppe „Wir sind Kirche“: „Man hätte den Opfern niemals geglaubt.