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Der Norden Eine Seeräuberpistole
Nachrichten Der Norden Eine Seeräuberpistole
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00:15 24.01.2014
Von Karl Doeleke
Photo made on January 7, 2010 shows an armed Somali pirate along the coastline while the Greek cargo ship, MV Filitsa, is seen anchored just off the shores of Hobyo town in northeastern Somalia where its being held by pirates. A six-nation east African regional bloc on February 1, 2010 urged Somalia's two breakaway regions of Puntland and Somaliland to jointly battle Islamist militia which it said had extended to the areas. AFP PHOTO/ MOHAMED DAHIR Quelle: MOHAMED DAHIR
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Haren

Es war der 8. Mai 2010, als der Albtraum Wirklichkeit wurde. Das Telefon klingelte bei der Reederei OMC in ­Haren an der Ems, am anderen Ende meldete sich der Kapitän der „Marida Marguerite“: „We are under piracy attack!“ - wir werden von Piraten angegriffen.

Fast acht Monate dauerte die Geiselnahme. Kurz nach Weihnachten warf ein Flugzeug fünf Millionen Dollar Lösegeld über dem Schiff am Horn von Afrika ab. Die „Marida Marguerite“ war 234 Tage in der Hand der Kidnapper - so lange wie kein anderes deutsches Schiff zuvor. Die Piraten verschwanden mit der Beute in Schnellbooten. Kein Mensch hatte erwartet, je wieder von ihnen zu hören.

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Fast vier Jahre später aber steht vom heutigen Dienstag an einer der Kidnapper in Osnabrück vor Gericht. Zumindest glaubt die Staatsanwaltschaft Osnabrück, dass der Somalier, der sich Salaax M. nennt, an der Entführung beteiligt war. Wie sie darauf kommt? Akribische Ermittlungsarbeit hat sie darauf gebracht, auch ein Zufall. Menschliche Not spielt eine Rolle, menschliche Grausamkeit - und vielleicht auch unfassbare Naivität.

Salaax M. ist der deutschen Justiz praktisch in die Arme spaziert.

Im April 2013 meldet sich der etwa 44 Jahre alte Mann bei den Behörden in München. Er sei aus Somalia geflohen, dem von Terror, Hungersnöten und Bürgerkrieg zerrissenen Land am östlichen Zipfel Afrikas, er ersuche um Asyl. So weit, so traurig alltäglich. Routinemäßig nehmen die Münchener die Fingerabdrücke des Flüchtlings, routinemäßig werden sie mit der Datenbank des Bundeskriminalamts abgeglichen. Ein Volltreffer.

Fingerabdrücke von mehr als 100 Menschen hatten niedersächsische Polizeibeamte nach dem Ende der Geiselnahme an Bord der „Marida Marguerite“ gesichert. 16 Sätze, so stellte sich nun heraus, entsprachen denen des Asylbewerbers. Die Fahnder waren begeistert: Fünf Ermittlungsverfahren führt die Staatsanwaltschaft Osnabrück derzeit wegen der Entführung von Schiffen, deren Reeder sich entlang der Ems in Haren, Papenburg und Leer angesiedelt haben. Bis vor einem Jahr war nicht zu erwarten, dass sie jemals ­eines Verdächtigen habhaft werden. Nun aber steht Salaax M. wegen erpresserischen Menschenraubs und gefährlicher Körperverletzung vor dem Landgericht. Ihm drohen fünf bis 15 Jahre Haft.

Mehrere Hundert Schiffe weltweit sind seit 2010 von Piraten gekapert worden. Doch es ist erst der zweite Piraterieprozess der Moderne in Deutschland. Im ersten Verfahren hat das Landgericht Hamburg im Oktober 2012 zehn Somalier zu Haftstrafen zwischen zwei und sieben Jahren verurteilt. In Niedersachsen standen seit ungefähr 400 Jahren keine Seeräuber mehr vor Gericht.

Liegt die Staatsanwaltschaft Osnabrück richtig, dann war Salaax M. an ­einer ungewöhnlich brutalen Entführung beteiligt. Er soll für die Versorgung des Schiffes mit Lebensmitteln zuständig ­gewesen sein. Auch habe er die Buchführung und die Verteilung des Lösegeldes übernommen - auf dem Heft, in dem die Summen und die Namen der Empfänger festgehalten worden waren, sollen seine Fingerabdrücke sein.

Der Pflichtverteidiger des Somaliers, der Osnabrücker Rechtsanwalt Jens Meggers, bezweifelt, dass sein Mandant überhaupt korrekt identifiziert worden ist. Unklar sei, welche Rolle er bei der Lösegeld­erpressung gespielt hat. Die Aussagen der Crewmitglieder seien widersprüchlich und nach vier Jahren ungenau. „Mal war mein Mandant nur der Frisör der Piraten, mal ein Wachmann, mal sogar der Investor. Für alles gibt es Aussagen.“ Meggers hat Zweifel, dass Salaax M. ein faires Verfahren bekommt. Landeskriminalamt (LKA) und Staatsanwaltschaft, sagt er, wollten einen Erfolg um jeden Preis.

Sicher ist zumindest, dass der Somalier auf dem Tanker war, der mit Benzol und Öl auf dem Weg nach Rotterdam war. ­Sicher ist auch, dass die Piraten gnadenlos zu Werke gingen. Oleg Dereglazov hat das als Erster Offizier erlebt. Der Ukrainer soll vor Gericht aussagen und hat bereits mehrmals geschildert, was der Crew - 22 Männer aus Indien, Bangladesch, der Ukraine - widerfahren ist: „Es war Mittag, mit Panzerfäusten haben sie über das Deck hinweggeschossen.“ Auf dem Tanker hätten zunächst sechs Piraten mit Kalaschnikows um sich geballert. Sie zwangen den Kapitän, sein Schiff in somalische Gewässer zu steuern. Das acht Monate dauernde Martyrium begann.

Kurz darauf klingelte in Haren zum zweiten Mal das Telefon. Es meldete sich ein gewisser Ali Jama als Verhandlungsführer der Piraten. Er forderte 15 Millionen Dollar Lösegeld, „oder schreckliche Dinge werden passieren, die vorher kein Mensch gesehen hat“. Es sei ein Leichtes, die Crew zu töten und das Schiff in die Luft zu jagen. Die Drohungen hat das LKA auf Tonband gesichert. In Haren war ein Krisenstab eingerichtet worden, der Staatsanwalt hatte ein Verfahren eröffnet und Experten an die Ems geschickt.

Ständig standen die Entführer mit der Reederei in Kontakt. Immer heftiger wurden die Drohungen. Anhand der Aufnahmen lässt sich nachvollziehen, was in den folgenden Monaten an Bord passiert ist. Die Piraten wollten von ihrer extrem hohen Forderung nicht abrücken. Sie hatten aus ihrer Sicht den Jackpot geknackt: ein deutsches Schiff, nur zwei Jahre alt und 25 Millionen Dollar wert mit einer zehn Millionen Dollar teuren Ladung an Bord. Doch die Reederei blieb hart. Also erhöhten die Piraten den Druck. Dereglazov musste in Haren anrufen und erzählen, die Seeräuber hätten den Kapitän erschossen und würden einen nach dem anderen aus der Crew töten. „Ich hatte ein Gewehr an der Schläfe.“ Das LKA wertete das zu dem Zeitpunkt noch als „normales Bedrohungsszenario“ und hatte recht: Die Somalis blufften, der Kapitän lebte.

Doch nach sechs Monaten fingen die von der Kaudroge Khat aufgeputschten Piraten an, die Crew zu misshandeln - die Zeit ist der Besatzung als „black September“, als schwarzer September, in Erinnerung. Tag und Nacht wurden die Männer gefoltert. Die Seeleute wurden an Armen und Beinen gefesselt, mussten stundenlang in schmerzhafter Position ausharren. Einigen Männern wurden die Genitalien abgeschnürt, es gab Scheinhinrichtungen. Dereglazov wurde nackt bei minus 17 Grad in der Kühlkammer an einem Fleischerhaken aufgehängt. „So haben sie uns mehr als einen Monat lang gefoltert“, erzählte einer der indischen Seeleute der „Times of India“. Es gab nicht genug zu essen, nicht genug zu trinken. „Wir hatten immer Angst um unser Leben“, und die Piraten haben mit dieser Angst gespielt: Der Kapitän wurde drei Wochen an einen Stuhl gekettet eingesperrt. Die Crew sollte denken, er sei tot.

Ob Salaax M. dafür verantwortlich gemacht werden kann? Er lernt jetzt Deutsch, erzählt sein Anwalt. Er versteht, dass die anderen Häftlinge in der Untersuchungshaft ihn den Piraten nennen. Salaax will das nicht. Er sagt, er sei nur ein Nomade, der in die Fänge der Seeräuber geraten sei. Und er sagt, dass er nicht dumm sei. Wenn er wirklich als Pirat ein deutsches Schiff gekapert hätte, dann hätte er sich niemals in Deutschland um Asyl beworben.

„Neue Angriffe in Westafrika

Ralf Nagel vom Verband
Deutscher
 Reeder im Interview

Herr Nagel, verhandeln deutsche Reeder aktuell über Lösegeld für entführte Schiffe?
Nein. Es ist kein deutsches Schiff in der Hand von Piraten. Allerdings sind im vergangenen Jahr vor Westafrika zwei deutsche Schiffe entführt und neun Geiseln genommen worden – das war dort bis dato nicht passiert. Sie kamen glücklicherweise wieder frei.

Wie viele deutsche Schiffe waren in den vergangenen Jahren in der Gewalt von Piraten?
Am Horn von Afrika wurden insgesamt 15 deutsche Schiffe entführt. Teilweise haben die Piraten die Besatzung über Monate in Geiselhaft gehalten. Dazu gekommen sind jetzt die beiden Fälle vor Westafrika.

Gibt es Schätzungen darüber, wie viel Lösegeld die Reeder bezahlt haben?
Die Reedereien halten diese Informationen bewusst zurück, um den Piraten keine Anreize zu liefern, bei einer weiteren Entführung noch höhere Summen zu verlangen. Es ist davon auszugehen, dass in den vergangenen Jahren für deutsche und andere Seeschiffe insgesamt Lösegelder im dreistelligen Millionenbereich gezahlt wurden.

Ist das Problem noch immer so gravierend wie 2010, als die „Marida Marguerite“ entführt wurde?
Die Piraterie am Horn von Afrika wurde durch das Zusammenwirken der Marinestreitkräfte, die passiven Schutzmaßnahmen der Reeder sowie private Sicherheitskräfte an Bord massiv zurückgedrängt. Solange aber an Land keine rechtsstaatlichen Strukturen und wirtschaftlichen Perspektiven entstehen, bleibt die Piraterie eine ernsthafte Bedrohung für die Seeleute und unsere Handelswege. Mit großer Sorge beobachten wir die zunehmenden Piratenangriffe vor Westafrika, wo die Piraten noch brutaler gegen die Besatzungen vorgehen.

Interview: Karl Doeleke

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