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Der Norden Erdgasförderung für Erdbeben verantwortlich?
Nachrichten Der Norden Erdgasförderung für Erdbeben verantwortlich?
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18:02 15.02.2012
Von Gabriele Schulte
Bürgermeister Herbert Zimmermann hat mit der ExxonMobil-Gasförderung keine Probleme. Quelle: Schulte
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Tewel

Ein Erdbeben, wieder einmal. Karin Becker ist erleichtert, dass weiter nichts passiert ist. Als am Montagmorgen um vier Minuten nach sieben, kurz nach dem Frühstück, ein Rumms die ganze Familie vor die Tür trieb, hatte sie Schlimmeres befürchtet.

"Es war ein Knall wie bei einem Gewitter“, erzählt die Rentnerin. „Wir dachten, das neue Blockheizkraftwerk auf unserem Grundstück sei explodiert.“ Auch der Gedanke an einen Lastwagenunfall sei ihr durch den Kopf geschossen. Das Erdbeben der Stärke 3,0 hingegen hat keine Schäden verursacht – weder auf dem Gelände von Beckers Landmaschinenhandel, noch sonstwo in Tewel oder Umgebung. Dass es nach Ansicht der Bundesanstalt für Geowissenschaften mit der nahen Erdgasförderung zu tun haben könnte, scheint niemandem Angst zu machen.

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Neuenkirchen-Tewel im Heidekreis haben die Seismografen als Epizentrum des Bebens ausgemacht. Doch viele in dem 570-Einwohner-Dorf mit zehn Vollerwerbshöfen und etlichen Fachwerkhäusern haben das Ereignis schlichtweg verschlafen. Auch Ortsbürgermeister Herbert Zimmermann und seine Frau Monika bekamen diesmal nichts mit. Als 2004 Erdstöße bis zur Stärke 4,5 die Gegend und auch Tewel erschütterten, war das anders. „Damals dachte ich, unter mir bricht der Boden ein“, erinnert sich die 57-jährige Mitarbeiterin einer Kunstgalerie. Danach habe es offiziell geheißen, das Beben habe nichts mit der seit Jahrzehnten dort betriebenen Gasförderung zu tun. „Spannend, dass nun doch von einem Zusammenhang gesprochen wird.“ Angst vor möglichen zukünftigen Erdbeben, sagt Monika Zimmermann, habe sie aber nicht.

Die Gasförderung durch sogenanntes Fracking steht immer wieder in der Kritik. Sogar Erdbeben soll diese Suche nach Erdgas verursachen.

Das gilt auch für den Bürgermeister. Mit dem Gasförderer arbeite er in Alltagsdingen wie der Erhaltung der auch von ExxonMobil beanspruchten Wirtschaftswege gut zusammen, berichtet der frühere Berufssoldat: „Wenn wir von der Ortschaft mal Geld brauchen, betteln wir da schon mal.“ Die Firma habe den Gemeinderat auch mit einem Expertenvortrag über das umstrittene Fracking-Verfahren informiert. „Sie sagten, dass das allgemein üblich ist.“

Auf den Gasfeldern bei Söhlingen, die bis unter Teweler Kartoffeläcker reichen, wird die Pressmethode allerdings nach Angaben einer ExxonMobil-Sprecherin seit Juni 2010 nicht mehr angewendet. „Laut Geoforschungszentrum lag der Herd des Bebens in einer Tiefe von zehn Kilometern“, fügt sie hinzu. Die tiefste Bohrung im Erdgasfeld Söhlingen liege bei rund 5700 Metern. „Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass es im Raum Söhlingen bereits 1977 ein Erdbeben gab, also weit vor der Aufnahme einer Erdgasförderung.“

Das Landesamt für Bergbau kündigt unterdessen an, es werde einen möglichen Zusammenhang von Erdbeben und Erdgasförderung prüfen. Zur Überwachung der Erdgasförderung habe die Erdgasindustrie in Niedersachsen auf Aufforderung des Landesamtes 2007 ein Kontrollsystem mit sechs Stationen eingerichtet. Es solle im März um sechs Messstationen erweitert werden. Das Landesamt erhofft sich von Daten über die Tiefe der Erdstöße genauere Erkenntnisse. Grundsätzlich könne nicht ausgeschlossen werden, dass leichte Erschütterungen im Zusammenhang mit der Erdgasförderung auftreten können, sagt auch Hartmut Pick, Sprecher des Wirtschaftsverbandes Erdöl- und Erdgasgewinnung in Hannover. „Schäden hat es hierdurch bisher nicht gegeben, sie sind auch nicht zu erwarten.“

Der Schneverdinger Grünen-Politiker Christopher Schmidt hätte sich in der Vergangenheit bessere Informationen gewünscht. Im Heidekreis werde Fracking nicht angewendet, habe er im vergangenen Jahr als Antwort auf eine Anfrage im Kreistag bekommen. Ein Leck in einer Söhlinger Rohrleitung 2007, bei dem Erdreich mit Benzol verunreinigt wurde, ist zwar nicht auf Fracking zurückzuführen, hat die Anwohner aber misstrauischer gemacht.

An einer der Gasstationen in der Teweler Feldmark kontrollieren am Dienstag zwei Elektriker die Pumpen und Bohrlöcher. Ein Routinetermin ohne Zusammenhang zu dem Erdbeben, versichern sie. „Alles in Ordnung.“

14.02.2012