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Der Norden Ermittlungen gegen Ex-SS-Mann aus Nordstemmen
Nachrichten Der Norden Ermittlungen gegen Ex-SS-Mann aus Nordstemmen
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19:34 08.10.2017
Quelle: Symbolbild
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Nordstemmen/Celle

Die Generalstaatsanwaltschaft in Celle hat die Ermittlungen gegen einen Mann aus der Gemeinde Nordstemmen (Kreis Hildesheim) übernommen, der als SS-Mann an einem Massaker an Zivilisten in Frankreich beteiligt gewesen sein soll. Zuständig ist der Ermittler, der bereits die Anklage gegen den als „Buchhalter von Auschwitz“ zu vier Jahren Haft verurteilten SS-Mann Oskar Gröning in Lüneburg vertreten hatte. Damit ist ein Prozess gegen den hochbetagten Nordstemmer vor dem Hildesheimer Landgericht wahrscheinlicher geworden.

Geständnis bei Razzia

In dem Fall geht es um das Massaker in Villeneuve d’Ascq, einem Vorort der Stadt Lille in Nordfrankreich. Dort soll die 12. SS-Panzerdivision „Hitlerjugend“ in der Nacht vom 1. auf den 2. April 1944 insgesamt 86 Männer, Frauen und Jugendliche im Alter von 15 bis 75 Jahren erschossen haben. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Nordstemmer als Unteroffizier in der Aufklärungsabteilung der SS-Einheit diente. Dass er selbst geschossen hat, soll er bei einer Razzia Ende Januar 2016 in seiner Wohnung gegenüber Polizisten erklärt haben.

Zunächst hatte die Staatsanwaltschaft Dortmund die Ermittlungen gegen den Nordstemmer und mehrere andere Beschuldigte geführt. Bei der Behörde ist die „Zentralstelle des Landes Nordrhein-Westfalen für die Bearbeitung von nationalsozialistischen Massenverbrechen“ angesiedelt. Deren Leiter, Oberstaatsanwalt Andreas Brendel, hat die Ermittlungen nun an die Staatsanwaltschaft Hildesheim abgegeben, weil Nordstemmen in deren Zuständigkeitsbereich liegt.

Gleich darauf zog die Generalstaatsanwaltschaft in Celle den Fall an sich. „Das hat rein fachliche Gründe, wir haben mit Oberstaatsanwalt Jens Lehmann einen absoluten Fachmann für diese komplizierte Materie“, erklärte ein Sprecher der Ermittlungsbehörde den Schritt. Käme es zur Anklage, wäre gleichwohl das Landgericht in Hildesheim zuständig.

Dass die Ermittlungen in Niedersachsen weitergeführt werden, zeigt zweierlei: Der Beschuldigte, obschon inzwischen Mitte 90, ist aus Sicht der Staatsanwälte noch verhandlungs- und schuldfähig. Und: Es liegt offenbar genug Beweismaterial vor, dass eine Anklage möglich scheint. Wäre das nicht so, hätte der Dortmunder Ermittler Brendel die Ermittlungen von sich aus eingestellt. „Dafür habe ich aber keinen Grund gesehen“, erklärte er auf Nachfrage der HAZ.

Möglich wäre also zumindest eine Anklage wegen Beihilfe zum Mord - dieses Delikt verjährt ebenso wenig wie Mord selbst. Für eine Verurteilung wegen Beihilfe würde bereits der Nachweis einer leichten Helfer-Tätigkeit genügen.

In Villeneuve d’Ascq werden die Ermittlungen zu dem Massaker aufmerksam verfolgt. Bürgermeister Gérard Caudron sagte der HAZ, es spreche für Deutschland und für eine starke Demokratie, dass die hiesige Justiz auch mehr als 70 Jahre nach dem Massaker noch versuche, Täter zu finden und zu verurteilen. In Villeneuve d’Ascq leben nach Angaben von dort noch rund 125 Söhne und Töchter von Opfern des Massakers.

Von Tarek Abu Ajamieh