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Der Norden Mit Tempo 167 geht es steil nach unten
Nachrichten Der Norden Mit Tempo 167 geht es steil nach unten
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10:22 13.11.2015
Der Bremer Fallturm. Quelle: dpa
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Bremen

Auch wer sich in der Hansestadt nicht auskennt, kann diesen Turm kaum verfehlen. Wie ein Minarett oder riesiger Bleistift ragt er in den Himmel über Bremen. Mit seinen 146 Metern Höhe ist er eine europaweit einmalige Forschungseinrichtung: Wissenschaftler aus dem In- und Ausland lassen hier Versuchsgegenstände mit Höchstgeschwindigkeit hinunterfallen – so schnell, dass für ein paar Sekunden Schwerelosigkeit entsteht. Jetzt feiert der Fallturm des Zentrums für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation (Zarm) der Universität Bremen 25-jähriges Bestehen.

Wie eine Mine in einem Kugelschreiber steckt in der äußeren Betonhülle eine 3,50 Meter breite Stahlröhre. Die Forscher installieren ihre Versuchsanordnungen in einem Metallzylinder, der 80 Zentimeter breit und mehr als mannshoch ist. Diese sogenannte Fallkapsel wird anschließend mit einem Seilzug 110 Meter weit nach oben gezogen. Bevor sie dort ausgeklinkt wird, saugen 18 Vakuumpumpen die Stahlröhre leer. So kann kein Luftwiderstand den Fall behindern.
Dann kommt der Start: Die Kapsel rast mit 167 Kilometern pro Stunde nach unten, wobei für genau 4,74 Sekunden „Schwerelosigkeit in exzellenter Qualität“ entsteht, wie die Fallturm-Betriebsgesellschaft des Zarm schwärmt. Unten landet die Kapsel sanft in einem acht Meter hohen Auffangbehälter voller Styroporkügelchen. Obwohl der Behälter relativ weich fällt: Ein Mensch würde diesen Aufprall nicht überleben.

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Mit Tempo 167 geht es steil nach unten

Während des Flugs beobachten die Forscher in einem Kontrollzentrum die Vorgänge in der Kapsel per Video und Datenfernübertragung. Bei Bedarf können sie sogar mit einer Fernsteuerung in die Abläufe eingreifen.
Experimentiert wird in etlichen Fachrichtungen: von der Grundlagenphysik über die Strömungsmechanik bis zur Verbrennungsforschung. Flammen zum Beispiel sind in der Schwerelosigkeit kugelrund. „Dadurch kann man Verbrennungsprozesse viel exakter untersuchen“, sagt Zarm-Sprecherin Birgit Kinkeldey.

Je nach Experiment enthält die Fallkapsel ein für Laien undurchschaubares Wirrwarr aus Treibstoffbehältern, feinsten Röhren und Brennkammern. Der Geschäftsführende Zarm-Direktor Claus Lämmerzahl nennt als Ziel der Experimente, „Phänomene, die da ablaufen, gut zu verstehen und darauf aufbauend dann Technologien zu entwickeln“. Zum Beispiel, wie die Treibstoffzufuhr für Satelliten am besten funktioniert. Oder mit welcher Technik Biodiesel verbrannt werden sollte, damit Motoren effektiver laufen.

In exakt 4,74 Sekunden Schwerelosigkeit

Wenn 4,74 Sekunden freier Fall dafür zu kurz sind, kann man auch die fast doppelte Flugdauer buchen. Denn im Jahr 2004 wurde im Fundament des Turms zusätzlich ein Katapult installiert. Seitdem kann die Versuchskapsel zunächst in die Höhe geschossen werden, bevor sie wieder nach unten saust. Macht zusammen 9,3 Sekunden ohne Schwerkraft. Meist müssen sich die Forscher ein Jahr gedulden, bis sie einen Termin für ihre Experimente bekommen – so lang ist die Warteliste.

Ab und zu mieten auch Unternehmen den Turm. Zuletzt testete zum Beispiel ein Whiskyhersteller ein von ihm neu entwickeltes „Space Glass“, mit dem sich Astronauten auch im Weltall Hochprozentiges einflößen können. Auch zum Anstoßen mit Sekt eignet sich der große Turm: Die mit einem Fahrstuhl erreichbare gläserne Spitze beherbergt nicht nur Bremens höchstgelegenes WC, sondern auch einen Konferenzraum und eine Panorama-Lounge. An Wochenenden können sich verliebte Paare hier sogar standesamtlich trauen lassen – um sich dann gemeinsam ins Leben zu stürzen.

Von Eckhard Stengel

Lisa Malecha 13.11.2015
12.11.2015