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Der Norden Fachleute kritisieren Turbo-Abitur
Nachrichten Der Norden Fachleute kritisieren Turbo-Abitur
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00:15 19.01.2014
Von Saskia Döhner
Foto: Gut besucht: Der Bildungskongress im HCC.
Gut besucht: Der Bildungskongress im HCC. Quelle: Surrey
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Hannover

„In der Umsetzung funktioniert es nicht“, sagt Volker Schmidt, Vorstand der Stiftung NiedersachsenMetall. „Korrekturen sind dringend notwendig. Denn wer einen Fehler sieht und ihn nicht korrigiert, der begeht einen zweiten.“ Schmidt verweist auf eine neue Umfrage, die der Arbeitgeberverband unter rund 800 Betrieben gemacht hat: „72 Prozent wünschen sich eine Wahlfreiheit zwischen G 8 und einem Abitur nach neun Jahren, 39 Prozent geben an, G 8 habe zu Defiziten bei Sozialverhalten, Urteilskraft und persönlicher Reife geführt, die Personalleiter unserer Unternehmen beklagen reihenweise, dass Allgemeinbildung, Persönlichkeitsentwicklung und Kreativität auf der Strecke blieben.“

Das auf zwölf Jahre verkürzte Abitur habe bei den Schülern zu einem eindeutigen Rückgang der Mathematikleistungen geführt, sagt Prof. Stephan Thomsen vom Niedersächsischen Institut für Wirtschaftsforschung. Immer weniger Jugendliche würden sich später für ein naturwissenschaftliches Studium entscheiden. Überhaupt fielen Abiturienten Entscheidungen schwer. Statt früher an die Hochschule oder in Ausbildung zu gehen, würden viele erstmal ein Auslandsjahr einlegen, Das außerschulische Engagement sei wegen des Schulstresses um ein Drittel gesunken. Wissenschaftsjournalist Ranga Yogeshwar beklagt „Monotonie und Kahlschnitt“ in der Bildungspolitik. Kinder hätten keine Zeit mehr.

Ihr Urteil ist vernichtend: Beim Bildungskongress der Stiftung NiedersachsenMetall sind sich die Experten in der Bewertung des verkürzten Abiturs einig wie selten.

„Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“, sagt der vierfache Vater, „gut Ding will Weile haben“. Auch Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) meint: „Bildung braucht Zeit und Qualität.“ Er habe G 8 stets skeptisch gegenübergestanden. „Kinder aus Akademikerfamilien schaffen es vielleicht auch schneller, andere aber nicht.“ Helfen sollen der Ausbau der Ganztagsschulen, mehr Fortbildung für Lehrer und weniger Stress in den Gymnasien. Eine Expertenkommission des Kultusministeriums entwickle dafür gerade Vorschläge. Vermutlich im März werde ihr Abschlussbericht vorliegen. Wann die Vorschläge dann tatsächlich im Schulalltag ankämen, sei aber noch völlig offen, gesteht Weil ein.

Es könnte lange dauern: Falls im Schulgesetz im nächsten Sommer die Rückkehr zu G 9 festgelegt werden sollte, würde erst 2024 der erste Jahrgang wieder das Abitur nach 13 Jahren ablegen. Der Philologenverband warnt davor, die Leistungsanforderungen fürs Abitur zu senken. Weniger Prüfungsfächer und weniger Klausuren, wie sie von Kultusministerin Frauke Heiligenstadt propagiert werde, führten unweigerlich zu einem Qualitätsverlust, sagt Verbandsvorsitzender Horst Audritz. „Wir wollen G 9 nicht irgendwann, sondern jetzt“, fordert Petra Wiedenroth vom Verband der Elternräte der Gymnasien. Sie wirft der Regierung vor, das Thema auszusitzen.

Weil kontert: „Es ist besser, vorher richtig zu überlegen, als überstürzt etwas einzuführen, was man hinterher mühsam wieder korrigieren muss.“ Die Umsetzung von G 8 sei das beste Beispiel. Der Ministerpräsident betont, dass sich das Land im Spagat zwischen Schuldenbremse und dringend notwendigen Investitionen befinde. „Wir müssen sparen und wir brauchen Geld für Bildung.“ In diesem Zusammenhang rechtfertigt er noch einmal die Mehrarbeit für Gymnasiallehrer. Es sei den verbeamteten Pädagogen zuzumuten, ab August 2014 in der Woche 24,5 statt bisher 23,5 Stunden unterrichten zu müssen.

Lehrer ohne Beamtenstatus müssten dies schon längst, ebenso auch Oberstufenlehrer an den Gesamtschulen. Im Vergleich der Bundesländer liege Niedersachsen auch nach der Erhöhung bei der Unterrichtsverpflichtung für Gymnasiallehrer im unteren Drittel. Für den Klassenfahrtenboykott, dem sich jetzt auch die Gymnasien in und um Osnabrück angeschlossen haben, hat Weil kein rechtes Verständnis. Klassenfahrten seien wichtig für den Zusammenhalt, sagt auch Wissenschaftsjournalist Yogeshwar. Notfalls könnten Eltern als Betreuer aushelfen.

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