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Der Norden Flüchtlingssuche macht Goslar berühmt
Nachrichten Der Norden Flüchtlingssuche macht Goslar berühmt
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00:18 15.01.2015
„Deutsche Stadt sucht nach Flüchtlingen, um ihnen Häuser zum Wohnen zu geben“: So berichtet der arabischsprachige Nachrichtensender Al-Arabiya über den Vorstoß von Goslars Oberbürgermeister Oliver Junk (kl. Bild o.), Flüchtlinge in den Harz zu holen. Quelle: Screenshot
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Goslar

Die britische Zeitung „The Independent“ bezeichnet den alerten Kommunalpolitiker als „teutonisches Äquivalent“ des amerikanischen Bürgerrechtlers Martin Luther King. Auch in den Onlineausgaben der arabischen Sender Al-Jazira und Al-Arabiya wird über Goslar berichtet, Rathaus und Landkreis erhalten etliche Zuschriften aus Syrien, Marokko, Albanien und den Balkanstaaten. Da wird „Bruder Oliver“ um Hilfe gebeten - manchmal in gebrochenem Deutsch, wie es im Rathaus heißt.

Eine bosnische Familie reiste mit Touristenvisum sogar bereits kurz vor Weihnachten in Goslar an, um nach Wohnung und Jobs Ausschau zu halten. Sie stellte allerdings fest, dass weder die erhofften Wohnungen noch Arbeitserlaubnis oder Job sofort bereitstanden - und wurde nach einem Besuch bei der Polizei an die Erstanmeldeeinrichtung nach Braunschweig verwiesen. Hier kümmerte sich später zwar der Goslarer Oberbürgermeister mit Stadtsprecher Christian Burgart persönlich um die Bosnier, konnte aber auch nichts Konkretes ausrichten, zumal Menschen aus den Balkanstaaten von der ­offiziellen Politik derzeit gar nicht in Deutschland gut gelitten sind.

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„Ich hätte mir natürlich auch gewünscht, dass wir praktisch etwas weiter wären“, sagt der Oberbürgermeister Junk im Goslarer Rathaus, während der eigentlich für die Flüchtlingsunterbringung zuständige Landrat Thomas Brych (SPD) anmerkt: „Bevor man eine PR-Masche strickt, muss man auch seine Hausaufgaben gemacht haben.“ Dem schließt sich auch der örtliche Landtagsabgeordnete Alexander Saipa (SPD) an, bei dem sich ebenfalls Hilfe suchende Bosnier gemeldet haben: „Man darf doch nicht mit den Hoffnungen von Menschen spielen, zumal, wenn man gar nicht zuständig ist.“

Ende November vergangenen Jahres hatte Junk seinen Vorschlag lanciert, der in Goslar auf ein verhaltenes Echo stößt. Seine Botschaft: Während Nachbarstädte wie Göttingen über Wohnungsnot und Flüchtlingsunterbringung klagen, habe Goslar Platz, noch leere Wohnungen und ein demografisches Problem, den Verlust von Bevölkerung. Das Dumme nur: Vor etlichen Jahren hat die Stadt die Ausländerbehörde an den Landkreis abgegeben.

Landrat Brych will sich nicht in die Rolle des Unwilligen treiben lassen. „Das ist im Grundsatz eine gute Idee“, sagt er, aber schlecht vorbereitet. So mir nichts, dir nichts könne man Junks „großen Traum“ („The Independent“) nicht umsetzen. „Wir sind zufrieden, 2014 alle Flüchtlinge dezentral untergebracht zu haben, in meist möblierten Wohnungen. Und diese Unterbringung ist ein Schlüssel zur Integration, während Sammelunterkünfte vermieden werden müssten.“ 493 Flüchtlinge habe Goslar im vergangenen Jahr versorgt, 750 werden es dieses Jahr sein. „Dass wir Flüchtlingen helfen müssen, ist klar. Aber falsche Erwartungen zu wecken ist kontraproduktiv, zumal die rechtlichen Voraussetzungen nicht einfach sind“, sagt der Landrat. Auch er erhält Post aus aller Herren Länder. 150 Anfragen hat das Landratsamt notiert.

Uta Liebau findet trotz der Anfangsschwierigkeiten Junks Vorstoß gut. Seit 20 Jahren engagiert sich die 60-jährige Theologin für den Verein Leben in der Fremde. Sie freut sich, dass ausgerechnet ein konservativer Oberbürgermeister etwas Druck macht: „Sonst haben die im Rat doch einen sehr weiten Bogen um die Flüchtlingsarbeit gemacht. Das geht jetzt nicht mehr.“

12.01.2015
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