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Der Norden Selbstironisch oder einfach nur peinlich?
Nachrichten Der Norden Selbstironisch oder einfach nur peinlich?
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00:16 15.04.2015
Von Michael B. Berger
Foto: Selbstironisch oder unfreiwillig komisch? Ein neues Werbevideo für Niedersachsen spaltet die Gemüter.
Selbstironisch oder unfreiwillig komisch? Ein neues Werbevideo für Niedersachsen spaltet die Gemüter. Quelle: Screenshot
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Hannover

Mehr als 20.000 Zuschauer hatten sich den Film bis Sonntagabend angeschaut. Bei den meisten ging der Daumen in der Kommentarspalte nach unten. „Schlimmer geht’s nimmer“, kommentierte der Branchendienst „Meedia“, während das Filmchen am Rande der Internationalen Tourismusbörse in Berlin (ITB) sogar einen Preis einheimste.

Noch konventionell gehen die drei Minuten los – aus der Vogelperspektive sieht man eine Kutsche, die eine Urlauberfamilie am Strand entlang aufs Land bringt. „Kein Netz mehr“, seufzt eine Jugendliche im Gothic-Look, „ich will nach Hause“, ruft ihr kleiner Bruder, als er die gastgebende, etwas merkwürdige Bauernfamilie erblickt. Und dann fängt der Bauer, der eine Möwe auf dem Arm hat, auch noch an zu singen.     

Und wie! Kostprobe? „Endlos Himmel, lange Zeit / graue Wesen, Einsamkeit / Unsere Hoffnung, unser Sehn’ / Lasst uns nicht um Liebe fleh’n.“ Dann erscheinen neben klassischen Tourismusbildern tanzende Hexen im Harz, swingende Hannoveraner am Kröpcke, ein verzückter Eismann mit zwei Fischen auf der Schulter und dem Reim: „Wo Ihr Fische singen hört, seid Ihr endlich ungestört.“

Oh, Mann: „Weiß jemand, wo das Zeug, das die Macher dieses Spots geraucht haben, zu kaufen gibt?“ fragt ein irritierter Zuschauer auf Youtube, während ein anderer empfiehlt, rechtzeitig aus Niedersachsen auszuwandern. Damit man nicht auf dieses Video angesprochen werde.

Video gewinnt „Goldenes Stadttor“

Angesprochen, und zwar positiv, fühlten sich allerdings die Juroren des „Goldenen Stadttors“ am Rande der ITB. Sie zeichneten Anfang März den Film der hannoverschen Agentur Day for night und der Tourismusmarketing Niedersachsen (TMN) als besten deutschen Beitrag aus. Die Meldung über die Preisverleihung habe man erst vor ein paar Tagen ins Netz gestellt, sagte Carolin Ruh, Geschäftsführerin der TMN, am Sonntag auf HAZ-Anfrage. „Seit diese Meldung raus ist, wird der Film, der bewusst für die sozialen Netzwerke produziert wurde und kein Imagefilm ist, auch so oft angeklickt.“ Die Idee, keine typischen Landschaften aus Niedersachsen zu zeigen, sondern mutig mit den Klischees über Niedersachsen zu arbeiten, scheine doch prima zu funktionieren.

Wie viel genau der Streifen gekostet hat, will Ruh bei aller Freude erst nach einem Blick in ihre Bücher verraten – am Dienstag: „Da nenne ich nur genaue Summen.“ Billig wird das Filmchen, das ein ziemlich abgedrehtes Niedersachsen zeigt, nicht abgedreht worden sein.

„Passt zum Land. Grüße aus Baden-Württemberg“, spottet ein Youtube-Nutzer, der sich wirklich auf Ironie versteht.     

12.04.2015
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