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Der Norden Für Lenas Klasse beginnt der Unterricht
Nachrichten Der Norden Für Lenas Klasse beginnt der Unterricht
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17:59 11.04.2012
Von Saskia Döhner
Die Kinder in der Emsschule müssen den Mord an ihrer Mitschülerin Lena verkraften.
Die Kinder in der Emsschule müssen den Mord an ihrer Mitschülerin Lena verkraften. Quelle: dpa
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Emden

Der Platz von Lena bleibt leer. Für die Viertklässler der Emsschule in Emden ist der heutige erste Schultag nach den Osterferien bei aller Trauer auch ein Schritt zurück in die Normalität. Sie werden dabei begleitet - von ihren Eltern, Lehrern und Psychologen der Landesschulbehörde. „Die Kinder sollen wieder Tritt fassen im Alltag“, sagte Stadtsprecher Eduard Dinkela.

Vor zweieinhalb Wochen war ihre Mitschülerin, die elfjährige Lena, in einer Parkgarage vergewaltigt und ermordet worden. Tatverdächtig ist ein 18-Jähriger, der in Untersuchungshaft sitzt. Emdens Oberbürgermeister Bernd Bornemann (SPD) bittet Reporter, Zurückhaltung zu üben und die Kinder auf dem Weg zur Schule nicht anzusprechen.

Auf traumatische Erlebnisse könne man ganz unterschiedlich reagieren, sagt Barbara Kubesch von der Landesschulbehörde. Einige Menschen zeigten spontan starke Emotionen wie Enttäuschung, Angst und Trauer, vor allem Kinder, die weniger kontrolliert seien als Erwachsene. Bei anderen käme der Gefühlsausbruch später und manche gäben sich verschlossen und fast unbeteiligt. Wichtig sei es, dass Eltern als auch Lehrer die Gefühle ernstnähmen und Gesprächsbereitschaft signalisierten, ohne sich aufzudrängen. Mitschüler des mutmaßlichen Täters könnten Schuldgefühle plagen.

Wenn Kinder nicht allein zur Schule gehen wollen, sollten Eltern sie begleiten oder mit anderen Nachbarkindern zusammen schicken, rät Kubesch. Aber auch Eltern sollten ihre Ängste eingestehen, sie aber nicht auf die Kinder übertragen.

Psychologisch unterstützt werden in Emden auch die Mitschüler eines Jugendlichen, der zunächst als Unschuldiger festgenommen worden war. Der Berufsschüler, der mittlerweile 18 Jahre alt ist, war von der Mordkommission vorübergehend verdächtigt und vernommen worden. Im Internet war daraufhin ein Lynchaufruf verbreitet worden. Nachts hatten sich dann rund 50 Menschen vor der Polizeiwache versammelt und die Herausgabe des Berufsschülers gefordert. Die Staatsanwaltschaft Aurich prüft, Klage gegen den Verfasser des Lynchaufrufs bei „Facebook“, ebenfalls ein 18-Jähriger, zu erheben. Der junge Mann habe gestanden und bereue die Tat, heißt es.

Die Stadt Emden will zusammen mit Gewerkschaften, Kirchen, Stadtsportbund und -schülerrat mit einer halbstündigen Versammlung vor dem Rathaus morgen Abend ein Zeichen gegen Vorverurteilung, Selbstjustiz und Intoleranz setzen. Emden sei nicht die Stadt der Gewalt und Vorverurteilung, betont Oberbürgermeister Bornemann. Bereits am Donnerstag diskutieren Jugendliche in der Berufsschule über die Chancen und Risiken sozialer Netzwerke und darüber, wie sich ein unschuldig Festgenommener fühlen mag.

Auch befasst sich der Innenausschuss des Landtages mit dem Thema. Es laufen Ermittlungen gegen zwei Beamte.

11.04.2012
Michael B. Berger 13.04.2012