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Der Norden Gericht erhebt Anklage im Organspende-Skandal
Nachrichten Der Norden Gericht erhebt Anklage im Organspende-Skandal
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16:08 30.05.2013
Foto:  Die Staatsanwaltschaft Braunschweig hat im Organspende-Skandal Anklage gegen den früheren Leiter der Transplantationsmedizin der Uniklinik Göttingen erhoben.
Die Staatsanwaltschaft Braunschweig hat im Organspende-Skandal Anklage gegen den früheren Leiter der Transplantationsmedizin der Uniklinik Göttingen erhoben. Quelle: dpa
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Göttingen/Braunschweig

Im Organspende-Skandal hat die Staatsanwaltschaft Braunschweig nach dpa-Informationen Anklage gegen den früheren Leiter der Göttinger Transplantationsmedizin erhoben. Dem 45 Jahre alten Arzt wird unter anderem versuchter Totschlag in mehreren Fällen vorgeworfen. Er sitzt seit Januar wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft.

Der Mediziner soll von 2009 bis 2011 planmäßig falsche Gesundheitsdaten von Patienten des Göttinger Uniklinikums an die zentrale Vergabestelle für Spenderorgane, Eurotransplant, gemeldet haben. Dadurch seien diese Patienten auf der Warteliste für Spenderlebern ganz nach oben gerückt. Zwangsläufig habe er die Behandlung anderer lebensbedrohlich Kranker womöglich bis zu deren Tod verzögert, hieß es zur Begründung des Haftbefehls. Das Motiv war bislang unklar, persönlich bereichert haben soll sich der Arzt nicht.

Die Braunschweiger Ermittlungsbehörde wollte die Informationen am Donnerstag nicht bestätigen. Ein Sprecher erklärte lediglich, in dem Fall liege eine Abschlussentscheidung der Staatsanwaltschaft vor. Die Justiz unterrichtet die Öffentlichkeit gewöhnlich erst über eine Anklageerhebung, wenn der Schriftsatz den Betroffenen zugestellt ist.

Totschlag in acht Fällen

Das Oberlandesgerichts Braunschweig hatte im Frühjahr während eines Haftbeschwerdeverfahrens den dringenden Tatverdacht für versuchten Totschlag in acht Fällen bejaht. Der Arzt soll früher auch am Uniklinikum Regensburg Patientendaten manipuliert haben. Sollte die Anklage zur Hauptverhandlung zugelassen werden, würde der Prozess gegen den Mediziner vor dem Landgericht Göttingen stattfinden.

Die Manipulationen waren im vergangenen Sommer bekanntgeworden. In der Folge wurden ähnliche Fälle in Transplantationszentren in Leipzig und München aufgedeckt. Der Skandal ließ die Spendenbereitschaft auf ein Rekordtief einbrechen. Im vergangenen Jahr waren bundesweit nur noch 1046 Bürger bereit, Organe nach ihrem Tod zur Verfügung zu stellen - ein Rückgang von 12,8 Prozent. Politiker und Prominente starteten am Donnerstag in Berlin eine Kampagne für mehr Spenden.

In Niedersachsen wurden im vergangenen Jahr 80 Spender gezählt, 2011 waren es noch 100. Von Januar bis einschließlich April verzeichnete die Deutsche Stiftung Organtransplantation landesweit 25 Spender, zwei weniger als in den ersten vier Monaten 2012. Im Land Bremen gab es 2012 nur acht Organspender, im Jahr davor waren es 21.

Der Skandal setzte eine Reform der Organvergabe in Deutschland in Gang. Mittlerweile gibt es nach Angaben von Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) mehr unangemeldete Kontrollen und eine bessere staatliche Aufsicht. Die Prüfung der Transplantationszentren in Deutschland steht nach Angaben der Bundesärztekammer kurz vor dem Abschluss.

„Sehr gutes Krisenmanagement“

In Bayern soll das Münchner Klinikum Rechts der Isar aufgrund von Manipulationen die Befugnis zur Leberverpflanzung verlieren. In Niedersachsen plant die Landesregierung derzeit keine Veränderungen in den beiden Transplantationszentren an der Medizinischen Hochschule Hannover und in Göttingen. Die Göttinger Uniklinik habe ein sehr gutes Krisenmanagement geleistet, sagte ein Sprecher des Wissenschaftsministeriums am Donnerstag. Es bleibe nun abzuwarten, was die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft und einer Gutachterkommission ergeben.

Angesichts der dramatisch gesunkenen Spendenbereitschaft appellierte Niedersachsens Gesundheitsministerin Cornelia Rundt (SPD): „In Deutschland hat nicht mal jeder Fünfte tatsächlich einen Organspendeausweis, obwohl sich rund zwei Drittel der Bürger grundsätzlich für eine Organspende aussprechen. Informieren Sie sich bei Ihren Krankenkassen, dokumentieren Sie Ihre Entscheidung in einem Spenderausweis. Damit schaffen Sie Klarheit für Ihre Angehörigen und für medizinisches Personal.“

dpa