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Der Norden Ein Klappfahrrad rettet den Tag
Nachrichten Der Norden Ein Klappfahrrad rettet den Tag
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21:25 24.11.2017
„Jeden Tag eine gute Tat“: Mit seinem Fahrrad half Günter Wenzel Kristina Schober aus der Klemme. Jetzt besuchen beide gemeinsam im Januar die Elbphilharmonie. Quelle: Frank Söllner
Heiligendamm

Der Tag, an dem Günter Wenzel einer Fremden den Tag rettet, beginnt mit einem Fehltritt: Es ist der 3. Oktober, ein sonniger Herbstmorgen bricht an. Kristina Schober radelt von Bad Doberan (Landkreis Rostock) Richtung Kühlungsborn. Sie muss zur Arbeit. In einem Hotel soll die Wellnesstrainerin am Vormittag eine Yogastunde geben. Auf halber Strecke in Heiligendamm aber passiert es: Die Fahrradkette springt ab. Die 54-Jährige tritt ins Leere.

Zu spät zum neuen Job?

Kein Problem, denkt sie, der Bahnhof ist ja um die Ecke. Dann geht’s eben mit der Bäderbahn Molli weiter. Kristina Schober schließt ihr kaputtes Fahrrad an und sprintet zum Gleis. „Nur um dort festzustellen, dass die Bahn seit zehn Minuten weg ist und die nächste erst in einer Stunde fährt“, erinnert sie sich. Was nun? Sie muss doch dringend ins Hotel. Den Job dort hat sie erst seit einem Monat. Es ist ihre zweite Yogastunde, die darf sie auf keinen Fall ausfallen lassen. Sie merkt, wie in ihr Panik aufsteigt. „Aber was sollte ich machen? Die Straßen waren menschenleer, kein Auto weit und breit. Ich war mutterseelenallein und die Zeit gegen mich“, erzählt Schober.

Als sie schon kurz davor ist, vollends zu verzweifeln, kommt ihr Günter Wenzel mit seinem Klapprad entgegen. „Ich hatte den starken Impuls, ihn anzusprechen“, schildert Kristina Schober. „Plötzlich hörte ich mich sagen: ,Haben Sie Werkzeug?’“ Hatte er nicht. Aber einen guten Tipp: „In fünf Minuten fährt ein Bus. Das schaffen Sie.“ Kristina Schober schöpft Hoffnung. „Ich wollte gerade loslaufen, da rief mich Herr Wenzel zurück.“ Es war Feiertag - da gilt der reguläre Fahrplan nicht.

Der 79-jährige Radler zögert nicht lange und bietet sein Fahrrad an. Dabei kennt er die Frau, die ihm da so mutlos gegenübersteht, gar nicht. Zwar wohnt er, wie Kristina Schober, auch in Bad Doberan, er ist nur wegen seines Gartens in Heiligendamm. Gesehen haben sich die beiden aber noch nie. Warum also ist er so großzügig? „Nun ja, man kann doch mal nett sein“, erzählt er rückblickend mit charmanter Unbekümmertheit. „Außerdem sah sie so hilflos aus. Ich konnte sie doch nicht so stehen lassen.“

„Nehmen Sie meins“

Kristina Schober kann’s in dem Moment kaum glauben. „Ich dachte, ich hab mich verhört, als er sagte ,Nehmen Sie meins’.“ Dankbar und tief berührt akzeptiert sie Wenzels unverhofftes Angebot. Beide verabreden sich für den Nachmittag: Dann will Schober ihrem Retter das Rad in Heiligendamm wiedergeben. Und Wenzel? Keine Angst, dass seine Leihgabe auf Nimmerwiedersehen davonrollt?

„Ach was. Wenn Frau Schober nicht aufgetaucht wäre, dann wär ich nach Kühlungsborn gefahren, hätte sie gesucht und meinen Kampfhund auf sie losgelassen“, sagt Wenzel, und seine Augen funkeln voller Schalk. Sein „Kampfhund“ ist ein Chihuahua, handtellergroß, 13 Jahre alt und so harmlos, „dem müssen Sie die Leberwurst vorkauen“, meint der 79-Jährige lachend.

Den Hund muss der Rentner nicht von der Leine lassen. Kristina Schober fährt nach Feierabend zum verabredeten Treffpunkt vor einer Gartenkneipe. Ein Freund holt sie und ihr Rad mit der kaputten Kette dort mit dem Auto ab. Er bringt zwei Flaschen Wein mit, als Dankeschön für den Retter.

Für seine gute Tat wird Günter Wenzel jetzt ein zweites Mal belohnt: Da Kristina Schober mit ihrer Geschichte eine der Gewinnerinnen bei der Aktion „Gute Nachricht des Jahres“ ist, wird sie im Januar mit einer Begleitperson die Elbphilharmonie in Hamburg besuchen. Sie nimmt ihren Retter mit - und für den erfüllt sich damit ein lang gehegter Wunsch. „Mein Sohn lebt in Hamburg, hat es bis jetzt aber leider noch nicht geschafft, einen Besuch der Elbphilharmonie für uns zu organisieren“, erzählt Wenzel. Kristina Schober ist glücklich, dass sie ihm nun seine Hilfsbereitschaft vergelten kann. „Ich halte es genau wie Herr Wenzel. Er hat damals zu mir gesagt: Jeden Tag eine gute Tat!“

Von Antje Bernstein

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