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Der Norden Mit dem Rollstuhl auf den Catwalk
Nachrichten Der Norden Mit dem Rollstuhl auf den Catwalk
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18:01 07.01.2016
„Der Catwalk müsste für mich in Catroll umbenannt werden“: Tan Caglar modelt im Rollstuhl.
„Der Catwalk müsste für mich in Catroll umbenannt werden“: Tan Caglar modelt im Rollstuhl.  Quelle: privat
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Hildesheim

Bis zum 20. Geburtstag verlief Caglars Leben in geordneten Bahnen. Er machte eine Ausbildung zum Bürokaufmann, spielte in seiner Freizeit Basketball. Doch dann verschlimmerte sich seine angeborene Krankheit Spina bifida (offener Rücken) mit jedem Tag. Erst war Caglar auf Krücken angewiesen, dann musste er in den Rollstuhl. „Es gibt keine echte Chance auf Heilung“, sagt der 35-Jährige. Länger als eine Minute kann er nicht allein stehen.

Nach drei Jahren Depression nahm Caglar sein Schicksal an. Die Kraft dazu gab ihm sein geliebter Sport. Der Hildesheimer spielte zunächst in der Basketball-Bundesliga bei Hannover United, wechselte dann zu den Baskets 96 Rahden nach Nordrhein-Westfalen. Sein Team liegt momentan auf dem zweiten Platz. Caglar, rechnet sich Chancen aus, im September bei den Paralympics in Rio de Janeiro an den Start zu gehen.

In seinem zweiten Beruf arbeitet der Hildesheimer als Personal Trainer und Motivationscoach, wirbt dabei immer wieder für Inklusion und Integration. Irgendwann wurden Medien auf ihn aufmerksam, boten ihm Rollen in Serien wie „Berlin Tag & Nacht“ an. Es folgten Aufträge als Fotomodell. Zuletzt für das Münchner Trachtenmodehaus Angermaier. Im rot-weiß karierten Hemd und auberginefarbener Weste posierte Caglar im Rollstuhl in der Nähe der Karlsbrücke in Prag.

Anfang der Woche meldete sich Stephan-Michael Weiß aus Berlin bei ihm. Für die Fashion Week war der Berliner auf der Suche nach einem Rollstuhl-Model. „Ich sah die Chance, etwas vor großem Publikum für Behinderte zu tun, und sagte zu“, erzählt Caglar. Geld für seinen Auftritt bekommt er nicht: „Aber mir geht es um die Inklusion, nicht um die Kohle.“ Deshalb reist er auf eigene Kosten nach Berlin, hofft auf Folgeaufträge von weiteren Modedesignern.

Für wen er am 18. Januar auftreten wird, darf er noch nicht verraten. Nur so viel: „Es sind zwei aufstrebende Designer aus Italien und Deutschland. Die Klamotten haben sie nicht ausschließlich für Rollstuhlfahrer entworfen.“

Eine Choreografie für die drei geplanten Auftritte hat sich der 35-Jährige noch nicht ausgedacht. Das will er einen Tag vorher an Ort und Stelle mit den Designern besprechen. Er sagt: „Eigentlich müsste der Catwalk für mich ja in Cat­roll umgetauft werden.“

07.01.2016
Michael B. Berger 07.01.2016