Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Der Norden Mädchentraum Heidekrone
Nachrichten Der Norden Mädchentraum Heidekrone
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:15 19.08.2013
Inken, Mutter Kerstin, Tante Dorothee und Oma Anneliese arbeiten auf dem Hof Petersen am Festwagen für den groflen Umzug.
 Inken, Mutter Kerstin, Tante Dorothee und Oma Anneliese arbeiten auf dem Hof Petersen am Festwagen für den groflen Umzug. Quelle: George
Anzeige
Amelinghausen

Mandy Augner runzelt die Stirn. In der Hand ein Drahtgestell, eine Rolle rosa Faden und einen Stiel Heideblüten, dreht sie sich hilfesuchend um. „Wie mache ich denn hier jetzt weiter?“, fragt die Frau und atmet einmal kräftig ein. Seit acht Jahren wartet die Mutter auf diesen Tag: die Krone für ihre Tochter zu stecken. Die darf jetzt endlich Hofdame sein. Wir sind in Amelinghausen, einem 4000-Einwohner-Dorf am östlichen Rand der Lüneburger Heide. Hier verhält es sich mit dem Hofstaat der Heidekönigin ähnlich wie mit den Plätzen für den Kindergarten: Für beides melden manche Mütter ihre Töchter schon direkt nach der Geburt an. Die Warteliste umfasst um die 30 Namen.

Im Garten der Familie Pyritz stehen unter einem Partyzelt Körbe voller Heide, auf dem Tisch noch der ein oder andere „Quennie“ - der königliche Trüffel-Likör. Seit der Männerchor vor mehr als 60 Jahren aus einer Laune heraus zum ersten Mal eine Heidekönigin gekrönt hat, ist der vorletzte Sonntag im August der Jour fixe des ganzen Ortes. Hotels und Pensionen sind ausgebucht, 10 000 Besucher beobachten die geschmückten Wagen beim Festumzug, und 1000 Helfer machen mit.

Zwei von ihnen sind Georgina und Hans-Jürgen Pyritz. Seit zehn Jahren ist das Ehepaar aus dem Verein nicht mehr wegzudenken: Sie als Betreuerin der Königinnen, er als Vorstand. Dem eins besonders wichtig ist: „Wir wollen keine Werbung auf den Festwagen. Bei uns soll es wirklich nur um die Heide gehen.“ Leute fürs Organisieren zu bezahlen geht bei dem 45 000-Euro-Etat nicht: Das Heideblütenfest ist Ehrenamt.

Eine Woche vor dem großen Finale sitzen Mandy Augner und Claudia Kremer auf einer Bierzeltbank im Garten von Familie Pyritz. Während Mandy gerade nicht weiß, wo sie die nächsten Blüten ins Drahtgestell stecken soll, beäugt Claudia kritisch die Heidestiele. „Die Heide ist schwierig in diesem Jahr. Die trockene Hitzeperiode war einfach zu lang. Stiele, die von weiter weg toll aussehen, sind eigentlich schon verblüht.“

Mit denen kann die Mutter nichts anfangen, schließlich muss das Krönchen ein ganzes Jahr halten. Um die vier Stunden braucht sie für das kleine Exemplar, denn beim Hofstaat gilt: Jede Mutter muss die Krone für ihre Tochter mit den eigenen Händen stecken. Die Königin selbst bekommt drei Stück, eines davon kommt in eine Hutschachtel in den kühlen, dunklen Keller - wenn nicht aus Versehen eine Spinne mit eingeflochten ist, hält die sich dort am besten. Frost und Vakuum hat die Kronenflechterin Georgina Pyritz zwar schon ausprobiert, aber für untauglich befunden.

Getragen hat die Krone im vergangenen Jahr Jana George, 23. Mit fünf Jahren mit der Familie von Süddeutschland nach Kanada emigriert und vor vier Jahren nach Deutschland zurückgekehrt. Sie studiert Betriebswirtschaft in Lüneburg, lebt mit ihrem Freund in Amelinghausen. „Das Jahr war unbeschreiblich“, schwärmt die junge Frau, die seit vorigem August im Durchschnitt ein bis zwei Termine pro Wochenende als Königin im Kalender stehen hatte. Ist das denn heute noch modern? „Ich denke schon“, sagt sie. „Es bewerben sich oft mehr als zehn junge Frauen. Das ist immer noch ein richtiger Mädchentraum.“

Fernab vom Traum macht ein Jahr als Heidekönigin aber auch erwachsen, sagt Georgina Pyritz: „Die Mädchen wachsen unheimlich. Sie werden sehr sicher im Umgang mit anderen Menschen, weil sie ständig auf Fremde treffen und neue Traditionen kennenlernen.“ Das Fest schnürt den ganzen Ort zusammen. Selbst die Jugendlichen springen nicht ab.

Einzig die Zugezogenen, die sich in einem der Neubaugebiete ihr Zuhause gezimmert haben, sind ein wenig außen vor, sagt Georgina Pyritz. Aber auch für die hat das kleine Heidedorf längst eine Lösung entwickelt: Die Kitas bauen eigene Festwagen für den Umzug. Und die Eltern müssen helfen.

Finale des Heideblütenfests ist am Sonntag. Um 13 Uhr beginnt der Nachmittag mit der Wahl der neuen Heidekönigin. Ab 16 Uhr rollen zahlreiche Festwagen durch den Ort, und um 20 Uhr wird im Gasthaus Schenk der schönste Wagen prämiert.

Der Norden Musik und Kunst auf der Elbinsel - Auftakt beim Dockville
16.08.2013
16.08.2013