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Der Norden Der Rockerkönig von nebenan
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00:20 04.02.2015
Von Isabel Christian
„Sonst geht wieder nur das Gerede los“: Wolfgang Heer hält sich heute zurück. Quelle: Jan Philipp Eberstein
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Hannover

Er versteckt sich nicht. Weithin sichtbar ist Wolfgang Heers Sportzentrum am Walsroder Bahnhof. Lässig lehnt der muskulöse 69-jährige Hells Angel am Tresen und unterhält sich. Dann schlendert er durch den Fitnessraum zu seinem Büro. Unterwegs verteilt er aufmunternde Kommentare an das knappe Dutzend Sportler. „Ein paar schaffst du noch“, sagt er zu einem jungen Mann an den Gewichten. Heer, der Rockerkönig, der Mann, den keiner mehr in Walsrode haben wollte, hat keinen Grund, sich zu verstecken.

Noch vor fünf Jahren sorgte seine Anwesenheit für heftige Diskussionen. Die Hells Angels machten mit mutmaßlich illegaler Prostitution und Revierkämpfen bundesweit Schlagzeilen. Wolfgang Heer inszenierte sich als bestens integrierter Geschäftsmann und gab in der Stadt den Gönner. Grünen-Politiker Detlef Gieseke kritisierte öffentlich, dass die Stadt mit dem Rockerchef zusammenarbeitete. Dafür wurde der grüne Ratsherr als Nestbeschmutzer beschimpft. Erst 2012 entschied der Stadtrat, mit Heer keine Geschäfte mehr zu machen. Kurz darauf wurden sein Sohn und er aus dem Stadtmarketingverein ausgeschlossen.

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Für Wolfgang Heer hat sich nicht viel geändert. Er ist noch führendes Mitglied der Hells Angels. Denn aufgelöst hat sich sein Chapter nur für knapp drei Wochen. Und er geht weiterhin seinen Geschäften nach, nur nicht mehr ganz so prominent wie früher. Das Bordell Casanova Club am Ortseingang und das Fitnesscenter am Bahnhof laufen noch auf seinen Namen, das Bowlingcenter im Gewerbegebiet und den Security-Service leitet sein Sohn Michel Heer.

Die Stadt war in die Kritik geraten, weil sie geduldet hat, dass Heer große Teile ihres öffentlichen Lebens finanziell unterstützte; Security für das Stadtfest, Spenden für den Fußballverein, Feuerwerke und den Weihnachtsmarkt. Das ist nun vorbei. „Mich stört das nicht, dadurch sparen wir eine Menge Geld“, sagt Heer. Es klingt trotzig.

Als Wohltäter ist er noch aktiv, aber nicht mehr offensichtlich. „Wenn einer finanzielle Unterstützung braucht, klären wir das unter vier Augen“, sagt Heer, „sonst geht nur wieder das Gerede los.“ Die damalige Diskussion hält er für scheinheilig. „Wir leben hier in einer Kleinstadt. Die haben alle gewusst, dass ich im Motorradclub bin.“

Firmen und Touristen haben sich vom vermeintlichen Image als „Kleinstadt der Höllenengel“ nicht abschrecken lassen. „Da ist ein völlig falsches Bild transportiert worden“, sagt die neue Bürgermeisterin Helma Spöring. „Es ist nicht so, dass die Hells Angels jemals die Stadt regiert hätten.“ 163 000 Übernachtungsgäste zählte Walsrode im Jahr 2014. Ein deutlicher Zuwachs. In der Innenstadt steht kaum ein Geschäft leer, und ein Internet-Möbelriese baut am Stadtrand ein Logistikzentrum. Doch im Rathaus gibt man sich auch geläutert. Bürgermeisterin Spöring und Stadtmarketingchef Reinhard Plötz sind sich einig, dass sie einen wie Heer am liebsten sofort los wären. Aber wie? „Uns sind einfach ganz oft die Hände gebunden“, sagt Plötz. Also verlässt man sich auf den nicht öffentlichen Austausch mit der Polizei, die das knappe Dutzend Hells Angels überwacht.

Heers großer Gegner von einst hat sich zurückgezogen. Gieseke verbringt die Tage auf dem Hof seines Bauernhauses anstatt in politischen Gremien. Er bedauert, dass Walsrode durch seine Kampagne ein schlechter Ruf anhaftet. „Wir sind hier nicht der Hotspot der Rockerszene, nur weil sich einer hier eingenistet hat.“ Doch aus seiner Stimme spricht Resignation, wenn er erzählt, dass er von vielen aus der Stadtgesellschaft noch immer Ablehnung zu spüren bekommt. Fassungslos ist er jedoch noch immer, dass damals niemand hinsehen wollte, als Hells-Angels-Chef Frank Hanebuth ihm auf einem Info-Abend offen drohte und jemand ein Fadenkreuz mit dem Spruch „Eine Kugel reicht“ an die Hauswand eines Anwalts sprühte. Als das Auto seines Sohnes in Flammen aufging. „Ich habe ja nicht geahnt, dass ich mich mit der Mafia anlege.“

01.02.2015
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