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Der Norden Hilfe aus Bildungspaket kommt nicht an
Nachrichten Der Norden Hilfe aus Bildungspaket kommt nicht an
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19:35 11.07.2012
Von Saskia Döhner
Singen, Nachhilfe, Sport, Mensaessen – für viele Aktivitäten ihrer Kinder haben Eltern kein Geld. Staatliche Hilfe erreicht sie oft nicht.
Singen, Nachhilfe, Sport, Mensaessen – für viele Aktivitäten ihrer Kinder haben Eltern kein Geld. Staatliche Hilfe erreicht sie oft nicht. Quelle: dpa (Symbolfoto)
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Hannover

Die erste Busfahrkarte hat Hans Müller (Name geändert) noch gekauft, damit seine Tochter mit ihrer Klasse zur Berufsschule in die Nachbargemeinde fahren konnte, um sich über Jobchancen zu informieren. Doch als der Hartz-IV-Empfänger und zweifache Vater danach versuchte, das Geld erstattet zu bekommen, und vom Kreis an die Schule und von dort wieder zurück verwiesen, resignierte er irgendwann. Am zweiten und dritten Tag kam seine Tochter nicht mehr mit in die Berufsschule. Die Busfahrt konnte sich die Familie nicht leisten.

So wie Müllers geht es vielen Eltern in Niedersachsen. Es geht nicht nur um Schulbücher, Bleistifte oder Hefte, sondern es sind die über das Schuljahr anfallenden Nebenkosten, die sich immer mehr Familien nicht leisten können. Rund 100 Euro bekommen Harzt-IV-Empfänger pauschal für den Schulbedarf - 70 Euro zum Schuljahresbeginn im August, 30 Euro im Februar. Oft reicht das nicht. Mal ist es das Bus- oder Bahnticket, mal sind es zehn Euro für den Wandertag oder die Theaterkarte. Oder die drei bis 15 Euro Kopiergeld im Jahr. „Darüber beklagen sich Eltern immer wieder“, sagt Sabine Hohagen, Vorsitzende des Landeselternrates.

Das Kultusministerium verweist auf vielfältige Unterstützungsangebote. Das reicht vom Bildung- und Teilhabepaket des Bundes über Schülerfördervereine und Klassenkassen bis hin zu Hilfen der Kommunen. Doch gerade das Bildungspaket des Bundes, mit dem Kinder aus finanzschwachen Familien Zuschüsse zum Mittagessen, Ausflügen, Nachhilfe oder Gutscheine für Mitgliedschaften in Sportvereinen erhalten sollen, erweist sich als ineffektiv. Die Hilfe kommt oft gar nicht bei den Betroffenen an: Von den 66 Millionen Euro, die der Bund im vergangenen Jahr an die Kommunen gegeben hat, sind nur 25 Millionen tatsächlich ausgezahlt worden. Was mit den restlichen 40,8 Millionen Euro passiert ist, ist unklar. „Das ist doch ein Bürokratiemonster, das keinesfalls zu mehr Gerechtigkeit beiträgt“, meint die Grüne Schulexpertin Ina Korter.

„Da gewinnt in erster Linie die Bürokratie“, findet auch Christoph Künkel, Direktor des Diakonischen Werkes der Hannoverschen Landeskirche. Nach seriösen Schätzungen müsse ein Fünftel des Geldes für den Verwaltungsaufwand herhalten. „Verlierer sind die Eltern und Kinder - da muss man sich schon fragen, ob dieses Bildungspaket richtig geschnürt ist“, sagt Künkel. Er könne sich des Eindrucks jedenfalls nicht erwehren, dass das Bildungspaket bewusst so kompliziert konstruiert worden ist, „um den Eindruck zu erwecken, die Politik tue etwas, und gleichzeitig nicht so viel tun zu müssen“. Auch sein katholischer Kollege Jürgen Marcus, Caritas-Direktor des Bistums Hildesheims, fordert dringend eine Vereinfachung der Leistungserteilung, die viel zu viel von den betroffenen Familien voraussetze.

Nach Einschätzung der Caritas-Leute ist das Gesetz für Familien konzipiert, „die so fit sind, dass sie jeden Antrag ausfüllen können. Wir haben es aber mit Familien zu tun, die schon durch das lange Anstehen im Jobcenter antragsmüde sind“, sagt Gerhard Nolte von der Caritas in Peine. Oft ist es Unkenntnis, manchmal Bequemlichkeit, aber immer wieder Scham, die die Eltern davon abhält, Hilfsangebote zu nutzen. Oft sei die Hemmschwelle zu hoch, berichtet Petra Wiedenroth vom Verband der Elternräte der Gymnasien. „Viele schicken ihr Kind dann lieber nicht mit zum Ausflug, dabei geht es bei Ausflügen und Wandertagen doch gerade um das Gruppenerlebnis im Klassenverband.“ Auch Horst Audritz, Vorsitzender des Philologenverbandes, hat es als Gymnasiallehrer immer wieder erlebt, dass Eltern nicht zugeben wollten, wenn sie für bestimmte Schulaktionen kein Geld hatten. Da habe man das Kind lieber krankgemeldet anstatt einen Zuschuss zu beantragen.

Um den bürokratischen Wust erst gar nicht aufkommen zu lassen, hatten sich Diakonie und Caritas gemeinsam mit dem Sozialministerium und dem Landkreis Holzminden auf ein Pilotprojekt verständigt - „die Holzminden-Card“. Sie war für alle Schüler des Kreises gedacht, die mit dieser Karte Einlass in Freibäder und Bibliotheken bekommen sollten. Doch jetzt stoppte das Innenministerium wegen 10.000 Euro, die der Landkreis zuschießen wollte, das Vorhaben. „Pikant“, findet Diakoniedirektor Künkel, zumal Holzminden der Wahlkreis des Innenministers sei.

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