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Der Norden Pfirsiche statt Äpfel im Alten Land
Nachrichten Der Norden Pfirsiche statt Äpfel im Alten Land
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18:46 18.11.2015
„Könnten auch Wein anbauen“: Dr. Matthias Görgens vom Obstbauversuchszentrum Jork forscht zu den Veränderungen, die der Klimawandel bringt. Quelle: Carolin George
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Jork

Jahrhundertealte, mächtige Bauernhäuser mit Reetdächern und weißem Fachwerk, dazwischen leuchten rote Kirschen und Äpfel: Dieses romantische Bild vom Alten Land an der Elbe wird bröckeln. Zwischen den historischen Schätzen forschen Wissenschaftler an dem Apfel der Zukunft. Der Klimawandel ist auch im größten zusammenhängenden Obstbaugebiet Nordeuropas zu spüren, die Produzenten werden sich auf Veränderungen einstellen müssen.

Der Mann, der ein recht genaues Bild vom Alten Land in 30 Jahren zeichnen kann, heißt Dr. Matthias Görgens und ist der stellvertretende Leiter des Esteburg-Obstbauzentrums Jork. Die Fachleute forschen an 40 000 Bäumen 300 verschiedener Sorten und beraten 650 Betriebe. In den vergangenen 30 Jahren ist die Durchschnittstemperatur in der Region um fast zwei Grad gestiegen. Doch das hat nicht nur negative Auswirkungen, sagt der gelernte Gärtner und studierte Gartenbauer: „Wir können mehr Wärme und Sonnenschein gut gebrauchen.“ Heute blühen Sorten gut zwei Wochen früher als noch vor Jahren, also schon Ende April, und auch die Ernte beginnt bereits Anfang September.

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Auch im Alten Land wird es wärmer

Außerdem werden andere Früchte reif: Der Braeburn aus Neuseeland zum Beispiel - und der Pfirsich. Zwar sind es laut Görgens erst vereinzelte Bäume, die an der Elbe die samtenen Früchte tragen. „Das könnten aber sicherlich mehr werden“, ist er überzeugt. „Und wenn wir in 40 Jahren Verhältnisse wie in der Pfalz haben sollten, könnten wir auch Wein anbauen.“

Bei Wein muss der Obstexperte zwar selbst ein wenig lachen, aber fest steht schon jetzt: Im Alten Land ist es so warm geworden, dass manch eine althergebrachte Sorte ins Schwitzen kommt. Der Holsteiner Cox zum Beispiel wird zu schnell reif, wenn der Spätsommer sehr warm ist. „Er leidet sehr“, sagt Görgens. „Im Notfall können wir klimatisierend die Kronen mit Wasser beregnen. Das war vor 25 Jahren noch undenkbar: Apfelbäume kühlen im Alten Land.“

Klimawandel führt zu Problemen bei norddeutschen Obstbauern

So romantisch die Vorstellung von Pfirsichen und Weinreben an der Elbe sein mag, so unromantisch sind die technischen Entwicklungen. Neben immer mehr Hallen für die Lagerung des Obstes erwartet Görgens eine flächendeckende Abdeckung der Bäume. „Über den Kirschbäumen werden durchsichtige Plastikplanen zum Schutz gegen Regen hängen“, ist er sicher. „Der Haupt­erntemonat Juli ist der regenreichste Monat des Jahres. Und das hält selbst die platzfeste Regina mittlerweile nicht mehr aus.“ Auch Himbeeren, Brombeeren und Heidelbeeren werden überdacht sein, vermutet Görgens. Wegen des erhöhten Aufwands wird Obst aus dem Alten Land teurer werden, und der Obstbauer wird über den deutschen Tellerrand hinweg nach neuen Sorten suchen müssen, sagt er. Einer der Äpfel der Zukunft heißt Rockit - wie eine Cocktailtomate lässt er sich unterwegs praktischerweise mit allem drum und dran essen.

Auch wenn der Klimawandel den norddeutschen Obstbauern neue Sorten auf die Felder bringen wird, er macht ihnen auch Probleme: So gilt es, Strategien gegen Schädlinge zu entwickeln, die in der Region bislang keine Rolle gespielt haben. Und die Erhöhung des Salzgehalts im Elbwasser durch die Vertiefung des Flusses, den steigenden Meeresspiegel und die schnelleren Fluten wird die Bauern irgendwann dazu zwingen, Speicherbecken für Süßwasser anzulegen. Bewässerung und Wasserspeicher an der Elbe, wo das Land teilweise unter Normalnull liegt: Auch das hat es bisher nicht gegeben im Alten Land.

Von Caroline George

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