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Der Norden „Individuelles Fehlverhalten“ führte zu Polizeipannen
Nachrichten Der Norden „Individuelles Fehlverhalten“ führte zu Polizeipannen
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06:15 08.04.2012
Von Michael B. Berger
Foto: Innenminister Schünemann (rechts) und Landespolizeidirektor Kluwe beantworten Fragen im Mordfall Emden.
Innenminister Schünemann (rechts) und Landespolizeidirektor Kluwe beantworten Fragen im Mordfall Emden. Quelle: dpa
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Hannover

Wenigstens die Technik hat funktioniert. „Nivadis“ heißt das elektronische Fahndungssystem der Polizei, das einst den Beamten viel Ärger machte, jetzt aber auf eine schwerwiegende Ermittlungspanne im Mordfall der elfjährigen Lena aus Emden hinwies. Der 18-jährige David H., der am 31. März 2012 als mutmaßlicher Mörder des Mädchens festgenommen wurde, hat sich bereits am 23. November 2011 als Pädophiler und Missbrauchstäter bei der Emder Polizei angezeigt. Doch zu dieser erschütternden Erkenntnis ist die Emder Mordkommission erst in der vergangenen Woche gekommen, als sie den Jungen als mutmaßlichen Mörder von Lena verhaftete. Gut vier Monate nach der Selbstanzeige.

Denn nichts ist nach dem Besuch auf einer Emder Polizeiwache passiert. Im Gegenteil, Schlimmeres geschah: Am Tag darauf, am 24. November, überfiel der junge Mann in der Dämmerung auf den Emder Wallanlagen eine 27-jährige Studentin. Er versuchte, sie zu vergewaltigen, was misslang. Im Nachhinein bekommt auch dieser Vorgang unheimliches Gewicht. Hätte durch ein rasches Eingreifen der Polizei am 23. November die darauffolgende Vergewaltigung und der Tod der elfjährigen Lena am 24. März dieses Jahres in einem Emder Parkhaus verhindert werden können?

„Das ist die Frage, die ich mir auch gestellt habe, die mich stark berührt“, sagt Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann. Der hoch aufgeschossene Christdemokrat hat an diesem Mittwoch aber auch jeden Anschein von Arroganz abgelegt, als er vor der Landespressekonferenz versucht, das mehrschichtige Drama von Emden darzulegen. Neben ihm sitzt Landespolizeidirektor Volker Kluwe, den auch aufgeregte Nachfragen nicht aus der Ruhe bringen können.

Wie konnte es passieren, dass bereits seit dem 30. Dezember vergangenen Jahres ein richterlich abgesegneter Durchsuchungsbefehl bei der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund vorlag, der aber niemals umgesetzt wurde? Wie konnte es passieren, dass nichts geschah, obwohl sich der Täter selbst im November vergangenen Jahres an die Polizei wendete? Oft wechselten im Falle des David H. die Sachbearbeiter. Drei waren es am Ende. Doch an strukturellen Problemen in der Polizeiinspektion habe es nicht gelegen. Menschliches Versagen, lauten die Antworten von Minister und Polizeidirektor, „individuelles Fehlverhalten“. „Dass das schlimmere Delikt einfach untergegangen ist, das ist unser großes Problem“, sagt Minister Schünemann.

David H. war bei der Polizei als jemand gespeichert, der sich Kinderpornos auf den Computer des Stiefvaters herunterlud. Deswegen hatte der Stiefvater den damals Minderjährigen auch im September vergangenen Jahres angezeigt und ein Ermittlungsverfahren in Gang gebracht, das bei der Staatsanwaltschaft Hannover landete, weil die auf Kinderpornografie spezialisiert ist. Der Stiefvater hatte selbst die Festplatte, auf der die Kinderpornos gespeichert waren, der Polizei übergeben. Doch das „schlimmere Delikt“, dessen sich David H. selbst bezichtigte, war der sexuelle Missbrauch der siebenjährigen Freundin der Schwester.

Polizei ordnete Fall falsch ein

Die für den Jungen zuständige Polizeiinspektion in Aurich aber legte den Fall nicht unter „Kindesmissbrauch“ ab, sondern rubrizierte ihn unter „Kinderpornografie“ – ein folgenschweres Versagen. Denn beim Verdacht auf sexuellen Missbrauch geht die Polizei mit wesentlich härteren Bandagen gegen die mutmaßlichen Täter vor. „Erkennungsdienstliche Maßnahmen sind das Mindeste“, sagt Minister Schünemann. Man hätte einen Fingerabdruck von dem jungen Mann genommen, eine Speichelprobe und ein Foto gemacht. Er wäre in einer Datei für möglicherweise gefährliche Täter gelandet. Doch dazu ist es nicht gekommen. Man meinte einen Heranwachsenden vor sich zu haben, der auf einem vermeintlich guten Weg war. „Er wollte gegen die Krankheit ankämpfen, die Selbstanzeige war auch Teil der Therapie“, sagt Landespolizei­direktor Kluwe.

Nach seinen Angaben hatte sich der Junge, der bis vor wenigen Monaten noch im Hause der Mutter und des Stiefvaters wohnte, bereits im Oktober 2010 an die siebenjährige Freundin seiner Schwester herangemacht, sie entblößt und dann nackt fotografiert. Dabei sei David H. von der eigenen Mutter erwischt worden. Die Mutter des Missbrauchsopfers habe damals darauf verzichtet, Strafanzeige zu erstatten. Stattdessen sei eine Therapie des 16-Jährigen vereinbart worden, der sich ein Jahr darauf stationär in der Kinder- und Jugendpsychiatrie Aschendorf bei Papenburg behandeln ließ. Die Selbstanzeige wegen des sexuellen Übergriffs auf die Siebenjährige war Voraussetzung der Therapie gewesen.

Während manche Kriminologen den Besuch des jungen Triebtäters auf der Emder Polizeiwache als „Hilferuf“ deuten, will der Hannoveraner Christian Pfeiffer in diesem Fall nicht von einem Versagen der Polizei reden. „Wenn sich der junge Mann mit einem Therapeuten bei der Polizei meldet, dann handelt er nicht aus innerem Druck heraus, sondern ist die Selbstanzeige Teil des Spiels, der letzte Baustein der Therapie“, sagte Pfeiffer gestern dieser Zeitung: „Die kritischen Anfragen müssten da doch an die Therapeuten gerichtet werden, die gar nicht erkannt haben, welche Gefährlichkeit in diesem jungen Mann gebrodelt hat.“ Der Polizist auf einer Wache, der eine solche Selbstanzeige annehme, habe da wenig Chancen, die Gefährlichkeit im Einzelfall zu erkennen, meint der Kriminologe.

Acht Wochen war H. stationär in der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Marienkrankenhaus Papenburg-Aschendorf behandelt worden. „Der Patient ist nicht als Sexualstraftäter bei uns aufgenommen worden“, betont Chefarzt Filip Caby. Die Selbstanzeige, die er bei der Polizei gemacht habe, sei Voraussetzung der Therapie gewesen. „Wir sind auch betroffen, wie diese Geschichte weitergegangen ist“, sagt der Mediziner Caby, der nur zu generellen Aussagen bereit ist. Natürlich haben sich auch die Psychologen gefragt, ob sie in diesem Fall etwas falsch gemacht hätten. „Wir standen jedenfalls in sehr engem Kontakt mit dem Jugendamt und mit der Gerichtshilfe.“

Am Ende, so lautet die bittere Erkenntnis dieser Tage, haben alle diese Kontakte nichts genutzt.

Margit Kautenburger 08.04.2012
05.04.2012