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Der Norden Keine Spur von der Leiche der Hells Angels
Nachrichten Der Norden Keine Spur von der Leiche der Hells Angels
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11:48 28.05.2012
Die Polizei hat am Montag die Suche nach der vermeintlichen Leiche in Kiel fortgesetzt. Quelle: dpa
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Kiel

Wo ist die einbetonierte Leiche? Ein Opfer krimineller Rocker soll unter dem Fundament einer von Hells Angels genutzten Lagerhalle versteckt sein. Seit Tagen suchen Experten im Zuge der größten Polizeiaktion dieser Art in Schleswig-Holstein nach der Leiche eines Mannes, der mit den Hells Angels im Clinch um Drogengeschäfte gewesen soll. Deshalb soll er gefoltert und erschossen worden sein. BKA, LKA, THW, Mordkommission und Staatsanwälte sind im Dauereinsatz. Bauarbeiter helfen, Leichenspürhunde waren da.

Sie alle versuchten in Altenholz bei Kiel bisher erfolglos, das mutmaßliche Mordopfer zu finden. Am Montag gingen die Arbeiten mit schwerem Gerät weiter. Unerbittlich dröhnten die Maschinen in die Pfingstruhe.

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Längst ist der Boden in dem Teil der Halle aufgebrochen, in dem die Leiche vermutet wurde. Asphaltfräsen, Betonsägen waren in Dauerbetrieb; Gabelstapler heben Betonplatten heraus. Am Samstag wühlten Spurensucher im Erdreich darunter - ohne Erfolg. Am Sonntag ging man offenkundig dazu über, die Suchfläche zu erweitern. „Die Arbeiten mit schwerem Gerät werden fortgesetzt“, sagt LKA-Sprecher Stefan Jung. „Das wird sich über die nächsten zwei Tage hinziehen.“ Es wurde also eine größere Bodenfläche aufgebrochen als zunächst geplant. Über Pfingsten seien keine Ergebnisse mehr zu erwarten, hieß es.

Der Türke Tekin Bicer aus dem Problemstadtteil Gaarden soll vor zwei Jahren im Streit um Drogengeschäfte auf dem Gelände einer Autowerkstatt in der Kieler Innenstadt misshandelt und dann getötet worden sein. Der damals 47-Jährige wurde erschossen, glauben Ermittler. Wenn das Ganze stimmt, hätte sich das Schreckliche nur einige Steinwürfe von der Polizeidirektion entfernt in einem dicht besiedelten Wohn- und Geschäftsviertel ereignet. Bis Sonnabend waren auf dem Hinterhof Spurensucher in weißen und gelben Schutzanzügen aktiv; danach wurde es dort wieder ruhig wie vorher.

Die Polizei hat das Anwesen des hannoverschen Hells-Angels-Chef Frank Hanebuth durchsucht. Einsatzkräfte waren mit einem Hubschauber auf dem Anwesen gelandet.

Bicers Fall steht im Zusammenhang mit groß angelegten Ermittlungen gegen kriminelle Rocker. Der Hells-Angels-Club in Kiel ist verboten, wie auch Rockergruppen in Neumünster und Flensburg. Die Polizei verfolgt eine „Null-Toleranz-Strategie“. Von eindeutig organisierter Kriminalität und verfestigten mafiösen Strukturen spricht Innenminister Klaus Schlie (CDU). Fast 200 Verfahren laufen in Kiel. Es geht um Menschenhandel im Zusammenhang mit Prostitution, um Körperverletzung, aber auch um Waffenhandel und Korruption. Drei Mitarbeiter der Stadt, des Gefängnisses und der Polizei stehen im Verdacht der Bestechlichkeit.

Auf Zeugenhinweise hin versuchen Ermittler seit Tagen, die Leiche des Vermissten zu finden. Vier Stunden werde es wohl dauern, hieß es am Freitag zuerst, dann sieben Stunden, dann gab es keine Prognose mehr.

Es ist eine bizarre Szenerie in dem Gewerbegebiet, in dem gleich hinter kleinen Betrieben einzelne Wohnhäuser stehen. Wenige Meter hinter Polizisten, die in dem abgesperrten Bereich unter schwarzen Uniformen schwitzen, spielen Kinder Fußball. Eine Familie kommt mit Blumen auf Besuch und darf das rot-weiße Absperrband passieren. Es kommen und gehen auch Leute, die optisch ins Rockermilieu passen könnten. Sie sind namentlich registriert und dürfen zu einem Haus, das hinter der von Hells Angels gemieteten Halle steht. Immer mal wieder fahren am Freitag und Samstag Autos ohne Polizeikennzeichen vor. Die Insassen gesellen sich zu den Ermittlern, verschwinden wieder. Ab Sonntag dominiert dann allein die grobe Technik.

Auf Sichtweite brausen am Wochenende gelegentlich schwere Motorräder heran; bullige Männer in schwarzem Outfit, irgendwann drehen sie ab. Dann eine kleine Erlösung beim anstrengenden Warten auf Ergebnisse bei der Leichensuche: „Talips Eisvergnügen“ rollt heran, ein bunter Kleintransporter bringt Eis und kalte Getränke. Polizisten, Journalisten und Arbeiter greifen zu. Es wird ziemlich heiß, wenn man stundenlang auf dem schattenlosen Platz wartet. Über das, was konkret in der Halle passiert, sagen Polizeisprecher nichts. „Wir arbeiten weiter“, „Wir ermitteln weiter“, das war’s. Schon am Samstag kursierten Gerüchte, ein Leichenwagen sei beordert worden. Ein solcher kam bisher nicht. Dafür erneut „Talips Eisvergnügen“.

dpa/sag