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Der Norden Kloster bereitet sich auf Jubiläum vor
Nachrichten Der Norden Kloster bereitet sich auf Jubiläum vor
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06:15 23.04.2012
Von Michael B. Berger
Foto: Das Kloster Loccum wird zum 850-jährigen Jubiläum restauriert.
Das Kloster Loccum wird zum 850-jährigen Jubiläum restauriert. Quelle: Finn
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Loccum

Für einen leibhaftigen Abt lebt Horst Hirschler (79) in ziemlich ungewöhnlichen Verhältnissen. Er ist verheiratet, hat mehrere Kinder nebst Enkelkindern. Zu allem Überdruss ist der Abt, ein gelernter Starkstromelektriker, noch ziemlich evangelisch. Ein Lutheraner durch und durch, der selbst spröde Pressekonferenzen mit Missionstrieb und Wortgewalt zum Kurzgottesdienst umfunktionieren kann. Hirschler ist wohl der ungewöhnlichste Abt nördlich der Alpen. Kein Wunder: Sein Kloster Loccum ist ein rein evangelisches.

Im nächsten Jahr soll Loccum bundesweit noch bekannter werden - durch die 850-Jahr-Feier, die das eher abgelegene Anwesen in der Weserregion wie ein Juwel in der Kulturlandschaft funkeln lassen soll. Denn Abt Horst, der frühere langjährige Landesbischof von Hannover, und eine Projektgruppe um den Pastor Michael Kalla und den Medienfachmann Roger Cericius haben mit dem früheren NDR-Kulturchef Hanjo Kesting und dem Musikprofessor Hans Bäßler ein anspruchsvolles Programm zusammengestellt. Es besteht aus fast 100 Veranstaltungen - Autorenlesungen, Konzerten, Festen und - natürlich - Gottesdiensten.

Zum 850-jährigen Jubiläum wird das Kloster in Loccum restauriert.

Zur Eröffnung des Jubiläumsjahres am 21. März 2013 hat sich bereits Bundespräsident Joachim Gauck angesagt, zu einer Lesung wenige Wochen später wird Literaturnobelpreisträger Günter Grass erwartet. Berühmte Chöre werden in Loccum auftreten, große Orgelkonzerte soll es geben. „Das ist nicht nur ein Klosterereignis, sondern eine ganze Region feiert mit“, sagt Cericius.

Dabei hat alles klein und unendlich mühsam angefangen. Zwölf Zisterziensermönche und ihr Anführer, ein Abt, hatten sich 1163 vom thüringischen Volkenroda auf den hügelreichen Weg gemacht, um ein neues Kloster zu gründen. Ihr Basisquartier schlugen sie in der Nähe des Steinhuder Meeres auf, in einer damals sumpfigen Gegend, nach alten Urkunden „ein Ort des Schreckens und der wüsten Einöde“, wie Abt Hirschler berichtet. Die Mönche haben begonnen, das Land urbar zu machen. Eine Schenkung der Grafen von Hallermund schuf die Grundlage eines späteren auch wirtschaftlich erfolgreichen Unternehmens. Neben Maulbronn zählt das Kloster Loccum heute zu den besterhaltenen Klosteranlagen Deutschlands - mit Klosterkirche, Kreuzgang, einer imposanten Pilgerscheune aus dem 13. Jahrhundert und einem Kapitelhaus aus der Barockzeit.

„Klöster waren von jeher innovative Institutionen. Sie haben Kulturlandschaften geschaffen. Zugleich waren sie auch Gegenorte zur säkularen Welt - auch zur Kirche, weil sie eine andere Ernsthaftigkeit vertraten“, sagt der amtierende hannoversche Landesbischof Ralf Meister. Das Motto des Jubiläumsjahres findet er ausgesprochen aktuell, als Antithese: „Wort halten“. Denn wenn es heute eine Schwäche gebe, bestehe sie darin, dass die Haltbarkeitsdaten etwa von politischen Aussagen sich oft nur noch nach Tagen bemessen ließen. „Manchmal nur noch nach Stunden.“

Im Kloster Loccum, das im 16. Jahrhundert evangelisch und ein Stift wurde, gelten da strengere Maßstäbe. Über Jahrhunderte wurde die Hora, der Abendgottesdienst, um 18 Uhr gefeiert. Nur, dass der Konvent irgendwann nicht mehr aus zölibatär lebenden katholischen Mönchen sondern aus evangelischen Geistlichen bestand. Krummstab und Mitra, die Zeichen eines Abtes, blieben indes, auch wenn man Abt Horst nur auf wenigen Fotos mit einer Mitra sehen kann, etwa bei seiner Amtseinführung im Jahr 2000, nachdem in Hannover Margot Käßmann zur Landesbischöfin ernannt war.

Bei der 750-Jahr-Feier, berichtet Hirschler, sei sogar der Kaiser gekommen, genauer genommen der Preußische König. Denn beim Klosterjubiläum 1913 war Wilhelm II. die oberste geistliche Aufsichtsperson im ehemaligen Königreich Hannover. „Da sah man auf alten Fotos den Abt neben dem König stehen, in der einen Hand den Krummstab, die andere an der Talarnaht.“ Strammstehen für den Kaiser. Bei der 800-Jahr-Feier mit Heinrich Lübke (1963) waren die Verhältnisse ziviler, mit Pastor a. D. Joachim Gauck, der Loccum kennt, dürften sie noch ziviler werden.

Eines hat die geplante Jubiläumsfeier jetzt schon vollbracht: An der Autobahn 2 weisen kurz vor der Ausfahrt Wunstorf große Schilder auf das Kloster hin. Und von Wunstorf, berichtet Rehburg-Loccums Bürgermeister Martin Franke, soll es künftig tatsächlich einen stündlich verkehrenden Expressbus nach Hannover geben. Auch nach dem Jubiläumsjahr. So innovativ können Klöster sein.

20.04.2012
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