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Der Norden Der "Todessee" von Hemmoor
Nachrichten Der Norden Der "Todessee" von Hemmoor
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00:16 03.02.2016
Von Gabriele Schulte
Für Taucher gibt es im Kreidesee viel zu entdecken – doch das Gewässer erfordert eine gute Ausbildung.Fotos: Gundlach (6) Quelle: Gundlach
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Hemmoor

Der Kreidesee ist in Taucherkreisen berühmt: 60 Meter tief und trotzdem hell. Unter der Oberfläche finden sich nicht nur Lachse und Regenbogenforellen, auch Ruinen der Zementindustrie, Autowracks und die frei schwebende Riesenskulptur eines weißen Hais begeistern die Taucher.

In der öffentlichen Wahrnehmung ist der See in Hemmoor im Kreis Cuxhaven jedoch berüchtigt, wird gar als „Todessee“ bezeichnet. Erst Anfang Januar starb ein Mann im kalten Wasser. Der 55-Jährige aus dem Ruhrgebiet war nach Angaben der Polizei seit 2010 der sechste Taucher, der dort ums Leben kam. „Hauptursachen der bisherigen Unfälle waren Defekte an der technischen Ausrüstung sowie Selbstüberschätzung“, sagt Sprecherin Anke Rieken. Auch Erkrankungen wie eine Herzschwäche könnten unter der besonderen Belastung des Tauchens zum Tode führen.

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Tauchen ist hier allein nicht erlaubt

Das ganze Jahr über springen Männer und Frauen in schützenden Ganzkörperanzügen von einer der Holzplattformen am Ufer - die Flossenfüße voran, auf dem Rücken die Pressluftflaschen. Immer sind sie mindestens zu zweit, das ist aus Sicherheitsgründen vorgeschrieben. Mithilfe eines kleinen akkubetriebenen Propellerfahrzeugs können Taucher den See in einer Stunde umrunden. Die Hinterlassenschaften des Kreideabbaus, die versenkten Schiffs-, Flugzeug- und Autowracks, aber auch Steilhänge und abgestorbene Bäume gelten als spannende Ziele.

Der Kreidesee Hemmoor ist bei Tauchern sehr beliebt - weil sich dort vieles findet, was man entdecken und bestaunen kann. Doch es kommt dort zu tödlichen Unfällen.

Da wegen des hohen Kalkgehalts kaum Pflanzen wachsen und die Kreide das Panorama erhellt, ist die Sicht mit bis zu 25 Metern besser als etwa in der Okertalsperre im Harz. „Aufgrund der guten Sichtweiten wird leider oft die Tauchtiefe unterschätzt“, sagt Holger Schmoldt, der Betreiber der Tauchbasis. Schon ab 30 Metern kann beim Tauchen mit normaler Druckluft ein Tiefenrausch einsetzen, der die Sinne vernebelt. Viele Taucher verwenden daher ein speziell abgestimmtes Luft-Gas-Gemisch. Auch die vor allem in großen Tiefen herrschende Kälte kann Probleme mit sich bringen, etwa wenn Ventile an den Druckluftflaschen vereisen.

Das Problem: Selbstüberschätzung

Selbstüberschätzung, sagt ein anderer erfahrener Taucher, sei immer wieder zu beobachten. „Das ist so ein Männerding“, meint er. „Da muss es dann tiefer gehen, als eigentlich gut ist.“

Die Zahl der Unfälle in Hemmoor führt die Polizei auf die große Beliebtheit des Sees zurück: Jährlich rund 30 000 Taucher aus dem In- und Ausland, die meisten davon Hobbysportler, gehen in Sommer wie Winter dort in die Tiefe, viele davon zwei- bis dreimal an einem Tag. „Auf einer viel befahrenen Autobahn passieren auch mehr Unfälle als auf einer, wo wenig Verkehr ist“, sagt Rieken. Berücksichtigt man die Zahl der Taucher, liegt die Unfallquote in Hemmoor sogar deutlich unter dem Durchschnitt.

Kommune proftiert von der Tauchstation

So sieht es auch Holger Struck vom Ordnungsamt. Die Kommune profitiert touristisch enorm von der Tauchstation, um die herum Ferienhäuser, ein Campingplatz und weitere Übernachtungsmöglichkeiten stehen. „Ab Ostern ist da richtig was los“, berichtet der Amtsleiter. Es gebe eine recht strenge ordnungsrechtliche Verfügung, wonach die Basis beispielsweise seit Jahrzehnten ein Rettungsboot vorhalten muss - „das war vor 20 Jahren anderswo noch nicht selbstverständlich“.

Weitere Vorschriften seien hinzugekommen, etwa die Anweisung, gefährliche Gebäudeteile unter Wasser zu vergittern und sich beim Einchecken besondere Qualifikationen vorlegen zu lassen. Stets habe der Betreiber gut kooperiert. „In Hemmoor gewährleisten die Veranstalter größtmögliche Sicherheit für die Taucher“, sagt auch Michael Melcher. Der Tauchlehrer aus Lengede bei Peine bildet im Kreidesee seit 15 Jahren regelmäßig Schüler im besonders anspruchsvollen Technischen Tauchen aus und berichtet, auch er werde vom Betreiber immer kontrolliert.

Ermittlungen zum Unfall laufen noch

Was die Ursache des tödlichen Unfalls vom Beginn des Jahres war, wird noch ermittelt. Die Tauchgeräte des 55-Jährigen werden untersucht. Anzeichen von Panik, weil vielleicht etwas mit den Ventilen nicht stimmte, hatte es bei dem Mann aus Mülheim nach Aussagen seines Tauchpartners nicht gegeben. Vieles deute auf einen Herzinfarkt hin, sein Freund sei plötzlich bewusstlos gewesen. Die Polizei erhofft sich bald Klarheit.

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