Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Der Norden Ist Hochwasserschutz eine Gefahr für das Alte Land?
Nachrichten Der Norden Ist Hochwasserschutz eine Gefahr für das Alte Land?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:23 05.12.2016
Von Gabriele Schulte
„Dörfer auf Abruf“: Direkt hinterm Deich der Este liege diese Wohnhäuser in Hamburg-Cranz.
„Dörfer auf Abruf“: Direkt hinterm Deich der Este liege diese Wohnhäuser in Hamburg-Cranz. Quelle: Bellin
Anzeige
Buxtehude

Das Alte Land an der Elbe fürchtet um seinen Fortbestand. Nicht etwa die Angst vor Überflutungen treibt die Bewohner um. Vielmehr wirft ein parteiübergreifendes Bündnis aus der Region dem niedersächsischen Umweltministerium vor, mit seinen strengen Vorgaben zum Hochwasserschutz die besondere Kulturlandschaft zu gefährden. Laut niedersächsischem Deichgesetz dürfen nämlich Häuser, die dicht an den Nebenflüssen der Elbe und deren Deichen stehen, nicht mehr erneuert werden, von Neubauten ganz zu schweigen. Altländer Kommunen, Vereine und Verbände bemühen sich beharrlich um eine Ausnahmeregelung für ihr Gebiet. „Im Alten Land liegen die Dörfer sehr dicht an und teilweise auch auf den Deichen“, sagt Michael Nyveld, Erster Stadtrat in Buxtehude. „Das passt nicht zu einem generalisierten Gesetz.“

Auch Bäume verboten

Rund ein Viertel der Menschen im Alten Land leben in Häusern, deren Genehmigung aufgrund des Landesdeichgesetzes jederzeit widerrufen werden kann - unter anderem an den Flussdeichen der Este und Lühe; auch die Buxtehuder Innenstadt ist betroffen. So ist es nicht nur schwer, bei Banken eine Hypothek zu bekommen. „Im Brandfall darf ein Haus innerhalb der 50-Meter-Deichschutzzone nicht wieder aufgebaut werden“, kritisiert Rainer Podbielski vom Anliegerverband IG Este. Auch Bäume dürften den Vorgaben aus Hannover nach vielerorts nicht mehr gepflanzt werden. „Man will das Alte Land offenbar abräumen“, meint der Ingenieur.

Das Thema kam kürzlich im Umweltausschuss des Landtages ebenso zur Sprache wie bei einem Runden Tisch zum Hochwasserschutz in der Kreisstadt Stade. Bisher will sich das Land nicht auf eine Ausnahmeregelung einlassen, die unter anderem der Stader Kreistag einstimmig und auch die CDU-Fraktion im Landtag forderten: Für das Alte Land sollte demnach eine Sonderverordnung ermöglicht werden.

Staatssekretärin Almut Kottwitz (Grüne) argumentiert mit der Hochwassergefahr, die nicht zuletzt wegen des Klimawandels von den Seitenflüssen der - bereits seit den Sechzigerjahren hoch eingedeichten – Elbe ausgehe. Für die Innenstadt von Buxtehude, das an der Este liegt, hat die Niedersächsische Landesbehörde für Wasser-, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) eine höchst umstrittene Umwallung mit Mini-Deichen und Spundwänden für sechs Millionen Euro geplant. Anlieger anderer Orte am Fluss fürchten, dass ihre Dörfer dann umso mehr Wasser abbekommen. Auch Buxtehude selbst bezweifelt, dass die vom NLWKN vorgelegten Prognosen zum möglichen Wasserhöchststand stimmen. Lässt sich die Stadt aber nicht auf den Vorschlag ein, drohen Bauverbote. „Zurzeit arbeiten wir die Einwendungen gegen die Hochwasserschutzplanung Buxtehude ab“, sagt ein Sprecher der Landesbehörde. Unter anderem werden die Prognosen neu berechnet.

Hoffnung setzen die Altländer auf die Umsetzung des kürzlich abgeschlossenen Bundesprojekts „Klee“ (Klimaanpassung Einzugsgebiet Este) mit starker Beteiligung der Anliegerkommunen. Dort sind neben weiteren Eindeichungen auch Renaturierungsmaßnahmen und Überflutungswiesen im Gespräch. „Man muss versuchen, den Fluss von der Quelle bis zur Mündung zu beherrschen“, sagt Anwohnervertreter Podbielski. Gleichzeitig sei im Deichgesetz die geforderte Ausnahme für die Siedlungen im Alten Land dringend nötig: „Sonst haben wir Dörfer auf Abruf.“

05.12.2016
Heiko Randermann 05.12.2016